Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Der Bau der umstrittenen Uckermarkleitung kommst seit Jahren nicht voran - jetzt sind erneut die Bürger am Zug

Uckermarkleitung
Neues Tauziehen um Stromtrasse

Uckermarktrasse - 50Hertz Verlauf der Uckermarkleitung Trassenverlauf Uckermarkleitung
Uckermarktrasse - 50Hertz Verlauf der Uckermarkleitung Trassenverlauf Uckermarkleitung © Foto: MMH/Jörn Sandner
Ina Matthes / 14.06.2018, 07:30 Uhr
Berlin (MOZ) Seit mehr als zehn Jahren wird darum gestritten. Nun könnte in den nächsten Wochen eine wichtige Entscheidung fallen über eines der großen Bauvorhaben in Brandenburg: die Uckermarkleitung.

Sie soll den Strom der Windräder aus der Uckermark nach Berlin bringen: die 115 Kilometer lange Uckermarkleitung. Sie führt von dem Dorf Bertikow bei Prenzlau bis nach Neuenhagen (Märkisch-Oderland) vor den Toren von Berlin. Etwa 230 Millionen Euro soll die 380-KV-Höchstspannungsleitung kosten. Das Problem: Auf ihrem Weg aus dem windreichen Norden in den energiehungrigen Süden schneidet sie ein für den Naturschutz besonders wertvolles  Gebiet: das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin.

Seit zehn Jahren wehrt sich die Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom“ dagegen. Unterstützt wird sie durch den Naturschutzbund Brandenburg (Nabu). Der klagte 2016 erfolgreich und verhinderte, dass der Bau starten konnte. Das Bundesverwaltungsgericht befand, dass der Vogelschutz in den Planungen nicht ausreichend berücksichtigt wurde.

Der Bauherr der Leitung, die 50Hertz Transmission GmbH aus Berlin, bekam die Chance, nachzubessern. Der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz hat sich also in den vergangen beiden Jahren mit dem Thema Vogelschutz beschäftigt.

Was dabei heraus gekommen ist, wird jetzt öffentlich gemacht. Die Untersuchungen von 50Hertz zum Vogelschutz werden öffentlich ausgelegt. Das für die Genehmigung der Stromtrasse zuständige Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) in Cottbus hat ein sogenanntes Beteiligungsverfahren eingeleitet. Das teilte das Unternehmen 50Hertz am Mittwoch mit. Das heißt, die Dokumente sind vom 16. Juli bis zum 15. August in den kommunalen Verwaltungen und im Internet für alle interessierten Bürger einsehbar.

Wer sie sich sicher durchlesen wird, sind Hartmut Lindner und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative „Biosphöre unter Strom“. Sie ist genau am 13. Juni 2008 gegründet worden und kämpft seither gegen die Leitung. Gegen die hohen Masten, die das Landschaftsbild stören und zu dicht an Dörfer heranrücken. Gegen die Freileitung als Risiko für Vögel. Mit ihrer Forderung nach einer unterirdischen Verlegung der Leitung in besonders sensiblen Bereichen hatte die Bürgerinitiative keinen Erfolg. Als offener Streitpunkt ist nun der Vogelschutz geblieben.

Die Leitung führt durch drei Vogelschutzgebiete: Randow-Welse-Bruch, Schorfheide-Chorin und Unteres Odertal. 50 Hertz hat in diesen Gebieten die Vorkommen von rund 250 Vogelarten erfasst und ihre Lebensweise. 15 Studien wurden erstellt. Bei den Untersuchungen geht es vor allem darum, ob Vögel im Flug gegen die Leitungen prallen können und dabei möglicherweise zu Tode kommen.  „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass erhebliche Beeinträchtigungen in den drei Vogelschutzgebieten ausgeschlossen werden können“, sagt Elke Brennenstuhl, Projektleiterin bei 50Hertz. „Dabei haben wir die entlastende Wirkung des Rückbaus der 220 KV-Leitung mit berücksichtigt.“

Mit dem Neubau der Uckermarkleitung wird nämlich eine alte Leitung in der Nähe abgerissen – gegen deren Drähte kann dann kein Vogel mehr fliegen. Bauherr 50Hertz hat nun die Wirkung von Abriss und Neubau auf die Vögel zusammen betrachtet. Fazit des Unternehmens: Die Vorkommen der  einzelnen Vogelarten werden nicht negativ beeinflusst. Sollten die Genehmigungsbehörden dieser Auffassung nicht folgen, will 50Hertz mit weiteren Schutzmaßnahmen wie dem unterirdischen Verlegen kleinerer Leitungen in der Nähe oder dem Anbringen von Vogelschutzmarkierungen an umliegenden Leitungen nachbessern.

Die Bürgerinitiative bezweifelt, dass die Uckermarkleitung die Vogelwelt nicht beeinträchtigt. Die Gegend sei ein Durchzugsgebiet für viele Arten, sagt Hartmut Lindner. „Vor allem für die Zugvögel ist das ein sehr großes Problem.“ Für das Anliegen der Initiative engagieren sich ausgewiesene Naturschutzexperten  wie Martin Flade, ehemaliger Leiter des Biosphärenreservates. „Wir werden uns die Unterlagen genau anschauen“, kündigt Hartmut Lindner an.

Deren Verfasser, 50Hertz, hofft, dass es in diesem Jahr noch eine Genehmigung für die Uckermarkleitung gibt. Dann könnte sie in zwei bis drei Jahren gebaut und 2021fertig sein.

Denn es wird schwieriger, steigende Mengen an grünen Strom aus der Uckermark abzutransportieren. „Der Bedarf ist heute schon mehr als vorhanden“, sagt Dirk Manthey von 50Hertz. Bereits 50 Prozent der Stromerzeugung in Ostdeutschland kommt laut 50Hertz aus grünen Quellen. Bis 2021 rechnet das Unternehmen mit einem Anstieg auf 60 Prozent. Reichen die Leitungen nicht aus, um den Strom wegzuführen, müssen Windräder notfalls abgeschaltet werden. Für den Produktionsausfall allerdings müssen deren Besitzer entschädigt werden – das schlägt sich auf den Strompreis nieder.

Jetzt aber sind erst einmal die Bürger am Zug – sie können die Unterlagen einsehen, ihre Einwände vorbringen. Dass die Dokumente zum Vogelschutz allerdings ausgerechnet in den Ferien öffentlich ausgelegt werden, findet Hartmut Lindner „mehr als grenzwertig und eigentlich schon skandalös“. Dies würde die Bürgerbeteiligung erschweren und entspreche nicht dem Willen des Gesetzgebers. Warum der Termin so gewählt wurde, war am Mittwoch vom Landesamt für Bergbau LBGR nicht zu erfahren.

Von der Entscheidung der Behörde hängt ab, wie es weitergeht mit der Uckermarkleitung. Und von der Bürgerinitiative. Hartmut Lindner schließt nicht aus, dass es erneut zu einer Klage gegen den Bau kommen könnte.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG