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Schuhmacher seit Jahrzehnten – Mario Kösslin repariert alles, was ihm Kunden bringen

Handwerk
Schleift, putzt, näht und poliert

Seit Jahrzehnten repariert der Fredersdorf-Vogelsdorfer Mario Kösslin Schuhe und Taschen
Seit Jahrzehnten repariert der Fredersdorf-Vogelsdorfer Mario Kösslin Schuhe und Taschen © Foto: Meta Werner
Meta Werner / 20.04.2018, 06:00 Uhr
Fredersdorf-Vogelsdorf Es ist ein kleines Kabuff hinter einem Supermarkt. Nur wenig Licht dringt in den Raum und es riecht aufdringlich nach Kleber. Aber das stört Mario Kösslin nicht. Er repariert seit 43 Jahren Schuhe, Gürtel und Taschen der Leute oder stellt für sie Neue her.

„Einen Koch nervt es ja auch nicht, wenn er den ganzen Tag in der Küche zu tun hat“, sagt der gelernte Schuhmacher. Geruchstechnisch hat sich Mario Kösslin einfach ein dickes Fell zugelegt. Nach dem Motto: Nicht darüber nachdenken, sondern arbeiten. Denn das, was der Unternehmer seit 43 Jahren macht, bereitet ihm Freude und füllt ihn aus: Kösslin repariert Taschen, Gürtel und Schuhe. Auf Wunsch fertigt er auch Neue an und manchmal bringt er Dinge in Ordnung, die ihm Kunden vorbeibringen. „Ich habe schon BHs und Brillengestelle repariert sowie Schirme wieder zum Aufspannen gebracht“, erzählt der Handwerker mit einem Lächeln.

Dabei kneift er die Augen zusammen, legt den Kopf ein wenig schräg und blinzelt. So als wenn ihm im Schnelldurchlauf sein berufliches Leben durch den Kopf geht. Dass er sich um Schuhwerk kümmert, ist eigentlich ein Zufall. Als er in den 1970er-Jahren zur Berufsberatung ging, wurden ihm drei Ausbildungsmöglichkeiten vorgeschlagen: Postmitarbeiter, Elektronikfacharbeiter oder Sattler. „Das Letzte klingt gut, dachte ich damals – da bin ich den ganzen Tag auf der Rennbahn und kann Sättel bauen.“ Doch es kam anders: Zunächst reparierte er vor allem Koffer und Ranzen. Später wechselte er mehrmals den Job. Arbeitete an der Staatsoper, in einer Näherei und orientierte sich schließlich zum Schuhmacher um.

Seitdem war er unter anderem in mehreren  Orthopädiewerkstätten tätig. Dann machte er sich selbstständig und arbeitet mittlerweile 13 Jahre erfolgreich in der kleinen Fredersdorfer Werkstatt. Um 6 Uhr beginnt dort sein Tag. „Es macht mir Spaß, besonders die Vielfalt gefällt mir“, berichtet der 59-Jährige. „Und am Abend sehe ich, was ich geschafft habe.“

Das sind vor allem neue Absätze, die Mario Kösslin an getragenen Schuhe ansetzt. Rund 80 Prozent seiner Aufträge macht das aus. „Manchmal bringen mir Kunden wirklich die dollsten Gurken“, erzählt der Schuster. Aber egal wie das Ausgangsmaterial aussieht, der Profi erfüllt jeden Auftrag meisterhaft.

Dabei benutzt er teilweise uraltes Werkzeug. Kopfsetzer aus seiner eigenen Lehrzeit, mit denen Nieten eingeschlagen werden. Ebenso „eine ganze Mannschaft“ unterschiedlich großer Ahlen, die ordentlich sortiert an der Wand hängen.

Seine Ausputzmaschine reicht fast von einer Werkstattseite zur anderen. Damit kann er fräsen, schleifen und polieren. Darüber hängt ein genauso breiter Spiegel. Den hat Kösslin nicht aus Eitelkeit, wie er betont. Er schaut da vielmehr hinein, wenn er geräuschvoll arbeitet, dabei mit dem Rücken zur Tür sitzt und diese sich öffnet. So kann er sehen, wenn ein Kunde kommt.

Viele kennt er schon lange. Die meisten bringen ihm regelmäßig ausgetretene, eingerissene Schuhe. Einen Run auf seine Werkstatt gibt es zumeist, wenn „ganz plötzlich Sommer oder Winter wird“, beschreibt er das Verhalten der Leute.

Manche denken, wenn er in der Woche 13 Uhr den Laden abschließt, beginnt für ihn  eine zweistündige Mittagspause. Aber das stimmt nicht: Denn in diesen 120 Minuten fährt Kösslin zehn von seinen insgesamt 35 Annahmestellen in Berlin und Brandenburg ab. Er bringt Repariertes und nimmt Kaputtes mit. Punkt 15 Uhr sitzt er dann wieder in seinem kleinen Kabuff und schleift und putzt, näht und poliert Schuhe. Während er das tut, ist es still im Raum. Musik braucht er dafür nicht.

Solche angenehmen Geräusche hebt er sich für den Feierabend auf. Gemeinsam mit seiner Frau geht er regelmäßig tanzen. Standard und Latein legen die beiden Schöneicher in handgefertigten „Kösslin-Schuhen“ aufs Parkett. Auch wenn der Schuster in diesem Jahr „60“ wird – ans Aufhören denkt er nicht. „Mit zunehmendem Alter übe ich meinen Beruf dann eben etwas langsamer aus“, steht für den Handwerker fest.

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