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Eine besondere Ausstellung in der Galerie Bernau lädt noch bis Juni zum Mitmachen ein

Ausstellung
Mut zur eigenen Kunst

Mit Hilfestellung: Juan Camilo Alfonso Angulo (l.) arbeitet mit einer Besucherin an einem Kunstwerk.
Mit Hilfestellung: Juan Camilo Alfonso Angulo (l.) arbeitet mit einer Besucherin an einem Kunstwerk. © Foto: Galerie Bernau
Thomas Sabin / 18.05.2018, 08:45 Uhr
Bernau (MOZ) Stephan Schmidt öffnet eine Schatulle und zückt ein Skalpell. Die stählerne Klinge funkelt durch die licht-durchflutete Galerie. „Das Ding ist extrem scharf“, sagt er. Dann setzt er an und schneidet ein kleines Viereck aus einem alten Stück Leder. Schmidts spitzer blonder Bart berührt fast die Arbeitsplatte. Konzentriert zieht er das scharfe Gerät über den braunen, speckigen Stoff, den er am Straßenrand aufgelesen hat. „Ich habe immer ein Teppichmesser in der Tasche“, erzählt er. „Man weiß nie, was man so findet. Das was Leute wegwerfen, ist für mich gutes Material.“

Auf Schmidts Tisch stapeln sich alte Stofffetzen. Im Regal hinter ihm lagern unzählige Schnürsenkel, Stadtpläne und kaputte Bilderrahmen. Mit Besuchern der Galerie Bernau (Barnim) soll aus diesen alten Dingen etwas Neues entstehen. „Etwas ganz Persönliches“, wie Schmidt sagt.

Vor zwei Jahren lernte er die Kunststudenten Juan Camilo Alfonso Angulo, Jiaying Wu und Ling Yu He beim Kontext Labor Bernau kennen – ein Kunstprojekt mit dem Ziel, den Künstlern und ihrer Arbeit den soziokulturellen Raum vor Ort ästhetisch herauszufordern und zu beleben. Die neue Idee der Vier: Eine Ausstellung gemeinsam mit den Besuchern zu gestalten.

Jeder von ihnen bietet dazu eine andere Art von Kunst an. Bei Schmidt muss man sich die Hände schmutzig machen. Mit den Fingerspitzen verteilt er Holzleim auf Leder und Pappe, schlägt die überstehenden Ränder um, sein Gast packt mit an. „Das geht ganz leicht wieder ab“, sagt er und reibt sich den klebrigen Film von der Haut. „Wir machen hier alles gemeinsam. Ich unterstütze nur und zeige, wie es geht.“

Jiaying Wu schmunzelt. Auf dem Tisch der Chinesin herrscht Ordnung. Dicke Pinsel mit feiner Spitze hängen dort an einem verzierten Gestell. Daneben: weißes Papier und schwarze Farbe. Jiaying Wu führt ihre Besucher in die chinesische Kalligrafie und in die Tuschemalerei ein. Seit ihrem sechsten Lebensjahr befasst sie sich damit. „Das ist in China so üblich.“

Mit sanfter Stimme erklärt sie ihren Gästen die anspruchsvollen Pinselstriche. „Es ist sehr spirituell. Man beginnt, sich zu entspannen und findet inneren Frieden. Es hat etwas Meditatives.“

Die Galerie füllt sich. Das Konzept scheint gut anzukommen. Auch Juan Camilo Alfonso Angulo, dessen Tisch weiter hinten in der Galerie steht, ist mit einer Besucherin in einem Gespräch vertieft. Beide schnitzen akribisch Linien in kleine Holzklötze. Die Arbeitsfläche des gebürtigen Kolumbianers ist größer, als die der anderen. Er benötigt mehr Platz. Bücher, Stoffe, kleine Holzklötze, Karten und Werkzeuge stapeln sich dort.

Der schwarzhaarige Lockenkopf arbeitet in seinem Workshop die Geschichte einer jüdischen Familie aus Bernau auf. Am Morgen des 13. April 1942 wurde die Familie Lehmann nach Warschau deportiert. Ihr gelang die Flucht. „Ich habe viel recherchiert und bin dafür auch nach Warschau gereist“, sagt Angulo und zeigt auf die Wand ihm gegenüber. Es sieht aus wie die Pinnwand eines Ermittlers, der versucht, das Rätsel eines Verbrechens zu lösen. Die Besucher können sich hier eines der Elemente aus dem Leben der Familie aussuchen, es in Holz schnitzen und später auf Stoff drucken. Am Ende werden die Stücke zusammengenäht. „Jeder erschafft so einen Teil der Geschichte, lässt seine eigenen Ideen einfließen. Am Ende entsteht ein Gesamtbild“, sagt Angulo. Außerdem seien die Arbeitsschritte sehr langsam: zeichnen, schnitzen, nähen. Das dauert seine Zeit und schafft Raum zum Reden.

Die Künstler öffnen sich den Besuchern. Interagieren mit ihnen. Führen sie in verschiedene Kunstformen ein. Und der Besucher erschafft ein Kunstwerk mit ganz persönlicher Note. Auch bei Ling Yu He, der Vierten im Bunde, ist das Kennenlernen Teil der Kunst. Sie ist heute nicht in der Galerie. Dennoch scheint die Wand neben ihrem Tisch sehr lebendig. Menschen, porträtiert mit schwarzem Stift auf weißem Papier, blicken in den Raum. Ann-Kathrin Rudorf, die Galerieleiterin, erklärt stellvertretend, was es mit den Gesichtern auf sich hat. „Es ist die Kunst des Miàn Yiang, eine taoistische Wahrsagerei die mit 99 Punkten im Gesicht der Menschen, die Auskunft über den Charakter der Person sowie über die Zukunft und Vergangenheit gibt.“

Die markantesten Punkte im Gesicht eines Menschen haben eine Bedeutung und werden von Ling bei einem intensiven Gespräch herausgearbeitet. „Viele Besucher bringen Fotos von Totnen, Freunden oder der Familie mit und porträtieren sie dann hier mit Lings Hilfe“, sagt Ann-Kathrin Rudorf.

Am Ende der sechs Wochen werden alle Werke der Besucher ausgestellt. An einer Wand hängen schon die ersten Exemplare. Es sind Bücher. Bücher aus vermeintlichem Müll, die Schmidt mit den Gästen erschafft. Sie sind nach den Ideen und Vorstellungen der Besucher entstanden. Eines seiner liebsten Werke ist aus einer alten Jeans entstanden. „Ein Vater hat hier seine eigene Geschichte bereits im Einband verarbeitet. Es ist die Jeans, die er bei der Geburt seines Sohnes trug. Ein richtig tolle Idee.“

Ein anderer Besucher wollte braunes altes Leder als Einband, „am besten die Innenseite, da sieht man die Gebrauchsspuren schneller“, hatte Schmidt ihm empfohlen. Der Einband ist nun fertig. Auf der Innenseite landete „ein Stück Heimat“. Eine Landkarte mit dem Geburtsort des frisch gebackenen Buchbinders.

„Wenn man selber mit anpackt, selbst mitwirkt, dann bekommt das Buch eine ganz andere Bedeutung für seinen Besitzer“, sagt Schmidt. „Es bekommt dadurch einen persönlichen Wert. Man bestimmt, wie es aussehen und was drin stehen soll.“

„Denk um! Mach mit!“, bis 2.6., Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 10–16 Uhr, Vernissage am 2.6., 11–16 Uhr, Galerie Bernau, Bürgermeisterstr. 4, Bernau

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