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Höhlen in Thailand
Prinzessinnen und Wilde Weiber

Faszinierend und gefährlich: Rettungsaktion in der Tham Luang Nang Non Höhle. Höhlen haben für Menschen jeher eine besondere Anziehungskraft.
Faszinierend und gefährlich: Rettungsaktion in der Tham Luang Nang Non Höhle. Höhlen haben für Menschen jeher eine besondere Anziehungskraft. © Foto: Royal Thai Navy
Ina Matthes / 14.07.2018, 07:30 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Der Eingang zur Unterwelt ist weit wie die Halle einer Kathedrale. Wasserdampf strömt heraus wie feuchter Atem. Andrew Alan Johnson zieht es hin zu diesem Schlund. Da ruft ihn sein Begleiter zurück. Kein Eintritt zu Regenzeit: Johnson kehrt widerstrebend um. „Ein Tor in eine andere Welt“, beschreibt er die Tham Luang Nang Non Höhle.

Was zieht ein Fußballteam von zwölf Jungen und ihren Trainer in dieses Dunkel? Johnson, der Anthropologe aus Princeton, fasst die Frage weiter. Welche Rolle spielen Höhlen in Thailand? Es gibt davon unzählige. Viele haben ein Geschichte. Die Nang Non Höhle ist die Höhle der ruhenden Jungfrau. Eine Prinzessin, die ihren Geliebten nicht heiraten durfte, brachte sich um. Ihr Körper wurde zu einem Gebirge, in das sich der dunkle Schlund windet. Johnson hat sich mit dem Mythos von Höhlen in Thailand beschäftigt. Sie sind oft Sitz von Dämonen und Geistern. Orte der Macht, der Furcht und Verlockung. Denn Höhlen sind zumeist weiblich. Manchmal locken schöne Geister Männer in das Dunkel. Die Verführten werden dort von Dämonen gefressen, steigen aber als Tote zum Herrscher dieser Unterwelt auf. Sie tun Menschen sogar Gutes, wenn man sie bei Laune hält. Mit Opfern, mit Festen. In Thailand, sagt Johnson, vermischt sich dieser Naturglaube mit Religion. Der Prinzessin wird in einem Schrein gehuldigt. Dort steht sie als Schaufensterpuppe. Nahe am Eingang von Tham Luang Nang Non hockt Buddha, als Statue.

Wenn heute Besucher in solche Höhlen vordringen, kommt viel von dem wieder hoch, was Menschen früher mit Höhlen verbunden haben, erzählt der österreichische Höhlenforscher und Historiker Johannes Mattes. Die Touristen sehen plötzlich religiöse Symbole oder Märchenbilder. Die Höhle ist auch bei den Österreichern ein mystischer und vorwiegend weiblicher Ort. Mit weniger Prinzessinnen: In Österreichs Höhlen hausen Zwerge, Dämonen und Wilde Weiber. Die Weiber verwandelten sich im Laufe der Zeit oft in heilige Marien und Rosarias. So mischt sich auch in Europa Religion munter mit Naturglaube.

Die düstren Gänge und Hallen im Fels sind Orte der Nacht, der Inspiration und der Entdeckungen. Geheuer waren sie den Europäern nie. Aber auch nicht so unheimlich, dass sich nicht noch was Praktisches anfangen ließ mit einem dunklen Loch. Zum Beispiel Käse lagern, Eis brechen, die Gänge als Abkürzung durchs Gebirge nutzen, sich verstecken. So haben Menschen seit dem Mittelalter die Unterwelt benutzt. Bis im 19. Jahrhundert die Touristen kamen und das gute Geschäft mit den Schauhöhlen begann.

Das schätzen auch die Thailänder. Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen des Landes. Dass die Tourismusbranche gleich nach der Rettung der Jungen das Drama vermarkten will, mag jetzt befremdlich scheinen, einzig ist es nicht. 1894 wurden in der Lurgrotte bei Graz sieben Höhlenforscher eingeschlossen. Sie waren trotz Regens in die Höhle gestiegen – im Wettlauf mit einem anderen Forscherteam, heißt es. Der Kaiser schickte Soldaten zur Rettung. Es war die erste große Höhlenkatastrophe Österreichs – mit Happy-End. Es gab viel Medienrummel. Und ein frisch gegründetes Restaurant lebte Jahrzehnte gut von dieser Geschichte.

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