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Der Historiker Jan Musekamp übernimmt mit Unterstützung des DAAD seine erste Professur in Pittsburgh

Viadrina-Wissenschaftler
Von der Europa-Uni in die USA

Dietrich Schröder / 05.04.2018, 06:30 Uhr
Frankfurt (MOZ) Flucht- und Wanderungsbewegungen  in der Geschichte Deutschlands, Polens und Osteuropas waren bisher das große Thema des Historikers Jan Musekamp von der Europa-Universität. Jetzt wandert er mit diesem Thema selbst aus, um es als Professor in den USA weiter zu bearbeiten.

„Sämtliche Geschichte ist die Geschichte von Migrationen.“ Diese Sichtweise des türkisch-britischen Autors Moris Farhi ist so ganz nach dem Geschmack von Jan Musekamp. Nicht zuletzt, weil der geborene Rheinländer seine Heimat nach der deutschen Wiedervereinigung selbst verlassen hat, um ganz im Osten des Landes –  an der damals neu gegründeten Europa-Universität – zu studieren.

Hier an der Oder richtete sich sein Blick aber nicht nur auf die Umbrüche in Ostdeutschland, sondern auch auf Veränderungen, die weiter zurücklagen: die Vertreibung der Deutschen aus den früheren Ostgebieten und die Neuansiedlung von Polen nach 1945. Musekamp gehörte zu jener Gruppe von Studierenden, die die „Terra Transoderana“  – das Land an beiden Ufern der Oder – als Abenteuergebiet erforschten, in dem unzählige Geschichten zu entdecken waren. Und die darauf Wert legten, die unterschiedlichen Perspektiven von Deutschen und Polen auf die Geschichte als gemeinsame Erzählung zusammenzuführen.

Mit seiner Dissertation über die Metamorphose Stettins von einer deutschen in eine polnische Stadt sorgte Musekamp für Aufmerksamkeit in der Wissenschaftswelt. Und es war gewiss auch kein Zufall, dass er an der Viadrina den Bund fürs Leben mit seiner polnischen Ehefrau Wioletta schloss, aus dem eine Familie mit drei Kindern geworden ist, die sich an beiden Ufern der Oder zu Hause fühlt.

„Nun aber ist es Zeit für eine neue Veränderung“, sagt der inzwischen 42-Jährige. Nachdem er seine Habilitation vollendet hat, in der es – grob gesagt – um den Einfluss geht, den die Entwicklung der Eisenbahnen im 19. Jahrhundert auf die europäischen Migrationsströme hatte, schaute sich Musekamp nach einer Professoren-Stelle um. „Das sollte eigentlich das Normalste der Welt für einen Wissenschaftlers sein“, sagt er. In Deutschland ähnele diese Suche jedoch einem „Roulettespiel“, zumal für einen Geisteswissenschaftler.

Professorenstellen und die damit verbundenen Aufstiegsmöglichkeiten sind hierzulande rar. Auf mehr als ein Dutzend habe er sich in den vergangenen Monaten beworben. Doch mit 42 gelte man in Deutschland noch als zu jung, während man in anderen Ländern schon verdächtig alt erscheine.

Nun aber hat es geklappt. Ab 1. August wird der Deutsche die erste Professur seines Wissenschaftlerlebens an der University of Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania antreten. Diese Uni hat etwa 30 000 Studenten, ist also etwa sechsmal so groß wie die Viadrina. Doch das Beste: Der neue Job ist so gut dotiert, dass Musekamp auch seine Frau und die drei Kinder mit nach Amerika nehmen kann. „Letzteres liegt freilich auch daran, dass die Professur vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) kofinanziert wird“, erläutert der Historiker.  Diese Organisation setzt sich für den Austausch deutscher und internationaler Wissenschaftler ein und bezahlt etwa Zuschüsse für die Miete und das Schulgeld in den USA.

Apropos Schule: „Unser großer Sohn Adrian (12 Jahre) freut sich schon ganz doll auf den Wechsel“, sagt Musekamp. Zwillingsschwester Laura dagegen sei skeptischer, weil sie die Berichte über das Attentat eines bewaffneten Amokläufers auf eine Schule in Florida gesehen hat.

„Überhaupt fragen uns viele, wie wir ausgerechnet jetzt in der Trump-Ära in die USA gehen können“, berichtet Musekamp. Zwar habe auch er selbst von seinem Vater  – einem Alt-68er – „einen gepflegten Anti-Amerikanismus mit auf den Weg bekommen“, wie er freimütig berichtet. Während eines Studienaufenthalts in St. Louis (Missouri), den er schon vor sechs Jahren dank der VW-Stiftung absolvieren konnte, stellte er jedoch fest, dass die geisteswissenschaftlichen Unis in den Staaten Horte des Liberalismus und der Demokratie sind.

„Dort herrschen auch nicht so statische Hierarchien wie in Deutschland“, berichtet der Historiker, der sich als Vertreter des wissenschaftlichen „Mittelbaus“ der Viadrina in deren Personalrat für bessere Arbeitsbedingungen seiner Kollegen engagiert hat. Zwar hat er seine Koffer noch nicht gepackt („Ich habe ausgerechnet, dass ich 23 Bananenkisten für den ganzen Kram aus meinem Büro brauche.“), doch schon jetzt steht fest, dass am 26. August seine beiden Vorlesungen über Migration und Nationalismus in Pittsburgh beginnen werden. Dass diese Themen derzeit gefragt seien, liege zweifellos mit an der Politik von Donald Trump.

Auch als Forscher will sich Musekamp weiter mit Wanderungsbewegungen und gemischten Gesellschaften bewegen. „Mein Vertrag läuft zunächst für zwei Jahre“, sagt er, „dann kann ich entscheiden, ob ich verlängere, oder ob unsere Familie nach Europa zurückkehrt.“

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