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zu Wahlen in Russland
Schlüsselthemen der Gegenwart brauchen keine ruhige Hand

Claus Liesegang - Chefredakteur Märkische Oderzeitung
Claus Liesegang - Chefredakteur Märkische Oderzeitung © Foto: MOZ
Meinung
Claus Liesegang / 13.03.2018, 19:35 Uhr - Aktualisiert 14.03.2018, 11:53
Berlin (MOZ) Am Sonntag wählen die Russen Wladimir Putin zum vierten Mal zu ihrem Präsidenten. Spätestens dann wird man hierzulande einmal mehr die Gleichgültigkeit und das Phlegma des russischen Wahlvolks kritisieren. Auch wenn dort Opposition unterdrückt und freie Meinungsäußerung immer wieder hart bestraft wird, so wird man Mütterchen Russland doch vorwerfen, sich in wunderbarer Oblomowscher-Tradition mit seinem mäßig komfortablen und verantwortungsarmen Leben zu arrangieren, statt für eine bessere Zukunft aufzustehen, etwas zu wagen, auch wenn's anstrengend wäre. Man wird ihm vorhalten, in Trägheit zu verharren und sich ganz genauso zu verhalten, wie der Schriftsteller Iwan Gontscharow mit dem Adeligen Ilja Iljitsch Oblomow in seinem gleichnamigen Roman den Russen den Spiegel vorhielt: teilnahmslos und passiv. Aber ist diese Kritik überhaupt zulässig, nachdem Deutschland bereits heute, wie Putin zum vierten Mal, seine eigene Oblomowa zur Kanzlerin wählt?

Diejenigen, für die Angela Merkel im Laufe ihrer Amtszeit seit 2005 nicht zur Reizfigur mutiert ist, also die, für die Merkel immer noch "Mutti", Leitfigur oder gar Ikone ist, nennen als ihre Qualitäten zurecht Stabilität, Ausdauer und Geduld. Sie kaschieren damit aber Merkels Defizite, ihre fehlende Vision für Deutschlands Zukunft, und dass sie keinerlei Sprinterqualitäten besitzt zur Lösung von Problemen. Exemplarisch genannt sei hier die Digitalisierung. Das Schlüsselthema der Gegenwart und Zukunft führt am deutlichsten die Halbherzig- und Mutlosigkeit des Koalitionsvertrags vor Augen.

Nicht, dass Merkels ruhige Politik nicht lange gut und richtig für Deutschland gewesen wäre. Aber dann vernebelte das "Weiter so" den Blick für die erst aufkeimenden, dann wachsenden Probleme. Aus Stabilität wurde Stagnation, und diese zu preisen wäre verantwortungslos. Wie ließe sie sich auch loben, angesichts wachsender Fremdenfeindlichkeit und zunehmenden Antisemitismus? Wie ließe sie sich gutheißen, das labile Europa, die Bildungs- und Betreuungsmängel vor Augen, wie könnte das sein angesichts fortwährend fehlender Chancengleichheit in Ost und West und der Tatsache, dass der Frieden in Europa durch neuerliches Rüsten, fehlende Dialogbereitschaft und nationale Kleingeisterei in Gefahr gerät?

Darum, wenn Sie heute wieder zur Bundeskanzlerin gewählt werden, stehen Sie nun bitte auf von Ihrem Diwan, Oblomowa Merkel, und zeigen Sie, dass sie verstanden haben! Zeigen Sie, dass Sie es schaffen! Damit ihre Kanzlerschaft nicht endet, wie Gontscharows Roman.

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