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Warum Frank Ruhnau in Biesenthal trotz Filialapotheke skeptisch in die Zukunft schaut

Zukunft
Landapotheker leiden unter Versandhandel

Beratung ist ihr höchstes Gut: Apotheker Frank Ruhnau (Mitte) mit seinem Kollegen Harald Weber beim Kerngeschäft, der Kundenberatung.  ⇥
Beratung ist ihr höchstes Gut: Apotheker Frank Ruhnau (Mitte) mit seinem Kollegen Harald Weber beim Kerngeschäft, der Kundenberatung.  ⇥ © Foto: Sergej Scheibe
Sarah Friedrich / 24.03.2018, 06:00 Uhr
Biesenthal (MOZ) Es ist ein ungleicher Kampf. Landapotheken im Barnim stemmen sich gegen den Versandhandel aus dem Internet, der mit Rabatten wirbt. Ein Apotheker aus Biesenthal erzählt von den Risiken, die der Kauf von Medikamenten außerhalb der Apotheke mit sich bringen kann.

Die Apotheken in Biesenthal sind Anlaufstellen für Menschen, die zwischen Bernau und Eberswalde wohnen. Aber auch aus beiden Städten kommen mittlerweile Kunden zu Frank Ruhnau, der mit seinen Filialen genau in der Mitte liegt.

Im Jahr 2007 hat er die Apotheke im Ärztehaus von Biesenthal übernommen. Seit 2012 betreibt er zusätzlich die Apotheke am Markt der Stadt als Filialapotheke. Er arbeitet in einem Verbund von 13 Barnimer Apotheken, sprich alle zwei Wochen hat er einmal Notdienst. Problematisch sei, dass Patienten aus entlegeneren Orten Wirkstoffe verschrieben bekommen, die bei ihm nicht üblich sind.  Besonders an Sonntagen ist es dann schwierig, den Kontakt zum behandelnden Arzt herzustellen. Meist dreht es sich um Antibiotika mit speziellem Wirkstoff.

„Die Arbeit wird nicht einfacher, die Bürokratie eher mehr“, berichtet er, der immer weniger Zeit für Kernaufgaben hat. Dazu zählen vor allem die Beratung der Kunden und die Herstellung von Medikamenten. Zudem muss er häufig Überzeugungsarbeit leisten, dass die Patienten die Medizin auch wirklich einnehmen, die der Arzt ihnen verschrieben hat. „Die Menschen waren schon immer kritisch. Aber seit der Einführung der Rabattverträge hat sich das noch verschärft.“ Bei einem Rabattvertrag sagt ein Pharmahersteller einer Krankenkasse zu, dass er für ein Medikament oder auch ein ganzes Sortiment einen Rabatt auf den bundesweit einheitlichen Verkaufspreis gewährt. Alle zwei Jahre handeln die Kassen neue Rabattverträge aus. Dann kann es sein, dass der Apotheker ein neues Präparat mit dem gleichen Wirkstoff aushändigt. „Viele Kunden irritiert das, sind sie doch ihre Medikamente gewohnt“, berichtet Ruhnau.

Der tägliche Kampf in der Apotheke bestehe darin, dass man morgens nicht weiß, wie der Tag abläuft, erzählt Frank Ruhnau weiter. Pharmazeutisches Personal ist nicht mehr leicht zu finden.  In Eberswalde habe eine Apotheke aufgrund von Personalmangel geschlossen. Die Chefin stand zum Schluss nur noch mit einer Mitarbeiterin da. Einen Nachfolger für eine Landapotheke zu finden sei heute, gelinde gesagt, kompliziert.

Das liegt auch am größten Feind der Apotheker, dem Versandhandel. So kommt es nicht selten vor, dass sich Patienten vor Ort informieren, um das Medikament schließlich im Netz zu bestellen, weil ausländische Versandapotheken Rabatte gewähren, die sich Präsenzapotheken nicht leisten können und dürfen, weil sie  sich an die Arzneimittelpreisverordnung halten müssen. Neuerdings geht das auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, weil der Europäische Gerichtshof diesen Bestellweg mit einem Urteil erlaubt hat. „Einfach ungerecht“ ist das laut Frank Ruhnau und „nicht ungefährlich“. Es werden Präparate bestellt, ohne dass jemand über Risiken und Nebenwirkungen aufklärt. Hier habe es schon Zwischenfälle gegeben, etwa mit Mitteln zur Gewichtsreduktion, die Bandwürmer beinhalten. Unfair sei auch, dass Versandhändler oft mit einer Geldstrafe davon kommen, während der Apotheker bei einem unerwünschten Zwischenfall persönlich haftet.

Und weil man mit Medikamenten  mehr Geld verdienen kann, als mit Drogen, entwickeln sich mafiöse Strukturen in der Branche, berichtet Frank Ruhnau weiter. Vor allem bei teuren Krebsmedikamenten seien gefälschte Präparate aufgetaucht, die einen anderen oder aber  gar keinen Wirkstoffgehalt aufweisen. Hier soll es ab dem kommenden Jahr eine Art QR-Code auf den Packungen geben. Vom Hersteller bis zum Apotheker vor Ort kann dann die komplette Handelskette nachvollzogen werden.

Daten und Fakten

■Die Zahl der Apotheken in Deutschland ist Ende 2017 auf 19.748 gesunken. Die aktuelle Zahl markiert den tiefsten Stand seit 30 Jahren – 1987 gab es in Ost- und Westdeutschland zusammen mit 19.637 letztmalig noch weniger Apotheken. Das zeigen Erhebungen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, die auf den vollständigen Angaben der Landesapothekerkammern beruhen. Der Rückgang von 275 Betriebsstätten ergibt sich aus dem Saldo von 120 Neueröffnungen und 395 Schließungen. Auffällig ist, dass auch der Trend zur Eröffnung von Filialen immer schwächer wird und die Schließung von Haupt- beziehungsweise Einzelapotheken immer weniger kompensieren kann.

■ In Deutschland gilt das Fremd- und Mehrbesitzverbot, das es Apothekern erlaubt, neben der Hauptapotheke bis zu drei Filialen in enger räumlicher Nähe zu betreiben, für die sie persönlich haften.

■Im Koalitionsvertrag haben sich CDU CSU und SPD dazu bekannt,  Apotheken vor Ort zu stärken. So will sich die Regierung für ein Versandhandelsverbot mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln einsetzen.

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