Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Weil viel zu viele Patienten in die Krankenhäuser kommen, soll die Versorgung neu geregelt werden

Neuregelung
Die Not mit der Notfallmedizin

Hajo Zenker / 30.04.2018, 07:45 Uhr - Aktualisiert 30.04.2018, 13:00
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Notaufnahmen vieler Krankenhäuser werden immer voller – während der ärztliche Bereitschaftsdienst immer weniger genutzt wird. Viele Patienten schätzen ihre Lage falsch ein, andere finden den Gang ins Krankenhaus bequemer. Nun soll gegengesteuert werden. Damit die Notfallmedizin gesundet.

„Da kommen Mütter in die Notfallaufnahme mit ihrem Kind, das 37 Grad Temperatur hat. Und halten das für eine schwere Erkrankung. In der Bevölkerung ist viel an früher selbstverständlichem Wissen um die Gesundheit verloren gegangen. Auch das füllt die Notaufnahmen“, sagt Branko Trebar, Leiter der Abteilung Versorgungsstruktur der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Er räumt ein, dass sich auch das Verhalten der Hausärzte gewandelt hat – früher konnte man die auch sonntags anrufen, wenn man ein plötzliches Leiden selbst nicht recht einschätzen konnte. Das ist aus der Mode gekommen.

Andere Patienten wiederum sitzen in der Notaufnahme, weil sie noch keinen Termin bei einem Facharzt bekamen oder gerade Zeit haben, um sich einmal anschauen zu lassen. Oft kämen Patienten in der Annahme, so Professor Wilfried von Eiff, Professor für Krankenhausmanagement in Münster und Leipzig, „im Krankenhaus eine qualifiziertere, insbesondere ganzheitliche Behandlung zu erhalten“. Und dazwischen sind dann die echten Notfälle in lebensbedrohlichen Situationen. Eine Studie zu „Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“ mit Daten von 2015/2016 hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Patienten nicht unter die Definition eines medizinischen Notfalls falle. Den Anstieg ambulant in den Notaufnahmen der Krankenhäuser behandelter Patienten von 6 Millionen auf 8,5 Millionen innerhalb von sechs Jahren jedenfalls nennt Trebar „dramatisch“.

Etwas nüchterner spricht Professor Boris Augurzky, Gesundheitsökonom am RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, von „Übernachfrage“. Die Patienten, die sich als Notfall sehen, müssten deshalb gesteuert werden – „um wirklich an die richtige Stelle, an die richtige Behandlung zu kommen“. Auch KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen meint: „Steuerung ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Wie aber kann die aussehen? Professor Jonas Schreyögg, der Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg lehrt und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist, rät, das Nebeneinander von kassenärztlichem Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst und Notaufnahmen der Kliniken zu beenden. „Wir brauchen eine vollständige Integration.“ Angefangen bei der Rufnummer – 112 und 116 117 müssten zusammengeschaltet und am besten letztlich zu einer Nummer werden – bis hin zur Schaffung integrierter Notfallzentren (INZ). Wer anruft, soll von erfahrenem Personal, medizinischen Fachangestellten oder Pflegern, befragt werden, das eine erste Einschätzung geben kann, welche Behandlung nötig ist. Im Zweifel soll ein Allgemeinmediziner an den Hörer gehen. Wer selbst in ein INZ kommt, gelangt an einen Tresen. An dem wird entschieden, ob der Hilfesuchende tatsächlich sofort vor Ort ambulant oder sogar stationär behandelt werden muss. Oder ob ein Besuch beim Hausarzt am nächsten Tag reicht.

Die INZ sollen dabei zwar am Krankenhaus angesiedelt, aber eigenständige wirtschaftliche Einheiten sein, in die das Geld der Krankenkassen direkt fließt. Das konkrete Konzept wird der Sachverständigenrat am 3. Juli an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) übergeben. Und der muss dann entscheiden.

Dass solche Modelle funktionieren, zeige etwa Dänemark, sagt Professor Boris Augurzky. Selbst unangekündigt in einer Notaufnahme aufzutauchen, geht dort nicht. Wenn man nicht vom Hausarzt eingewiesen wurde, wählt man die Notfallnummer. Dort wird abgeschätzt, ob man tatsächlich ein akuter Fall ist. Und ob man ambulant oder stationär behandelt werden muss – dorthin wird man dann vermittelt, dank Digitalisierung bettengenau.

Eine erste Maßnahme, die Notfallversorgung neu aufzustellen, hat jetzt der Gemeinsame Bundesausschuss ­(G-BA), das höchste Gremium der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens, in dem Vertreter von Kassen genauso sitzen wie der Ärzte und Krankenhäuser, beschlossen: Künftig soll es wirtschaftlich nur noch für 1120 Kliniken lukrativ sein, Personal und Technik für die Behandlung von Notfällen vorzuhalten. Bisher sind 1748 Krankenhäuser an der Notfallversorgung beteiligt. Für G-BA-Chef Josef Hecken ein Unding, weil in diversen Häusern eine innere Station oder eine Intensivstation fehlten. Das sei für einen Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand unzumutbar.

1120 Anlaufstellen allerdings sind der KBV immer noch zu viel. Sie hat Boris Augurzky ausrechnen lassen, wie viele Notfallzentren Deutschland wirklich braucht. Er kommt auf 736 INZ, die jeder Deutsche in maximal 30 Autominuten erreichen könne. Klar ist, dass Krankenhäuser mit einer Neuregelung unter Druck geraten. Bisher, sagen viele Kritiker, werden Notfallpatienten dazu benutzt, Krankenhausbetten zu füllen und damit Einnahmen zu erzielen – stationäre Behandlung bringt nämlich mehr als ambulante. Notaufnahmen dürften „kein Staubsauger zu Bettenfüllen“ sein, sagt G-BA-Vizechef Johann-Magnus von Stackelberg. Während nämlich in Deutschland jeder Zweite aus der Notaufnahme auf die Krankenstation wechselt, ist es in Holland nur jeder Dritte und in Frankreich jeder Fünfte. Für den Sachverständigenrat ein Ergebnis „finanzieller Fehlanreize“. Und KBV-Chef Gassen hält Notaufnahmen für viele Kliniken „als Feigenblatt, damit das Krankenhaus nicht schließt“. Das dürfte bei vielen Häusern bald wegfallen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG