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Baustile
Ein Salto der Architektur

„Das war ein Ufo“: Auch über die Besonderheiten der Staatsanwaltschaft schreibt Paul Zalewski in seinen Architekturführer, der im November beim Bebra-Verlag erscheinen wird.
„Das war ein Ufo“: Auch über die Besonderheiten der Staatsanwaltschaft schreibt Paul Zalewski in seinen Architekturführer, der im November beim Bebra-Verlag erscheinen wird. © Foto: Frauke Adesiyan
Frauke Adesiyan, MOZ / 03.07.2018, 06:30 Uhr
Frankfurt (Oder) An den drei Fakultäten der Europa-Universität lernen rund 6500 Studenten. Rund 70 Professoren und deren Mitarbeiter forschen in ihren Fachgebieten. In der Reihe „Woran ich arbeite“ berichten wir regelmäßig aus dem wissenschaftlichen Alltag der Via- drina.

Kießlings berühmte Wohnhäuser für die Eisenbahner, die mächtige Hindenburg-Schule in West (heute Kästner-Grundschule), die Staatsanwaltschaft mit ihrem elegant-nüchternen Schwung. Es sind nur wenige Jahre – baugeschichtlich ein Wimpernschlag – und doch hat die Zwischenkriegszeit in Frankfurt eine erstaunliche Formenvielfalt hervorgebracht. „Die Planung machte einen Salto vom Traditionalismus zum Expressiven“, beschreibt Paul Zalewski die Entwicklung, die ihn fasziniert, seit der Denkmalprofessor 2008 nach Frankfurt kam. Im Rahmen des Viadrina-Großprojekts „1918 – Die vergessene Grenze – Hundert Jahre deutsch-polnische Nachbarschaft“ widmet Zalewski den Glanzstücken dieser kurzen Bau-Epochen einen Architekturführer. Im Herbst soll er im Bebra-Verlag erscheinen.

Mit ihm werden Frankfurter und Besucher Gebäude im Zentrum und darüber hinaus neu entdecken können. Vom Bahnhof bis zur St. Georgkirche in der Bergstraße; vom Krematorium über die Baugewerbeschule bis zum Musikheim, Wohnbauten in der Tunnelstraße, am Grünen Weg und der Paulinenhofsiedlung werden vertreten sein und schließlich das Stadion und das Kino Piast in Słubice. Für Zalewski steht fest: Diese wenigen Jahren sind Frankfurts zweitwichtigste architektonische Phase nach der Gotik. „Es wurde unter enorm schwierigen Bedingungen so viel Bahnbrechendes, so viel Mutiges geleistet.“

Was die Gebäude vereint, ist für  Zalewski die Frage nach der richtigen Proportion. „Man erkennt eine Suche nach einer Identität der Mittelstadt“, findet er. Obwohl Frankfurt als Verwaltungszentrum damals ausgebaut wurde, wollte man sich von allem, was nach Großstadt aussah, distanzieren. Der industrielle Moloch hatte keinerlei positive Assoziationen. Und so baute man beispielsweise einen Bahnhof, der jeden großstädtischen Gestus vermied. „Das ist kein kleines Gebäude, aber es tut so“, beschreibt Paul Zalewski die Geisteshaltung hinter der Architektur.

Dabei ist die Formensprache wie erwähnt vielfältig. Kießlings Wohnhäusern sei das Verhaften in einer traditionellen Vorkriegs-Ästhetik anzumerken, gibt Zalewski ein Beispiel. Nur Details, wie die groben Ornamente über den Eingangstüren geben einen Vorgeschmack auf expressionistische Bauten. Die damalige Hindenburg-Schule an der August-Bebel-Straße nennt Zalewski „ein Feuerwerk, eine Spitzenleistung der expressionistischen Tendenz“. Sie fand viel Aufmerksamkeit in der reichsweiten Presse mit ihrem aufwendigen Stil, der die Betrachter in den Bann ziehen wollte. Welch ein Kontrast zu dem Gebäude, vor dem das Gespräch mit dem aus Polen stammenden Denkmalschützer stattfindet: der Staatsanwaltschaft an der Bachgasse. Ihr eleganter Schwung wird auch den Einband des Architekturführers zieren. „Man könnte sagen, das ist einfach ein Kasten, sachlich, mit beginnenden Einflüssen des Bauhauses“, sagt Zalewski mit Blick auf die schmucklose Fassade und die gleichmäßigen Fenster-Bänder.

Doch mit solchen Eindrücken gibt er sich ungern zufrieden. Für ihn ist klar: „Das Gebäude hat eine Message, die man ihm heute nicht mehr ohne weiteres entlockt.“ Zum einen war es eine radikale Abkehr von Justiz-Gebäuden früherer Jahren, hochpompöse Gerichtspaläste, die im Besucher vor allem Ehrfurcht erwecken sollten. Neben diesem Kontext interessiert sich Zalewski für den örtlichen Zusammenhang. „Das Haus war eine riesige Provokation inmitten der historisierenden Gebäude – der heutigen Universität und der Kaserne“, verdeutlicht er die Wirkung, die das schlicht geschwungene Gebäude ohne Ornamentik damals gehabt haben muss. „Das war wie ein Ufo.“

In dem gerade entstehenden Buch wird Zalewski nur wenige Seiten pro Gebäude haben. Zu wenig, um all die Entdeckungen zu beschreiben. Deshalb sieht er die jetzige Veröffentlichung nur als Auftakt für eine weitere Auseinandersetzung mit den Gebäuden dieser Zeit. Und er sieht ein Potenzial weit über die Wissenschaft hinaus: „Es muss im Interesse der Stadt sein, mehr in die Popularisierung dieser Architektur zu investieren.“

Zur Person

Der 51-jährige Professor heißt mit vollem Namen Przemyslaw Paul Zalewski. Er hat in Torun Kunstgeschichte und Denkmalpflege studiert. In Bamberg hat er anschließend ein Aufbaustudium Denkmalpflege absolviert. Nach einer Zeit als freiberuflicher Gutachter in der Denkmalpflege folgte im Jahr 2000 die Promotion am Fachbereich Architektur der TU-Berlin über die Baugeschichte der Stadt Schmalkalden/Thüringen. Zalewski arbeitete an der Bauhaus-Universität Weimar und wurde Juniorprofessur für Bauforschung und Denkmalpflege an der Leibniz Universität Hannover. 2008 kam er an die Europa-Universität Viadrina, seit 2009 ist er Professor für Denkmalkunde und wissenschaftlicher Leiter des Masterstudiengangs Schutz europäischer Kulturgüter. Er arbeitet im Frankfurter Beirat zur Stadtgestaltung und Kunst im öffentlichen Raum und ist Mitglied im Denkmalbeirat von Sachsen-Anhalt.

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