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Von der grauen Maus zur Party-Metropole

Ausstellung
Zurück in die 90er

Aktiver Zeitzeuge: Stefan Schilling, Ex-Künstler vom Tacheles, gestaltet Themenräume der neuen Ausstellung.
Aktiver Zeitzeuge: Stefan Schilling, Ex-Künstler vom Tacheles, gestaltet Themenräume der neuen Ausstellung. © Foto: Maria Neuendorff
Maria Neuendorff / 14.07.2018, 08:00 Uhr
Berlin (MOZ) Party, Kunst und Anarchie - bis heute begründen die wilden 90er-Jahre den Mythos Berlins als unvergleichlichen Abenteuerspielplatz. Eine Multimedia-Ausstellung will ab August Szene-Orte wieder auferstehen lassen, die schon längst untergegangen sind.

Der Durchgang zum alten Münzprägewerk am Spreeufer in Mitte erinnert an einen düsteren Clubeingang. Noch sind die tiefen Bässe im Inneren nicht zu hören. In den Veranstaltungs-Hallen der „Alten Münze“ werkeln Arbeiter an einer gebogenen Panorama-Leinwand. Mit ihren 55 Metern Länge und fünf Metern Höhe soll sie Besucher ab August in die 90er-Jahre zurückbeamen. Der Film mit Bildern vom Mauerfall, der Reichtagsverhüllung und der Loveparade und einem eigenen Berlin-Soundtrack ist schon geschnitten, die obligatorische Mauerreste wurden vor wenigen Tagen angeliefert.

Ist „Nineties Berlin“ also nur eine weitere Multimedia-Show, die mit Berliner Geschichte Kasse machen will? Wer sich mit den Initiatoren, Kuratoren und Künstlern unterhält, merkt, dass hier mehr dahinter steckt als Touristen-Nepp. Die meisten haben die Zeit, die sie nun auf 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche wieder aufleben lassen wollen, selbst erlebt. Man könnte auch sagen mitgeprägt.

So wie Stefan Schilling, der von 1991 bis 1999 im Tacheles an der Oranienburger Straße wohnte und arbeitete. In seinem Atelier in der dritten Etage der besetzten Kaufhausruine veranstaltete der Erfurter Filmabende, bei denen sich Ossis und Wessis nach dem Mauerfall per Videorekorder gegenseitig ihre Lieblingsstreifen zeigten. In der hauseigenen Siebdruckerei fertigte der gelernte Schriftsetzer Plakate für skurrile Ausstellungen, exzessive Tanzpartys und legendäre Konzerte im hauseigenen Café Zapata an, in dem auch die erste „Russendisko“ stattfand. „Man wusste nie, was einen im nächsten Flur, im nächsten Atelier, in der nächsten Etage erwartete. Jeder Besucher konnte für sich selbst herausfinden, was für ihn Kunst ist“, schreibt Schilling in seinem Bildband „Tacheles“. Einige seiner Fotos, die er darin nach der Räumung des berühmt-berüchtigten Kunsthauses 2012 veröffentlichte, hat Schilling nun noch mal auf Leinwand nachgemalt. Zusammen mit seinem Sohn Gustav Sonntag, der einst die Tacheles-Gänge mit seinen Graffiti prägte, gestaltet er nun den Ausstellungsraum „Lost Berlin“. Das Labyrinth mit sechs Sackgassen führt zu längst untergegangenen Orten: vom Jugendradio DT64 über den Techno-Klub „Tresor“ bis hin zum ewig nassen Kellerclub-„Eimer“. Am Ende wird gerade ein Spiegelsaal aufgebaut. „Hier wird die Siegessäule verkehrt herum von der Decke hängen, und die Hymnen der Loveparade werden abspielt“, erklärt Kreativdirektor Matthias Kaminsky.

Der 49-Jährige, Piercing in der Nase, die Arme voller Tattoos, hat damals selbst drei Jahre lang  von Freitagabend bis Montagfrüh durchgefeiert.  „Connection-Bar, E-Werk,  Turbine, E-Werk, WMF“, zählt Kaminsky die Stationen des Wochenendes auf, nachdem er als 20-Jähriger aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt in das wilde Berlin der 90er kam.

„Die Zeit ist auch so magisch, weil sie so wenig mit Fotos dokumentiert ist“, sagt Michael Geithner, Kurator des DDR-Museums, das die Schau initiiert hat. Damals sei ja niemand mit Smartphones durch die Klubs gelaufen. Um das Lebensgefühl spürbar zu machen, hat Geithner Zeitzeugen interviewt. Dabei ging es ihm nicht nur um den wild-düsteren  Tanz in den Ruinen eines untergegangenen Staates. In seinen Kurzfilmen lässt er neben Clubbesitzern auch Gregor Gysi und einen Streifenpolizisten zu Wort kommen. Letzterer geriet in den Wendemonaten in Prenzlauer Berg plötzlich in die Front zwischen linken Hausbesetzern und rechten Hooligans. „Nicht nur in der Clubszene herrschte Anarchie“, sagt Geithner. „Die alten Gesetze gab es nicht mehr, die neuen galten noch nicht. Und die Jugend dachte sich: Die Stadt gehört jetzt uns. Mal sehen; was wir draus machen.“

„Nineties Berlin“ ab 4. August in der Alten Münze. Mehr Infos: www.nineties.berlin

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