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Trabant
Hommage an Entwickler der Rennpappe

Josefine Jahn / 24.05.2018, 06:00 Uhr - Aktualisiert 24.05.2018, 10:35
Letschin (MOZ) Mit seinem Film „Wolle auf Asphalt“ dokumentiert Filmemacher Eberhard Görner ein Stück deutsch-deutsche Automobil-Geschichte

Jene, die ihn damals Gehhilfe schimpften oder fast liebevoll Rennpappe nannten, hätten wohl nicht geahnt, was ein Trabant heute wert ist. Seinen Film „Wolle auf Asphalt“ versteht Regisseur und Produzent Eberhard Görner auch als Hommage an jene, die das Auto in Serie in Zwickau gebaut haben.

Für seine Doku, die am Dienstag im Letschiner Haus Lichtblick aufgeführt wurde, bewies Filmemacher Eberhard Görner einst gutes Gespür für den richtigen Moment. Auf einer Lesung mit Gojko Mitić wurde er 2011 von Werner Lang zu einem Besuch des Automuseums überredet.

Lang, promovierter Ingenieur, erzählte von seiner Tätigkeit als Chefkonstrukteur des VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerks Zwickau. Er gilt als einer der Väter des Trabant. „Damals war er 90 Jahre alt, musste zweimal die Woche zur Dialyse“, erinnert sich Görner vor der Filmvorführung in Letschin. „Wenn man es nicht jetzt dokumentiert, kann es zu spät sein“, habe  er gedacht und den Kameramann Markus Stoffel zunächst ohne konkrete Aussicht auf Entlohnung für seinen Plan begeistern können. Tatsächlich verstarb Lang im Juni 2013, nachdem seine Erinnerungen festgehalten wurden.

„Man hatte das Gefühl, man ist in einem Textilbetrieb“, sagt Lang vor der Kamera, in einer alten Fabrikhalle stehend. Denn, was als „Pappe“ belächelt wurde, war eine Mischung aus usbekischer Baumwolle und Harz aus Erkner, die unter bis zu 200 Grad Celsius zusammen gepresst wurden. Die Vorgehensweise – mindestens 100 Lagen ausgedienter Wollfasern liegen dafür übereinander – zeigen im Film Archivausschnitte. „Eine automatische Beschneidung der Teile ging nicht“, erklärt Lang weiter. Die Karosserie wurde in Handarbeit, mit Bandsägen, gefertigt. Die Mixtur habe im Grunde die Stahlproduktion ersetzt.

Auch als Rallye-Fahrzeug überzeugte der Trabant 601, wurde plötzlich international beliebt. Was Lang jedoch bis zum Ende schmerzte: weitere 16 Modelle wurden unter seiner Führung entwickelt. „Keiner ging in Serie. Man wusste nicht mehr, wie man das vor seinen Leuten rechtfertigen soll“, sagt Lang in der Aufnahme. Als sich Werner Lang nach bereits erhaltener Absage um das In-Serie-Gehen des Trabant 603 bemühte, dafür Mielke und Co. in Berlin besuchte und sich dessen Zustimmung holte, blieb das nicht ohne Folgen für den Ingenieur. Er wurde in den VEB Industriewerke Ludwigsfelde versetzt.

Gleichzeitig stehe der Trabi als Symbol sozialer Gleichheit und Erstarrung des Systems, heißt es in der Dokumentation. Im April 1991 ging der 3.096.099. Trabant vom Band. Etwa ein Jahr zuvor ging der erste VW vom Zwickauer Band. Carl H. Hahn, damaliger VW-Vorstandsvorsitzender, hatte ihn dorthin gebracht, die Hälfte der Belegschaft übernommen. Er lebt heute auf Sardinien – und fährt Trabant.

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