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Andere Wertpapiere
Eine Aktie an Kuh und Kohl

Mehr als ein Traum:  Boris Laufer ist Gärtner und Inhaber einer Gärtnerei, die zum Hof Apfeltraum in Müncheberg gehört. Hier wird ökologische Landwirtschaft betrieben.
Mehr als ein Traum: Boris Laufer ist Gärtner und Inhaber einer Gärtnerei, die zum Hof Apfeltraum in Müncheberg gehört. Hier wird ökologische Landwirtschaft betrieben. © Foto: Hof Apfeltraum
Ina Matthes / 14.07.2018, 07:00 Uhr
Müncheberg (MOZ) Bei Aktien denkt ein Deutscher eher an BASF und  weniger an Bauer. In Müncheberg hat sich jetzt ein neue Aktiengesellschaft gegründet, die genau das in größerem Stile verkaufen will: Agrar-Aktien aus Brandenburg.

Für 500 Euro gibt es noch keine ausgewachsene Kuh, aber ein Aktie dran. Solche Wertpapiere aus der Landwirtschaft will jetzt die Regionalwert AG Berlin-Brandenburg ausgeben.

Die Aktiengesellschaft ist im Juni in Müncheberg (Märkisch-Oderland) gegründet worden. Ihre Aktien werden nicht an der Börse gehandelt. Wer investieren will, zeichnet bei der Gesellschaft. „Es gibt schon  eine ganze Reihe Interessenten. Ich bekomme täglich E-Mails von Leuten“, sagt Timo Kaphengst, designierter Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg.

Wer 500 Euro ausgibt, besitzt nicht etwa direkt ein Drittel Kuh oder eine bestimmte Menge  Kohl vom Acker. Er beteiligt sich an einer deutlich größeren Sache.  „Ich habe die Möglichkeit, mit dem Geld die Erzeugung meiner Lebensmittel ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen“, erläutert Kaphengst. Die Aktionäre sollen in eine „zukunftsfähige Landwirtschaft“  investieren: in ökologisch wirtschaftende regionale Betriebe, kleinere Strukturen, eine Vielfalt von Landbau, Verarbeitung, Vermarktung.

Die Gründer der Regionalwert AG haben Erfahrungen mit dem Aktiengeschäft. Denn die neue Gesellschaft ist aus einer älteren hervorgegangen: der Apfeltraum AG in Müncheberg. Die wurde bereits 2005 gegründet. Die AG sollte Geld bereitstellen für sechs eigenständige Betriebe, die die ökologisch wirtschaftende Hofgemeinschaft Apfeltraum bilden. Sie betreiben Ackerbau, Gärtnerei, Tierhaltung, eine Baumschule, eine Imkerei und vertreiben Abo-Kisten. Wer Aktionär bei Apfeltraum werden wollte, der war bisher mit 100 Euro dabei.

Ihre AG mit 200 Aktionären hat den Apfeltraum-Eignern nicht mehr gereicht, deshalb die Neugründung: Sie denken größer, wollen mehr Kapital einwerben. Die Regionalwert AG plant in regionale Vermarktungsketten zu investieren – vom Landbau über die Herstellung von Lebensmitteln in einer Käserei zum Beispiel,  den Vertrieb der Produkte bis hin zur Gastronomie. Dafür will die AG Verträge mit Partnerbetrieben eingehen, denen die Investitionen zugute kommen sollen.

So gebe es Studenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, erzählt Kaphengst, die in der Region bleiben und einen eigenen Betrieb aufbauen  wollen. Die Absolventen würden aber oft weder an Kapital noch an Land kommen. „Die Finanzierung über Banken ist oft schwierig, gerade für Jüngere, die nicht so viel Eigenkapital haben.“ Vor allem solche Gründer, aber auch etablierte Betriebe, will die Regionalwert  AG unterstützen und miteinander vernetzen. Sie arbeitet nach einem Konzept, dass in Deutschland seit einigen Jahren existiert. Die Idee für solche Aktiengesellschaften kommt aus Freiburg. Der Landwirt Christian Hiß hat sie mal erdacht. Er wollte seinen Biohof ausbauen, bekam aber keinen Kredit. Nachhaltige Landwirtschaft war als Geschäftsmodell für Banken nicht überzeugend. So  verfiel Hiß auf die Idee mit den Agrar-Aktien. Mittlerweile gibt es solche Regionalwert AG  in der  Isar-Inn Region, in Hamburg, im Rheinland und nun in Berlin-Brandenburg.

Für Menschen, die auf schnelle Dividende aus sind, sind diese Papiere nichts. Wer in ökologische Landwirtschaft investiert, muss davon überzeugt sein und warten können. Die Freiburger Regionalwert AG hat an ihre Aktionäre noch kein Geld ausgeschüttet und stellt es auch in den nächsten Jahren nicht in Aussicht. Weil es lange dauert, bis sich Investitionen in der Landwirtschaft bezahlt machen, heißt es auf der Webseite.

Auch die Regionalwert Berlin-Brandenburg AG verspricht keine bestimmte Dividende zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wer hier investiert, soll sein Geld in nachhaltige Landwirtschaft stecken wollen, in den Schutz von Umwelt, in Arbeitsplätze auf dem Land, in Ausbildung junger Leute.  Kaphengst spricht von ökologischer und sozialer Rendite, will aber die finanzielle nicht ausschließen. „Das ist schon eine Aktie.“ Wenn die Partner-Betriebe gut laufen  und Gewinne erwirtschaften, dann werde auch die Hauptversammlung  der Aktionäre über eine Ausschüttung entscheiden.

Aber erst einmal muss die AG zum Laufen kommen. Wenn der Eintrag ins Handelsregister vollzogen ist – voraussichtlich im August – sollen die ersten Aktien ausgegeben werden. In Berlin mit seinem boomenden Bio-Markt will sich die AG im Oktober auf dem Stadt-Land-Food-Festival präsentieren. „Es sind schon erstmal die Berliner, die wir vor Augen haben, aber nicht nur,“ sagt Kaphengst. Auch in Brandenburg hoffen die Initiatoren auf Interesse. Den Geldgebern sichert die AG Transparenz zu – sie sollen nachvollziehen können, wofür ihr Geld verwendet wird, durch regelmäßige Geschäftsberichte zum Beispiel. Die Partner-Betriebe könnten sich auf Aktionärsversammlungen vorstellen, ihre Produkte zum Verkosten anbieten.  Auch Exkursionen zu den Betrieben sind denkbar. Dann kann der Aktionär sein Investment vielleicht mal auf der Weide sehen.

Mehr Information zur Aktie unter www.regionalwert-berlin.de

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