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Landesgartenschau 2022 soll Beelitz-Heilstätten zu altbekanntem Ruhm verhelfen

Beelitz-Heilstätten
Traum von der neuen Heilstadt

Blick in den Gang der alten Chirugie: 2022 findet ein Teil der Landesgartenschau auf dem Gelände der ehemaligen Heilstätte statt.
Blick in den Gang der alten Chirugie: 2022 findet ein Teil der Landesgartenschau auf dem Gelände der ehemaligen Heilstätte statt. © Foto: MOZ/Josefin Roggenbuck
Josefin Roggenbuck / 17.04.2018, 13:22 Uhr - Aktualisiert 23.04.2018, 20:38
Beelitz-Heilstätten (MOZ) Auf dem Gelände der ehemaligen Lungenheilstätte Beelitz wird 2022 ein Teil der Brandenburger Landesgartenschau stattfinden.

Bis dahin werden Fassaden saniert, einer der längsten Blumenbalkone Deutschlands an der alten Chirurgie bepflanzt. Doch wie viel Kulturgeschichte steckt in einem Ort, an dem einst Tuberkulose-Kranke behandelt wurden? Ein Rundgang durch Beelitz-Heilstätten.

Die Wände sind gekachelt, doch die mintgrünen Fliesen haben schon längst ihren Glanz verloren. Neben den Fenstern verzieren Graffiti den runden Raum. Noch ein Blick nach draußen durch die zerschlagenen Scheiben in den Kiefernwald, bevor die Tour durch die 1902 eröffneten Heilstätten weitergeht. Früher wurden in dem Baderaum Tuberkulose-Kranke täglich gewaschen. „Das war Teil der Kur“, erklärt Jegor Friebus. Der 28-Jährige ist Projektmanager im Informations- und Servicecenter am Baumkronenpfad. Er führt Touristen durch die alte Chirugie, ein langgestrecktes Gebäude der Heilstätten.

„Wasser und tägliche Reinigung waren nicht mehr verpöhnt“, sagt der Tourleiter weiter. Schließlich sei mangelnde Hygiene einst Schuld gewesen, dass Tuberkulose überhaupt entstand und sich derart rasant verbreitete. Die bakterielle Infektionskrankheit befällt meist die Lungen, ist hoch ansteckend. Aber auch die schlechten Wohnbedingungen in der nur 30 Kilometer entfernten und florierenden Hauptstadt Berlin sowie diefehlende Vielfalt in der Ernährung förderten die Verbreitung. „Um Jahr 1900 war jeder dritte Berliner Todesfall wegen infolge einer Tuberkulose-Erkrankung“, verdeutlicht Friebus die Schwere der Infektionskrankheit.

Mit der Mappe unter dem Arm und dem gelben Bauhelm auf dem Kopf führt Friebus seine Gruppe raus aus dem einstigen Baderaum, zurück auf den mehrere hundert Meter langen Flur. Von den Wänden blättert die Farbe, der Putz bröckelt von der Decke. Auf dem Boden, an die Seite gekehrt, liegen Beton- und Steinreste. Einst verbaut, jetzt mit Mutwillen oder durch den Zahn der Zeit herausgebrochen. Von diesem hallenähnlichen Flur mit aufwändiger Deckenarchitektur geht es in die einzelnen Zimmer mit Balkon. Dort war der Kranke damals allein. 2500 Betten gab es auf dem gesamten Areal der Heilstätten. Jedoch immer getrennt, Männer und Frauen für sich. Das ist noch heute erkennbar. Kleine Farbreste lassen erahnen, dass die Wände in diesem Teil bläulich gestrichen waren. „Für die Männer“, sagt der 28-jährige Friebus. „Blau als Sinnbild ihres kühlen Naturells.“ Dass dieses aber durchaus hitzig werden konnte, und dass das der Grund für die Geschlechtertrennung war, erzählt er mit einem Lachen. „Die Tuberkulose regt die männlichen Hormone an, was zu verstärkter Libido führt“, sagt er. „Die Folge dessen wollte man sich ersparen.“ Und so wurden die Frauen auf dem anderen, in orange getünchten Flügel des Hauses untergebracht. Schließlich sei Stille der Hauptbestandteil der Kur gewesen.

