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Konzert
Raue Rebellion von Renft

Unüberhörbar: Thomas Schoppe
Unüberhörbar: Thomas Schoppe © Foto: Aileen Hohnstein
Aileen Hohnstein / 26.03.2018, 06:00 Uhr
Oranienburg Es ist ein Angriff auf die Stimmbänder, den Thomas Schoppe da am Freitag abliefert. Zwei Stunden lang reizt er, den Fans auch „Monster“ nennen, die Grenzen des Machbaren aus. Schmeichelt mal mit sanfter Stimme, röhrt aber noch viel öfter heiser die traurig-sehnsüchtigen und ehemals provokanten Hits der DDR-Kultrockband Renft ins Mikro und garniert diese mit unwahrscheinlich in die Höhe geschwurbelten Tönen. Das „Monster“ gibt alles und reißt seine Fans in der Oranienburger Orangerie mit.

Es kann nur einen geben, der so überzeugend zwischen Blues und Rock ins Wolfsgeheul ausbrechen kann, das wird gleich zu Beginn des Konzerts beim Titel „Liebeslied“ deutlich. Dann fordert der Renft-Frontmann von den Menschen vor der Bühne mehr Mut, mehr Lautstärke.

Thomas Schoppe ist Renft, keins der Bandmitglieder von damals lebt noch. Doch er hält das musikalische Erbe der Kultgruppe aufrecht und mit ihm die Musiker, die er um sich schart. Schlagzeuger Delle Kriese wird bejubelt, Bassist Marcus Schloussen und Gitarrist Gisbert Piatkowski erhalten Zwischenapplaus. „50 Jahre Renft – akustisch“ heißt die Jubiläumstour durch Deutschland. Die Auftritte sind gefragt, schon vor einem Jahr gab Renft ein umjubeltes Konzert in Oranienburg. Die Erinnerung an damals, die Kraft der Texte begeistern noch immer die Fans. „Das war meine Jugend“, sagt ein Zuhörer.

1958 als Klaus Renft Combo gegründet, war die Band nach erstem Auftrittsverbot ab 1967 in der DDR beliebt, wurde 1975 wegen regimekritischer Texte mit Weisung von ganz oben schließlich verboten. Nach der Wende war die Bandgeschichte ebenfalls bewegt: Wiederbegründung, Musikerwechsel, Streit, Auflösung und der Tod von Bandmitgliedern sorgten dafür, dass lange keine Ruhe einkehrte. Thomas Schoppe hält nun das, was damals die Band ausmachte, in Ehren und ruft: „Renft hat 1975 den Mut gehabt, dem Establishment die Stirn zu bieten und ich war dabei.“

Musikalische Provokation und Rebellion drückten sie in Texten wie der „Rockballade vom kleinen Otto“ aus, in der offen Fluchtgedanken aus dem DDR-Regime besungen wurden. Politische Spannungen gibt es auch heute. Schoppe formt schon einmal seine Lippen zur legendären Trump-Schnute und wirft zwischendurch kurze Bemerkungen zu Deutschland, Russland, China und Amerika ins Publikum, die einen bisweilen etwas ratlos zurücklassen. Doch wenn es zu den Renft-Hits kommt, sind die Fans wieder dabei, singen mit und klatschen beherzt im Takt, Fäuste werden begeistert in die Luft gereckt, wenn die Lieblingslieder angestimmt werden. „Gänselieschen“, „Ermutigung“ ruft es aus den Zuschauerreihen, als Thomas Schoppe nach Liedwünschen fragt. Diese und noch viele Songs mehr wie „Cäsars Blues“, „Der Apfeltraum“ oder „Wer die Rose ehrt“ bekommen die Konzertbesucher, die Renft zum Schluss mit Zugabe-Rufen und Standing Ovations belohnen.

Thomas Schoppe, 72 Jahre alt, denkt noch nicht ans Aufhören. „Da ist noch Luft“, ruft jemand aus dem Publikum. Stimmt. Sänger und Gitarrist Chuck Berry stand auch noch mit 85 Jahren auf der Bühne, sagt Gitarrist Piatkowski. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen in Oranienburg ist also durchaus berechtigt. Am Freitag wollen die Leute in der Orangerie die Musiker kaum gehen lassen. „Danke Renft“, ruft ein Mann lautstark nach vorn. Großer Applaus.

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