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Viadrina-Soziologin Johanna Voll erforscht Coworking Spaces

Zukunft
Mehr als Kaffee und Schreibtisch

Der erste Schritt zum Coworking an der Viadrina: Als im April der Cowriting Space im Gräfin Dönhoff-Gebäude eröffnet wurde, hielt Johanna Voll, die sich mit kollaborativer Arbeit wissenschaftlich beschäftigt, den Eröffnungsvortrag.
Der erste Schritt zum Coworking an der Viadrina: Als im April der Cowriting Space im Gräfin Dönhoff-Gebäude eröffnet wurde, hielt Johanna Voll, die sich mit kollaborativer Arbeit wissenschaftlich beschäftigt, den Eröffnungsvortrag. © Foto: Heide Fest
Frauke Adesiyan / 22.05.2018, 06:30 Uhr - Aktualisiert 22.05.2018, 09:05
Frankfurt (Oder) (MOZ) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen rund 6500 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe „Woran ich arbeite“ berichten wir regelmäßig aus dem wissenschaftlichen Alltag der Via- drina.

Johanna Voll ist das beste Beispiel für ihre eigene Forschung. Seit ihrem Masterstudium der soziokulturellen Studien beschäftigt sich die heute 34-jährige mit neuen Formen der Erwerbstätigkeit. Wie, wo und mit wem arbeitet man in Zeiten voraneilender Digitalisierung? Sie jedenfalls verbringt den geringsten Teil ihrer Arbeitszeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für vergleichende politische Soziologie in ihrem Büro im Logenhaus der Viadrina. „Ich nehme Prüfungen ab, gebe Seminare, halte meine Sprechstunde oft über Skype, arbeite im Zug, zu Hause und bis vor kurzem auch in Coworking Spaces.“ Diese Räume, in denen Freiberufler nebeneinander und miteinander arbeiten sind in Frankfurt spätestens im Gespräch, seit die Viadrina einen solchen in der alten Mensa neben dem Audimax plant. Wenig später wurden Pläne öffentlich, nach denen der Berliner Coworking-Vordenker St. Oberholz und die Spardabank einen solchen Raum an der Magistrale einrichten wollen. Im Juli soll hier Eröffnung gefeiert werden.

„Ich sehe durchaus Potenzial“, sagt Johanna Voll, die selbst im Berliner Oberholz gearbeitet und geforscht hat. Sie kenne einige Frankfurter, die zu Coworking Spaces nach Berlin pendeln. Und diese sind – vorausgesetzt sie nehmen es ernst – mehr als Gemeinschaftsbüros, in denen Schreibtisch und Kaffeemaschine stehen. Dementsprechend treibt Menschen, die dort arbeiten, auch mehr an, als der Wunsch einen kostengünstigen Arbeitsplatz zu finden. „Ich persönlich bin von dem festen Glauben getrieben, dass der Mensch auf Kooperation angelegt ist“, sagt die Soziologin. Um diese in Zeiten von flexibler, individueller und ortsunabhängiger Arbeit zu finden, sind Coworking Spaces ein Mittel, um etwa der Isolation der Telearbeit oder des Homeoffices zu entfliehen

Die internationale Coworking-Szene hat sich auf Werte geeinigt, die einen kollaborativen Arbeitsplatz ausmachen. Sie heißen Gemeinschaft, Zugänglichkeit, Nachhaltigkeit, Kollaboration und Offenheit. Wer es ernst meint, engagiert zudem einen Coworking-Manager. „Das ist eine Art Gastgeber, der nicht nur guckt, ob der Kaffee alle ist, sondern Menschen vernetzt, den Raum kuratiert“, gibt Johanna Voll einen Einblick in ihren Forschungsgegenstand.

Was heute für viele Arbeitnehmer fernab der Großstadt noch exotisch klingt, könnte in Zukunft immer selbstverständlicher werden, argumentiert die Wissenschaftlerin. „Sämtliche Arbeitsplätze werden sich massiv verändern“, ist sie überzeugt. Nicht nur in den Städten sondern auch in ländlichen Regionen werde das Arbeiten immer flexibler, subjektiver und eigenverantwortlicher organisiert. In ihrer langjährigen Beschäftigung hat sie festgestellt: „In Metropolen, in denen die Innenstädte gut mit solchen Arbeitsmöglichkeiten  besetzt sind, rücken sie auch in die Peripherie.“ Coworking im ländlichen Raum wird auf diese Weise zu einem eigenen Thema und zu einer Möglichkeit der Aufwertung.

In einem aktuell laufenden Seminar widmet sich Johanna Voll mit Studierenden diesem Aspekt der kollaborativen Arbeit. Als Praxispartner hat sie Philipp Hentschel gewonnen, der das Blog „Kreativorte Brandenburg“ betreibt. Darin stellt er  moderne Arbeits- und Wohnprojekte auf dem Land vor. „Die Studierenden werden ihr goldenes Semesterticket nutzen, dorthin reisen und diese Orte erforschen“, umreißt Johanna Voll ihre Idee als Dozentin. Entstehen sollen anschließend neue Beiträge für die Internetseite von Hentschel. „Ich mochte es noch nie, für das Computer-Nirwana zu arbeiten“, begründet sie ihre Ansprüche an die Studierenden. Die sollen nicht nur für die Dozentin, sondern für eine größere Öffentlichkeit schreiben. Sie selbst arbeitet parallel zu der Lehrtätigkeit an ihrer Promotion – natürlich über Coworking.

Doch warum hat es ihr dieses Thema derart angetan? „Es ist wohl meine eigene Suche nach Gemeinschaft“, sagt sie nach kurzem Nachdenken. Das gemeinsame Arbeiten sei für sie nicht nur eine kostensparende Zwischenlösung. „Das Leben mit anderen zu teilen, ist ein Wert. Ganz nach dem Motto: Zusammen ist man weniger allein.“

Zur Person

Johanna Volls Familie stammt aus Frankfurt, die 34-Jährige ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, bevor sie zum  Studium der Interkulturellen Europa- und Amerikastudien nach Halle zog. Nach ihrem dortigen Bachelor-Abschluss studierte sie zwischen 2009 und 2012 Soziokulturelle Studien. Seit 2013 ist sie akademische Mitabeiterin an der Europa-Universität. Sie lehrt und arbeitet an ihrer Promotion über Coworking Spaces. Darüberhinaus ist sie im Vorstand der German Coworking Federation e.V. und arbeitet an einer digitalen Bibliothek mit wissenschaftlichen Ergebnissen zum Coworking. Mit ihrer zehnjährigen Tochter lebt Johanna Voll seit kurzem wieder in Halle und pendelt für die Arbeit an die Viadrina.

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