In einem dieser Einzelzimmer stehend, erzählt Friebus noch von anderen Ruhestörungen. Ab und zu knackt es, leise rieselt der Staub. Den meisten TBC-Patienten sei eine mindesten sechsmonatige Liegekur verordnet worden. Ohne etwas zu lesen oder sonstige Beschäftigung. Da erkrankte oftmals der Geist, während sich der Körper erholte. Friebus hat sich intensiv mit der Geschichte der ehemaligen Heilstätte beschäftigt. In überlieferten Patienten-Postkarten las er von „imaginären Schiffsbesatzungen“, die sich die Patienten einbildeten. Auf ihrem Balkon, im Krankenbett liegend und nur aufs Atmen bedacht, fantasierten sie von Abenteuern auf See und das lautstark. „Damit hielten die Erkrankten die Pfleger ganz schön in Schach, denn sie sollten ja eigentlich ruhig sein“, sagt der Tourleiter. „Es gab übrigens auch eine Regel unter den Erkrankten: Immer derjenige, der am weitesten vom Pfleger weg und noch nicht dran war, musste am lautesten von seiner vermeintlichen Schiffsfahrt berichten.“

1939 endete die Geschichte der Heilstätte Beelitz. Während des Zweiten Weltkrieges dienten die Gebäude als Lazarette. Danach und bis zur politischen Wende 1989 war das Areal im Besitz der Sowjets. Die nutzen die zahlreichen Gebäude und auch die alte Chirurgie als Krankenhaus für ihre Militärangehörigen. Mit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten konnte sich die Bundesrepublik und die Sowjets nicht auf ein gemeinsames Konzept einigen. Konsequenz: Die Gebäude standen leer, mehr als zwanzig Jahre lang. „Das hat natürlich Schaulustige angezogen, und Vandalen“, sagt Friebus. Eine Gruppe habe sogar mit einem Bagger den Eingangsbereich der alten Chirurgie abgerissen. Was das sollte, er weiß es nicht. Einst sei das Eingangsportal unter einem runden Vordach gewesen, heute sind nur noch die Bruchstellen zu sehen. Scharfe Kanten, wie Felsvorsprünge ragen sie aus dem Gebäude. Traurig, meint er mit einem Blick hinauf. In der Hand hat er alte Fotografien, die den ursprünglichen Eingangsbereich zeigen.

Doch für das Gelände gibt es neue Hoffnung. Nach all den ungeklärten Zuständigkeiten, habe vor drei Jahren endlich ein Investor alle Genehmigungen bekommen, um das Gelände neu zu gestalten, vor dem gänzlichen Verfall und der Zerstörung zu retten. Ein zwei Meter hoher Zaun umzingelt seitdem die Gebäude. Nachts laufen Wachhunde herum. Ein Schild warnt davor, doch ganz abzuschrecken sind die Schaulustigen nicht. Dennoch erschließt der neue Investor das Gebiet mehr und mehr für Touristen. Auf Höhe der Baumwipfel gibt es einen Pfad, von dem man das 200 Hektar große Areal überblicken kann. Im einem anderen Teil soll in Zukunft ein See künstlich angelegt, rundherum 800 Eigenheime gebaut werden. Die Landesgartenschau 2022 soll die neuen Entwicklungen in Verbindung mit dem kulturgeschichtlichen Erbe von Beelitz-Heilstätten noch weiter bekannt machen. Neue Einwohner anlocken, mithelfen den Ort aus dem Dornröschenschlaf erwecken. „Ich hoffe, dass hier eine neue Stadt entsteht“, sagt Friebus und läuft, die wie mit dem Lineal gezogene Zufahrtsstraße entlang. Ob der Traum für den Enthusiasten Wirklichkeit wird, bleibt abzuwarten.

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