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Weltkriegsbombe
Lange Nacht für 5000 Frankfurter

Lisa Mahlke, Thomas Gutke / 11.04.2018, 20:44 Uhr - Aktualisiert 12.04.2018, 09:06
Frankfurt (Oder) (MOZ)

Gegen 0.30 Uhr gaben Stadt und Polizei Entwarnung: Ralf-Tore Fabig vom Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte die Weltkriegsbombe, die am Nachmittag im Lennépark gefunden worden war, entschärft. 5000 Frankfurter konnten zurück in ihre Wohnungen. Es war das Ende einer langen, anstrengenden Nacht für viele Betroffene und Helfer.

In der Nacht zu Mittwoch wurde in Frankfurt (Oder) ein Blindgänger entschärft.
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Bombenentschärfung im Lennè-Park

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„Wer mit zur Brandenburg-Halle fahren will, muss jetzt einsteigen“, ruft ein Fahrer der drei Busse, die die Stadtverkehrsgesellschaft am Dienstagabend zur Evakuierung bereitgestellt hatte. Michał und Agnieszka Maziec setzen sich mit ihren vier Kindern nach ganz hinten in den Gelenkbus. Die achtjährige Wiktoria, der zwei Jahre jüngere Oskar und die Vier- und Zweijährigen Julia und Mateusz wirken aufgeweckt, dafür dass es kurz vor neun ist und sie schon gebadet im Bett gelegen hatten. „Wir wohnen am Karl-Ritter-Platz“, so die Eltern. Mit ein paar Windeln, Taschentüchern und Getränken im Gepäck pilgerten sie mit ihren Kleinen zum Bus.

Um den Schlaf gebracht hatte sie eine 50 Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Blindgänger war am Nachmittag etwa auf Höhe der Karl-Marx-Büste bei vorbereitenden Arbeiten für archäologische Untersuchungen gefunden worden.  Die Stadt lässt dort die Hangbereiche zur Halben Stadt, die Gehwege, den Übergang zur Karl-Marx-Straße sowie den Brückenbereich mit der Grotte neu gestalten.

So recht in einen der Busse steigen wollten Marlies und Rainer Schulz zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Sie standen gegenüber vom Restaurant Fratelli, in dem an diesem Abend die Lichter ausblieben, und schauten zu den Balkonen hinter sich. „Solange da noch jemand drin ist, geht es hier sowieso nicht weiter“, bemerkten sie. Das Rentnerpaar hatte sich zu Hause gerade den Fernseher angemacht, da schaute Marlies Schulz aus dem Fenster und sah zufällig die Feuerwehr, die zur Evakuierung die Blöcke und Hochhäuser durchkämmte.

Manch einem kam das Klingeln der Feuerwehrleute zu spät. „Ich hatte schon um halb acht im Fernsehen etwas über die Evakuierung gesehen“, erzählte Regina Tiedtke, die in der Rosa-Luxemburg-Straße wohnt. Sie habe gedacht, dass ihre Wohnung nicht mehr im Sperrkreis liege, weil niemand kam – bis es um 21.30 Uhr doch noch klingelte. „Meiner Meinung nach sind alle ein bisschen überfordert und können mit uns nichts anfangen“, erzählte sie im Ausweichquartier Brandenburg-Halle.

Dort saßen die Betroffenen auf den Rängen und auf zusätzlichen Klappstühlen; die ein oder anderen lehnten sich aneinander, um vielleicht doch ein Auge zuzudrücken; Kinder spielten Fange und Ball; es gab Kaffee, Tee und ein Lieferdienst brachte kostenlos Pizza vorbei. Viele Betroffene spazierten bei sommerlichen Temperaturen mitten in der Nacht durch die Innenstadt oder schliefen bei Familie oder Bekannten. Nur ein paar Hundert hielten sich in der Sporthalle auf – darunter viele ältere Menschen mit Gehhilfen. Der blinde Rollstuhlfahrer Gustav Burosch und seine Frau wurden von einem DRK-Fahrdienst aus der Mühlengasse abgeholt. Auch die 84-jährige Gisela Jahn, die an zwei Gehstöcken läuft, wurde vom Krankentransport gefahren. Andere Anwohner waren hingegen enttäuscht. Eine Rollstuhlfahrerin und ihre Begleitperson, die sich tags darauf bei der MOZ meldeten, warteten zwei Stunden vor dem Hochhaus in der Halben Stadt 27 auf einen Krankentransport. Als dieser nicht kam, gingen sie zurück in ihre Wohnung.

Insgesamt waren zirka 5000 Frankfurter in 350 Gebäuden betroffen. Darunter die großen Wohnblöcke im Bruno-Peters-Berg oder in der Halben Stadt. 183 Einsatzkräfte halfen bei der Räumung und Absicherung des Sperrkreises; darunter 26 Angehörige vom Katastrophenschutz der Hilfsorganisationen DRK, DLRG und der Johaniterunfallhilfe, 134 Einsatzkräfte der Feuerwehren inklusive aller freiwilligen Ortsteilfeuerwehren, zwei Notärzte, sechs Ordnungsamtsmitarbeiter sowie 15 Einsatzkräfte der Polizei.

Verzögert wurde die Evakuierung von mehreren uneinsichtigen Anwohnern. Mindestens ein Vorfall wird laut Jens-Marcel Ullrich, Leiter des Einsatzstabes, eine Anzeige nach sich ziehen (siehe neben stehendes Interview). Um 0.30 Uhr hob Ullrich den Sperrkreis auf und eilte mit Blumen und einer Flasche Wein zum Sprengmeister. Nach und nach kehrten die Anwohner zurück. Während in der Magistrale alles dunkel war, gingen  im Sperrkreis um 1 Uhr nachts die Lichter wieder an.

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