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Der Strausberger Martin Gutsch segelt mit einem Frachtschiff über Ozeane und bringt fair gehandelte Waren mit

Wirtschaft
Strausberger segelt über den Atlantik

Detlef Klementz / 11.06.2018, 22:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Der Strausberger Martin Gutsch könnte als Ingenieur für Bühnenbau gutes Geld verdienen. Hat er auch eine Weile. Dann aber hat der 31-Jährige sein Leben radikal verändert. Mit einem großen Frachtsegler bringt er fair gehandelte Produkte aus der Karibik nach Europa.

Martin Gutsch strahlt, wenn er über sein bisheriges Leben berichtet. Man spürt schnell, der Mann ist mit sich im Reinen. Der 31-Jährige nickt. Dabei war das keineswegs so vorhersehbar. Martin Gutsch hat nach der Schule in Berlin Theater- und Veranstaltungstechnik studiert und später dann als Ingenieur für Bühnenbau gearbeitet. „Das war ein gut bezahlter Job, den man noch ewig hätte weitermachen können“, sagt Gutsch. Arbeit habe es in Hülle und Fülle gegeben. Aber irgendwie sei ihm damals der Spaß abhanden gekommen. „Und gegen die eigene Überzeugung arbeiten, macht mich leer“, hat er erfahren.

Dieses Gefühl ist  durchaus verbreitet, aber die Konsequenz, mit der Martin Gutsch darauf reagierte, ist schon ziemlich ungewöhnlich.  Der junge Mann gab 2014 seine Wohnung auf, verkaufte Auto, Fahrrad und anderes, was sich zu Geld machen ließ, und lebte mit seinem Ersparten seine große Leidenschaft – Segeln. Schon als Jugendlicher sei er gesegelt, berichtet er. So ganz planlos hatte er  den Anker allerdings nicht gelichtet. Zur damaligen Zeit fand zwischen Holland, Deutschland, Dänemark und Norwegen gerade eine Hochseeregatta von Großseglern statt. „Große Schiffe von 20 bis 120 Meter Länge“, wie er präzisiert. Martin Gutsch heuerte auf einem englischen Segler an. Von dort sei er dann auf ein anderes und dann  noch einmal gewechselt.

„Mein Traum war ja, bis nach Sydney zu segeln“,  offenbart  Gutsch. Dort habe er schon immer mal die berühmte Oper sehen wollen. Er weiß, dass das vielleicht irgendwie komisch klingt, aber es sei nun mal so. Geklappt hat das bislang nicht. Stattdessen ging es mit einem deutschen Segler nach Göteborg. Dort half Gutsch beim Neuaufbau eines Frachtseglers, dessen Rumpf 143 Jahre alt war.   Im Zusammenhang mit der Tätigkeit dort kam er mit der „Avontuur“ in Kontakt, einem Zweimaster,  der dem Bremer Reeder Cornelius Bockermann gehört und bis zu 115 Tonnen Ladung aufnehmen kann.  Dabei geht es vorrangig um den Transport von Waren aus ökologischem und sozialverträglichem Anbau.

Im Jahr 2015 führte ihn sein Weg auf die Kanaren. Zu der Zeit hatte er sich Zimmerleuten angeschlossen, die auf Wanderschaft waren.  Auf den Kanaren habe er in einer Höhle gewohnt. „Dort wurde mir klar, wie wenig der Mensch wirklich zum Leben braucht“, sagt er. Viel Zeit für sich habe er gehabt und gut genutzt, wie er findet. Um zur Ruhe zu kommen, seinen inneren Frieden zu finden und zu schreiben. An die 700 Seiten seien so zusammengekommen. Über seine Begegnungen mit Menschen und seine Erlebnisse: „Das wollte alles raus.“ Nach zwei Monaten „war ich ausgeschrieben und wollte nach Hause“, sagt er rückblickend.

Lange hielt es ihn aber nicht in Strausberg. In Holland begann er, sich zum Kapitän für Schiffe bis 500 Tonnen ausbilden zu lassen. 2016 erhielt er das entsprechende Patent für Segelschiffe. Nach Zwischenetappen kam  zu Jahresbeginn der erhoffte Anruf zur Atlantiküberquerung mit der „Avontuur“. Fast zwei Monate dauerte die umweltschonende Überfahrt ganz ohne Motor von Kuba nach Europa.

Was man den ganzen langen Tag auf einem Segelschiff, also auf recht engem Raum, macht? Martin Gutsch hat die Frage schon oft gehört und erzählt:  Die 16-köpfige Crew sei aufgeteilt, vier Stunden Wache, eine Zeit, in der man auch das Schiff steuern müsse. Dann acht Stunden frei: „Man liegt auf Deck, liest viel und schläft oft.“ Bei starkem Wind habe die Mannschaft voll zu tun. Da würden schon mal Segel reißen, Dinge zu Bruch gehen: „Da müssen alle ran. Und wie bekämpft er die Seekrankheit? Der junge Mann muss schmunzeln: „Wir hatten Glück, es war lange ruhig.“ Er selbst sei schon lange nicht mehr seekrank geworden. Was nicht heißt, dass  das Übel plötzlich zurückkehre.  Erfahrene Seeleute rieten zu Ingwerwurzeln und Zwieback als Gegenmittel.  Nach seiner Erfahrung sollten Seekranke immer gut essen. Natürlich könne die feste Grundlage ganz schnell wieder den Weg zurücknehmen, aber die Symptome seien meist weniger stark ausgeprägt.

Geladen hatte die „Avontuur“ übrigens  Rum aus der Karibik sowie Kaffee und Kakao aus Mexico und Nicaragua. „Alles fair gehandelt“, wie Gutsch betont. Einige Produkte, wie Yogi Tee und Schokolade, hätten inzwischen auch den Weg nach Strausberg gefunden. In den Eine-Welt-Laden von Thomas Luther in der Großen Straße. Und auch im Whisky House an der Ecke Müncheberger Straße sieht der 31-Jährige durchaus Abnahmepotenzial.

Ende Juni fährt Martin Gutsch wieder hoch nach Elsfleth bei Bremen. Dort ist der Heimathafen der „Avontuur“. Die nächsten Monaten wird der Zweimaster dort überholt. Im Oktober will der Strausberger dann wieder über den Atlantik segeln.

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