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Kultbahn
Weniger Party, mehr Tram-Strecke

Jana Reimann-Grohs / 17.04.2018, 20:43 Uhr
Berlin (MOZ) Die M10 fährt zwischen Hauptbahnhof und Warschauer Straße durch Berlin. Sie gilt als „Partytram“ und gehört zur Stadt wie das Berghain oder die Schlange vor „Mustafa‘s Gemüsedöner“. Aber stimmt ihr Ruf noch?

Juliano trägt lange Ohrringe, lila gefärbte Haarsträhnen, sieben Ringe an zwei Händen und ein Eyeliner-Tattoo unter dem linken Auge. Der 24-Jährige sieht aus, als hätte er kein Problem, ins Berghain reinzukommen, den berühmten Berliner Club. An diesem Freitagabend ist er mit der Straßenbahnlinie M10 im Ausgehviertel von Friedrichshain unterwegs. Dass die Bahn den Spitznamen „Partytram“ trägt, hat vor allem mit den Bars, Clubs und Restaurants in der Gegend zu tun. Juliano steigt in der Nähe der Simon-Dach-Straße nur für eine Drei-Euro-Pizza aus.

„Für mich ist die M10 eine meiner Lieblingslinien, weil hier immer etwas los ist und sie in die richtige Richtung führt. Da weiß man, dass etwas passiert“, sagt der Student und Fotograf, der den selbstgewählten Künstlernamen „Patchboy“ trägt. Die Tram verbindet er „mit Party“, weil hier am Wochenende ab 22.00 Uhr immer sehr viel los sei.

Aber gibt es noch das wilde Partytreiben in der M10? Zumindest an diesem Abend geht es vergleichsweise zahm zu. Hier ein paar kichernde Mädchen, dort das obligatorische Wegbier neben angebrochenem Weißwein, der die Runde macht. Ein 33-Jähriger sagt, er fühle sich „zu alt für Party“. Vereinzelt sind kleinere Grüppchen zu sehen, die sich angeregt unterhalten. Grölende Junggesellen-Abschiede? Fehlanzeige.

Laura (19), Natalie (18) und Marc (19) sind mit der M10 zur Kulturbrauerei unterwegs. In der Gegend gehen sie Burger essen, zu Konzerten oder tanzen. Die Stimmung der Reinickendorfer ist schon mal gut und aufgekratzt. Ein richtiger Partygänger findet sich mit „Mo“. Der 19-Jährige steigt um 23.30 Uhr ein und verkündet: „Ich hoffe, hier hat keiner Probleme mit guter Musik“. Mit drei Mädchen im Schlepptau prüft er die Reaktion der anderen Fahrgäste auf seine Hiphop-Musik. Neun Stationen lang dröhnt der Song „Gang Signs“ aus den Lautsprecher-Boxen seines Rucksacks durch die Tram. Die Gruppe hat sich kurz vorm Einsteigen kennengelernt. Die Vier trinken Alkohol, lachen und unterhalten sich laut. Am Volkspark Friedrichshain wird „Mo“ von seinen neuen Freundinnen aus der Bahn gezogen. Es geht draußen weiter.

Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), kennt den Ruf der M10 als Nachtschwärmer-Express. „Wenn die Fahrgäste gut gelaunt sind, freuen sich auch die Fahrer.“ Solange sich alle an die Regeln hielten und keine offenen Getränke dabei hätten, störe es nicht. Besonders nachts kontrolliere das BVG-Sicherheitspersonal auf der M10 die Züge. Im Vergleich zu den Vorjahren habe sich die Situation inzwischen „deutlich beruhigt“ und eine „gegenseitige Rücksichtnahme“ durchgesetzt, so Reetz.

Neu ist, dass die M10, die derzeit zwischen Hauptbahnhof und Warschauer Straße fährt, auch Richtung Süden bis in den Bezirk Neukölln verlängert werden soll. Alte Straßenbahngleise liegen seit den 90er Jahren in der Fahrbahndecke an der Oberbaumbrücke. Eine Anbindung an Moabit, auf der anderen Seite, ist schon konkreter. Einst gab es in allen Innenstadtteilen „das verrückteste Straßenbahnnetz der Welt“, erklärt Reetz. Den „intelligenten Planungen“ sei es zu verdanken, dass man nun auf bereits angelegte Gleisbetten zurückgreifen könne. Genauso klug müsse nun für die nachfolgenden Generationen geplant werden. 1967 fuhr einst die letzte Straßenbahnlinie im ehemaligen Westteil der Stadt. Jetzt soll sie in stillgelegten Teilen des Verkehrsnetzes weiter reaktiviert oder ausgebaut werden. Drei Linien sind seit 1995 bis in den Westen unterwegs.

Auch wenn der Verkehrssenat die Bauvorhaben noch beschließen müsse und die Ausschreibung bisher nicht erfolgt sei, hofft Reetz auf eine Entscheidung, bis 2021 wenigstens die sechs Haltestellen zwischen Hauptbahnhof und U-Bahnhof Turmstraße fertigzustellen.

Den Ausbau der M10 bis zum Görlitzer Park? Julianos Freund Moritz fände das „perfekt“. Der 24-Jährige könnte dann öfter seine Lieblingsbar besuchen. Dass die Tram-Anbindung zum „Görli“ als Umschlagplatz für Drogen irgendwann einmal negativen Einfluss haben könnte, kann sich Juliano „noch nicht ausmalen“. Aufputschmittel besorgten sich die Berliner sowieso nicht auf der Straße, sagt er. Das wäre eher etwas für Touristen.

In Partylaune sind die beiden jungen Männer heute nicht mehr. Sie kommen gerade aus einer Bar. Nach der Fahrt mit der M10 wollen sie einfach nur Zuhause etwas kochen.

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