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Britischer Gesetzgeber verteuert süße Getränke - das entfacht auch in Deutschland eine neue Debatte

Konsum
Streit um eine Zuckersteuer

Süße Verführer: Rote Brause, Cola und Energy-Drinks tragen zum viel zu hohen Zuckerkonsum bei.
Süße Verführer: Rote Brause, Cola und Energy-Drinks tragen zum viel zu hohen Zuckerkonsum bei. © Foto: dpa/Monika Skolimowska
Hajo Zenker / 29.03.2018, 06:45 Uhr
Berlin (MOZ) Mehr als 50 Gramm Zucker – also 16 Stück Würfelzucker – soll man laut Weltgesundheitsorganisation am Tag nicht aufnehmen. Die Deutschen kommen auf 28 Stück. Eine britische Steuer hat auf der Insel zu starken Zuckerreduzierungen in Getränken geführt. Und bei uns die Diskussion erneut angestoßen.

„Deutschland ist ein absolutes Entwicklungsland bei der Zuckerreduktion“, klagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. Man sei sich mit Ärzten und Verbraucherschützern über das Nötige seit langem einig. Erstens brauche man eine transparente Lebensmittelkennzeichnung. Zweitens müsse das Kindermarketing für zucker-, fett- und salzhaltige Lebensmittel aufhören. „Wir brauchen hier ein striktes Werbeverbot.“ Und drittens müssten die Hersteller ihre Rezepturen anpassen. „Und wenn das alles nicht hilft, bleibt als letztes Mittel immer noch eine Zucker-, Fett- und Salzsteuer.“ Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat sogar schon eine konkrete Zahl: Präsident Professor Dirk Müller-Wieland fordert für Softdrinks 28 Prozent Mehrwertsteuer (statt bisher 19 Prozent).

Dass aus alldem noch nichts geworden ist, liegt an der Politik. Die AOK ist sich da etwa mit Ursula Schulte, der ernährungspolitischen Sprecherin der SPD, einig: Der bisherige Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) sei untätig geblieben. Auch Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, der Dachorganisation aller 110 gesetzlichen Kassen, betont, dass zur Vorbeugung gegen viele Erkrankungen die Verringerung des Zuckeranteils sehr hilfreich wäre. „Über eventuell geeignete regulatorische Maßnahmen zu entscheiden, liegt aber in den Händen der Politik.“

Deshalb richten sich nun alle Blicke auf die neue Ministerin Julia Klöckner (CDU). Die hat zunächst eine Gesamtstrategie zum Reduzieren von Kalorien angekündigt, was die AOK erfreulich findet. Enttäuschend sei dagegen, wenn sie auf ein unverzichtbares Element einer solchen Strategie verzichtet, nämlich die Lebensmittel-Ampel, die auf den ersten Blick signalisiert, ob ein Produkt besonders viel Fett, Zucker, Salz enthält.

Dass es geht, zeigt Großbritannien. Wegen der ab 6. April geltenden Steuer haben diverse Hersteller den Zuckergehalt in Getränken deutlich gesenkt. Laut Foodwatch reduzierte etwa Coca-Cola den Zuckergehalt bei Fanta und Sprite dort von 6,9 auf 4,6 beziehungsweise von 6,6 auf 3,3 Gramm pro 100 Milliliter.

Coca-Cola Deutschland mag aber keinen Zusammenhang mit der Zuckersteuer sehen. Das habe das Unternehmen in Großbritannien lange vor der Ankündigung der Steuer beschlossen. Diese Aussage verkennt den öffentlichen Druck, der auf der Insel herrscht. Vorreiter war Professor Graham MacGregor, Mediziner von der Queen Mary University of London. Er hatte 2014 zusammen mit anderen Experten und Starkoch Jamie Oliver eine große Kampagne gegen den allgegenwärtigen Zucker gestartet, der für Karies, Fettleibigkeit und Diabetes 2 sorge. Letztlich mit dem Ergebnis der Steuer. Auf Selbstverpflichtungen der Industrie, sagt MacGregor, dürfe man sich nicht verlassen: „Die wissen, was sie anbieten. Aber sie verdienen daran sehr gut.“ Deshalb brauche man gesetzlich verbindliche Ziele. Aber auch öffentlicher Druck sei nötig. Und so hat die Industrie auf der Insel freiwillig 10 000 Produkte mit der Ampel gekennzeichnet, gegen die sich die Hersteller in Deutschland verbissen wehren. Und bisher das Ernährungsministerium an ihrer Seite haben.

Wie es jetzt konkret weitergehen soll, ließ Klöckners Pressestelle unbeantwortet. Ursula Schulte von der SPD jedenfalls pocht auf den Koalitionsvertrag. Noch 2018 soll für die Nationale Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz ein Konzept erarbeiten werden, versehen mit „verbindlichen Zielmarken und einem konkreten Zeitplan“. Und eigentlich steht dort auch die Lebensmittelampel drin. Findet zumindest die Hamburger SPD-Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks. Das habe man „erfolgreich hineingeschmuggelt“. Laut Koalitionsvertrag will man nämlich „eine verständliche und vergleichbare Lebensmittelkennzeichnung“ gewährleisten. Die Angaben (etwa zum Zucker) auf der Packung sollten „gegebenenfalls vereinfacht visualisiert“ sein. Da besteht wohl noch Redebedarf in der großen Koalition.

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