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Nase voll von dummen Sprüchen
Junge Politiker wollen Anerkennung

dpa / 18.05.2018, 07:24 Uhr
Berlin (dpa) Sie werden geduzt, belächelt und belehrt: Wenn junge Menschen in die Politik gehen, brauchen sie ein dickes Fell. Berliner Nachwuchspolitiker fordern mehr Respekt für die Jugend.

Im Januar 2018 war die Anspannung im politischen Berlin groß: Deutschland hatte seit Monaten keine neue Bundesregierung, Gespräche über ein Jamaika-Bündnis waren geplatzt, die SPD rang mit sich selbst um eine Neuauflage der großen Koalition mit der Union. Ein Mann war in diesen Tagen gefragter denn je: der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert. Der 28-Jährige wurde zur Führungsfigur der „NoGroKo“-Initiative und gab Interviews im Stundentakt.

Viele wichtige Fragen hätte man Kühnert stellen können - ihm, der zum größten Widersacher des damaligen SPD-Chefs Martin Schulz geworden war. Ob die SPD sich nicht gerade jetzt in den Dienst des Staates stellen müsse, ob er seinem Parteichef schaden wolle, ob er Angst vor Merkel habe. Doch was Kühnert zu hören bekam, überraschte: „Wohnen Sie eigentlich in einer WG?“, fragte eine RTL-Moderatorin live im Frühstücksfernsehen.

Ob er Entscheidungen im Vorfeld mit seinen Eltern bespreche, wollte ZDF-Moderator Markus Lanz wissen. Talk-Gäste bei Maybritt Illner sprachen in Kühnerts Anwesenheit über „diesen jungen Mann“. Und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt titulierte den „NoGroKo“-Protest als „Zwergenaufstand“.

Der verniedlichende Umgang mit Kühnert und anderen Jusos hat eine allgemeine Debatte darüber ausgelöst, wie Medien und Politik-Kollegen Nachwuchspolitiker behandeln sollten. In Talk-Runden werden die Jungen geduzt, sie werden belächelt und belehrt, in ihrer Anwesenheit wird über sie in der dritten Person gesprochen. Junge Frauen bekommen darüber hinaus zu hören, sie seien süß oder aufgeregt. Ist das zeitgemäß in einem Land, dessen Jugend sich immer weniger für Parteipolitik interessiert?

Die Landesvorsitzende der Berliner Jusos, Annika Klose, findet eine klare Antwort: Nein. Sie weiß aus eigener Erfahrung, wie demotivierend es sein kann, nicht ernstgenommen zu werden. Auf dem Bundesparteitag der SPD im Januar hielt sie ein flammendes Plädoyer gegen die Neuauflage der großen Koalition. Nach ihrer Rede twitterte der Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, Peter Huth: „Sehr aufgeregtes Mädchen von den Jusos bekommt mehr Applaus als Martin Schulz.“ Der Tweet wurde im Netz scharf kritisiert. Annika Klose selbst antwortete bei Twitter: „Mit dem Mädchen bin übrigens ich gemeint. 25 Jahre alt, voll berufstätig und seit 2,5 Jahren Vorsitzende des größten politischen Jugendverbands Berlins.“

Noch immer ärgert sich Klose, wenn sie an den Kommentar des Chefredakteurs zurückdenkt. „Ich habe es damals als Herabwürdigung empfunden. Ich denke, dass man meinen Namen kennen könnte, wenn man ein wenig recherchiert“, sagt sie. Leider erlebe sie es immer wieder, dass sie als Jungpolitikerin nicht für voll genommen werde. „Bei einer Podiumsdiskussion sagte mir eine Politikerin mal, sie habe früher auch solche Positionen wie ich vertreten, aber jetzt sei sie erwachsen“, berichtet Klose. Und durch ihre Kandidatur für das Europaparlament müsse sie sich neuerdings Sprüche von Kollegen anhören wie „Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal“.

Tatsächlich brauchen junge Menschen ein dickes Fell, um in deutschen Parteien etwas zu erreichen - und sie müssen immer noch viel Zeit mitbringen. Als Ochsentour bezeichnen Politikwissenschaftler den langen Weg durch die Parteigremien. „In Deutschland ist die autoritäre Vorstellung verbreitet, die Jungen müssten sich vor dem Alter beugen. In manchen Parteien heißt es dann, man müsse zehn Jahre Plakate kleben, bevor man etwas sagen darf“, sagt Ricarda Lang, Bundessprecherin der Grünen Jugend. Auch Klose kritisiert die Vorbehalte gegenüber dem Nachwuchs: „Frischer Wind in der Politik ist wichtig. Das Senioritätsprinzip ist kein gutes Auswahlkriterium für Ämter und Positionen. Wir brauchen eine Durchmischung.“

Ricarda Lang berichtet, sie werde häufig mit der Vorstellung konfrontiert, eine Partei-Jugendorganisation dürfe nur Jugendpolitik machen. Selbst Medienvertreter seien oft überrascht, wenn sie als junge Person eine starke Meinung vertrete. „Nach Podiumsdiskussionen bekomme ich gerne mal zu hören: "Das hast du ja richtig gut gemacht für dein Alter." Es wird einem auch auf die Schulter geklopft“, sagt Lang. Dabei sei es nicht zuletzt für die Zukunft der Demokratie von großer Bedeutung, dass jungen Menschen zugestanden werde, einen Veränderungsanspruch zu formulieren und Verantwortung zu übernehmen.

Auch Christoph Brzezinski, Vorsitzender der Jungen Union in Berlin, beobachtet, dass Nachwuchspolitiker nicht immer ernstgenommen werden. Er sieht den Ball jedoch bei den Jüngeren: „Wenn man laut und deutlich sagt, was man fordert, dann wird man auch gehört. Junge Leute müssen durch gute Arbeit überzeugen und sich Mehrheiten organisieren“, sagt Brzezinski. „Es wäre falsch, sich allein darauf zu verlassen, dass die Älteren einen mitnehmen.“ Schließlich sei es durchaus verständlich, dass erfahrene Kollegen ihr Revier absteckten, wenn jüngere Konkurrenz auftauche.

Annika Klose hält von der parteiinternen Konkurrenz zwischen den Generationen nichts, sie fordert ein Miteinander und eine Debattenkultur auf Augenhöhe. „Ich würde mir wünschen, dass Menschen unabhängig von ihrem Alter an der Leistung gemessen werden, die sie erbringen, und an den Inhalten, die sie vertreten.“ Voraussetzung sei jedoch, jungen Menschen Beteiligungsmöglichkeiten zu eröffnen. Ricarda Lang von der Grünen Jugend sieht das ganz ähnlich. Sie formuliert einen klaren Appell: „Es ist doch keine Hexenkunst: Behandelt die Jungen einfach wie alle anderen auch!“

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