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Der steigenden Zahl von Messerangriffen kann die Politik kaum etwas entgegensetzen

Schutz
Was die Politik gegen Messerangriffe tun will

Stefan Kegel / 14.06.2018, 08:45 Uhr
Berlin (MOZ) Die Zahl der Angriffe mit Messern steigt. Politiker suchen nach Gegenmitteln. Doch als Schneidwerkzeuge gibt es sie in jeder Küchen-Schublade. Das macht es schwierig, der Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Wenn Winfried Diessner von Messern erzählt, bekommt er leuchtende Augen. „Das Messer ist das älteste Werkzeug der Menschen“, sagt er, und schwärmt von edlen Damastklingen und Griffen aus Mammutzahn, wenn er die Prachtstücke in seinen Vitrinen zeigt. Winfried Diessner ist Messerhändler. Seit 25 Jahren betreibt er seinen Laden in Berlin-Köpenick und seit einiger Zeit auch im Internet. Vom Schweizer Offiziersmesser bis zur Machete hat er alles, was in Deutschland erlaubt ist. „Hier schauen Sie mal, wie fein die Klinge verziert ist“, sagt der 53-Jährige, während er ein Taschenmesser vorführt, das für 200 Euro zu haben ist.

Dass das von ihm so bewunderte Werkzeug in letzter Zeit so sehr in Verruf gerät, betrübt ihn. Und die Berichte über Messerangriffe wie jüngst in Viersen lassen ihn nicht kalt. In der niederrheinischen Stadt ist am Montag eine 15-Jährige erstochen worden. Ähnliche Vorfälle im pfälzischen Kandel oder im westfälischen Lünen seien schlimm, sagt er.

Die Zahl der Messerattacken hat in den vergangenen Jahren in vielen Teilen Deutschlands zugenommen. In Berlin stieg sie seit 2014 um 13 Prozent, in Hessen um 29 Prozent. In Brandenburg wurden im vergangenen Jahr bei 404 Gewalttaten Messer eingesetzt. Drei Jahre vorher waren es noch 260 gewesen – ein Anstieg um ein Drittel. Die AfD diagnostiziert bereits eine „Messerepidemie“. Dabei ist dieser Trend in anderen Bundesländern nicht so eindeutig. In Schleswig-Holstein zum Beispiel weisen die Zahlen einen rückläufigen Trend auf. Und wieder andere Länder, darunter Hamburg, Bayern und das Saarland, haben darüber gar keine Zahlen, weil dort Messerangriffe nicht separat erfasst werden. Zudem muss man wissen, dass in der Statistik nicht nur vollendete Messerstiche auftauchen. Auch ein Messer, das beim Täter gefunden wird oder das er drohend vor sich hält, wird gezählt.

Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, haben die Innenminister der Länder in der vergangenen Woche beschlossen, eine gemeinsame Zählung dieser Angriffe zu beginnen. „Eine einheitliche Erfassungspraxis ist letztlich die Grundlage, um zielgenau kriminalpolitische Entscheidungen auf Bundesebene treffen zu können“, sagt Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU), der das Vorhaben auf den Weg gebracht hat.

„Wir müssen herausfiltern, in welchen Regionen es tatsächlich eine Zunahme gegeben hat“, begrüßt Oliver Malchow den Vorstoß. Der Chef der Gewerkschaft der Polizei fordert schon seit Längerem ein härteres Durchgreifen gegen Messerstecher. „Ich erwarte von Richtern und Staatsanwälten, dass sie eine solche Straftat als versuchte Tötung werten“, verlangt er. „Oft überleben die Opfer nur durch Glück und gute Ärzte.“ Bislang zählt ein Messerangriff meist als schwere Körperverletzung. Natürlich müsse man unterscheiden, ob lebenswichtige Organe getroffen wurden oder ob es nur leichte Schnittverletzungen gegeben habe, schränkt Malchow ein.

Was dem Chef der Polizeigewerkschaft Sorgen bereitet, ist auch der hohe Anteil von Migranten unter den Tätern. Dies untermauert die Statistik. In Brandenburg beispielsweise betrug der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen bei Gewaltstraftaten mit Messern im vergangenen Jahr 44 Prozent. Zwei Drittel davon waren Zuwanderer.

Eine Studie der Universität Bielefeld ist der Frage nachgegangen, warum gerade Menschen mit ausländischen Wurzeln überproportional häufig zum Messer greifen. Demnach haben Jugendliche, gerade in sozialen Brennpunkten, das Messer als Zeichen der Stärke bei sich, nicht in erster Linie, um es auch einzusetzen. Das bestätigt auch der Gewerkschafter. „Messer sind in manchen Kulturkreisen ein Zeichen von Männlichkeit.“ Umso wichtiger findet er es, dass hier Aufklärungsprogramme ansetzen. „Ein mitgeführtes Messer kann in einer aufgeheizten Situation dazu führen, dass es auch eingesetzt wird.“ Am besten sei es, Waffen in der Öffentlichkeit erst gar nicht zu tragen.

Für die gestiegenen Fallzahlen hat auch Messerverkäufer Diessner eine Erklärung. „Das liegt unter anderem an der Verrohung der Gesellschaft.“ Schon Jugendliche dürften heute zu Hause brutale Filme im Fernsehen schauen, kritisiert er. Das bleibe nicht ohne Auswirkungen.

Bereits seit einigen Jahren sind bestimmte Messer in Deutschland verboten: etwa Butterfly-Messer mit ihren schwenkbaren Griffen oder solche mit einer feststehenden Klinge, die länger als zwölf Zentimeter ist. Ausnahmen gibt es für bestimmte Personengruppen – Jäger etwa, Angler oder Pfadfinder. „Ich glaube nicht, dass weitere Verbote von Messern hilfreich sind“, sagt Gewerkschafter Malchow. Messer seien immerhin Alltagsgegenstände. In jeder Küche gebe es welche. „Damit kann man Brot schneiden, aber eben auch jemanden umbringen.“

Mehrere Bundesländer haben als Gegenmaßnahmen in gefährlichen Gegenden Waffenverbotszonen eingerichtet. Ob das ein Modell für ganz Deutschland sein kann, ist unklar. „Es gibt rechtliche Bedenken“, erklärt der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (CDU). Der Diskussion um Verbotszonen in Schulen kann er gar nichts abgewinnen. „Die Leiter haben doch Hausrecht“, sagt er. „Wenn ich Schulleiter wäre, würde ich diese Waffen auf dem Gelände verbieten.“

Auch Messerhändler Winfried Diessner sieht die Verantwortung für den Einsatz von Messern bei deren Benutzern. „Neue Messerverbote bringen gar nichts. Im Baumarkt gibt es genug Teppichmesser und anderes gefährliches Werkzeug.“ Menschen müssten schon in ihrer Jugend lernen, ihre Konflikte verbal zu lösen, meint Diessner. „Da haben die Eltern eine große Verantwortung.“

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