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Abschussquote
Sorge um den Rothirsch

Harriet Stürmer / 28.04.2018, 09:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) In Brandenburgs Wäldern spitzt sich der Streit um höhere Abschussquoten für Wild immer mehr zu. Jäger befürchten das Aussterben ganzer Arten und fordern das Ende einer massiven Bejagung. Förster hingegen beklagen, dass die Wildbestände zu hoch seien, um die Waldverjüngung weiter vorantreiben zu können.

Der Frustpegel steigt: Ohnehin macht Brandenburgs Jägern derzeit die nahende Schweinepest zu schaffen. Und auch die Rückkehr der Wölfe bietet aus ihrer Sicht Anlass zur Sorge. Doch vor allem die behördlich angeordnete Waldverjüngung bringt viele Jäger an den Rand der Verzweiflung. In einigen Teilen des Landes registrieren sie einen immer dramatischeren Rückgang insbesondere der Rotwildbestände. Ausgerechnet der stattliche Rothirsch könnte dort bald ganz ausgerottet sein, so die Befürchtung.

Es ist ein alter Konflikt. Die Forstwirtschaft wünscht sich mancherorts höhere Abschusszahlen. Vor allem das Rotwild ist für den wirtschaftenden Forstbetrieb ein Schädling, denn die Tiere tun sich bevorzugt an jungen Bäumen gütlich und verlangsamen deren Wachstum. Oder sie schälen die Rinde der Bäume, sodass Pilze in den Stamm eindringen können und der Ertrag stark geschmälert wird. Wildzäune können Abhilfe schaffen. Allerdings sind sie sehr teuer, weshalb die Landesregierung die Verjüngung der Wälder ohne Zäune vorantreiben will. Um Fraßschäden zu verhindern, sollen stattdessen die Wildbestände sehr viel stärker als früher reguliert werden.

Beim Blick in das interne Protokoll einer Dienstberatung von Mitarbeitern des Landwirtschaftsministeriums und des Landesbetriebs Forst Brandenburg Anfang 2012 wird die Strategie des Landes deutlich. Darin heißt es: „Die Jagd ist der Schlüssel für das zukünftige erfolgreiche Wirtschaften und die Erreichung der waldbaulichen und finanziellen Ziele. Das Ministerium erwarte von den Landeswaldoberförstereien die Erzielung von Gewinn. Dazu müssten die jagdlichen Ziele umgesetzt werden, sprich: die Wildbestände spürbar gesenkt werden.

Überhöhte Wildbestände seien sicher keine Lösung, räumt auch Dirk Wellershoff, Präsident des Landesjagdverbandes Brandenburg (LJVB), ein. Doch im Landesforst werde weit übers Ziel hinaus gejagt, kritisiert er.

Zwar belegt die jüngste vom Landesumweltministerium vorgelegte Statistik für das Jagdjahr 2016/2017, dass mit 10 667 erlegten Tieren beim Rotwild erneut ein Höchstwert erreicht wurde, was durchaus als Beleg dafür gewertet werden kann, dass dem Rothirsch in Brandenburg keinesfalls die Ausrottung droht. Denn über den Abschuss wird der Bestand errechnet. Jedoch sind für den Jagderfolg vor allem die nördlichen Landkreise Ostprignitz-Ruppin und Uckermark sowie das östliche Oder-Spree verantwortlich.

Im Süden Brandenburgs sieht es anders aus. Dort gehen insbesondere die Rotwildbestände teilweise dramatisch zurück. Aus einer unveröffentlichten Statistik der Landeswaldoberförsterei Hammer mit Sitz in Groß Köris (Dahme-Spreewald) etwa geht hervor, dass in ihren elf Revieren, die insgesamt 25 000 Hektar umfassen, in der jüngsten Jagdsaison nur 48 Stück Rotwild erlegt wurden. Drei Jahre zuvor – im Jagdjahr 2014/15 – waren es noch 265. Aktuell geht man in der Oberförsterei von einem Rotwild-Bestand von 0,5 Stück auf 100 Hektar aus.

Eine Wildbewirtschaftung sei in dieser Größenordnung nicht mehr möglich, sagt LJVB-Präsident Wellershoff. Dazu sei ein Mindestbestand von 1,8 Tieren auf 100 Hektar nötig. Auch in anderen südlich von Berlin gelegenen Revieren würden inzwischen eher ernüchternde Abschussquoten registriert. Dennoch würden die Abschusspläne im Landesforst weiter erhöht und unbegrenzter Abschuss gefordert.

Privatjäger Achim Gasper, dessen Revier gleich neben den staatlichen der Oberförsterei Hammer liegt, bekommt den Rückgang der Bestände ebenfalls zu spüren. Denn die Tiere würden sich nicht auf enge Reviergrenzen beschränken und mitunter in einer Nacht mehr als 20 Kilometer weit ziehen, sagt er. Früher habe er jedes Jahr in der Brunft einen Hirsch erlegt und ein „tolles Naturschauspiel“ beobachten können. Seit zwei Jahren aber gebe es weder Hirschbrunft noch Hirsche in seinem Revier.

Die Schuld an der Entwicklung gibt Gasper dem Land, das ein „wahlloses Abschlachten“ von Rotwild anordne. „Von überhöhten Wildbeständen kann nicht mehr gesprochen werden. Wir müssen den Abschuss jetzt deutlich senken. Ansonsten haben wir in einigen Jahren gar keine röhrenden Hirsche mehr.“ Inzwischen denkt Gasper darüber nach, sein Revier aufzugeben beziehungsweise die Möglichkeit der Klage gegen aus seiner Sicht überhöhte Abschusspläne zu prüfen. Viele seiner Kollegen seien ebenso enttäuscht wie er. Die Sorge um die nahende Schweinepest und die Angst um eine unkontrollierte Ausbreitung des Wolfes täten ihr übriges.

Im Süden Brandenburgs sind die Jagdreviere inzwischen nahezu flächendeckend wieder von Wölfen besiedelt. In der Folge sind die Muffelwildbestände so gut wie ausgerottet, berichtet LJVB-Präsident Wellershoff. Die Wildschafe sind begehrte Beute des Raubtieres. „Und beim Rotwild merken wir jetzt dasselbe.“ Auch Rotwild steht auf dem Speiseplan des Wolfes. In den Abschussplänen bleibe sein Hunger aber unberücksichtigt. „Wir müssen uns in Brandenburg endlich wissenschaftlich mit dem Thema Wölfe beschäftigen, damit wir wissenschaftsbasierte Entscheidungen treffen können“, fordert Wellershoff.

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