Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Kleingartenparadies
Ein Garten, der den Tisch reichlich deckt

Roland Becker / 28.07.2018, 08:44 Uhr
Hennigsdorf (MOZ) „Garten Nummer 7, den müssen Sie gesehen haben!“ Voller Begeisterung und fast ein wenig ehrfürchtig fiel immer wieder dieser Satz, als der Vorstand des Kleingartenvereins Zur Eschenallee vor einigen Wochen über den mittlerweile gefeierten 60. Geburtstag der Gartensparte erzählte.

Dieses Gartenparadies gehört Manuela Schülke-Güldemeister, die im blau-weiß geblümten Sommerkleid auf dem passend gestreiften Gartensofa sitzt und zum zweiten Frühstück bittet. Alles auf dem Tisch ist durch ihre Hände gegangen – erst im Garten, dann in der Küche. Zur Begrüßung schenkt sie Wasser aus einer Glaskanne ein, über die der Gartenmuffel sagten könnte: „Da schwimmt was drin!“ Stimmt! „Für mein Kräuterwasser gehe ich einmal durch den Garten. Heute sind Rosmarin, Zitronenmelisse, Pfefferminze und Anansasalbei drin“, plaudert die 56-Jährige über die Erfrischung. Die Kräuter werden mit Wasser bedeckt, kurz aufgekocht, mit einem Schuss Zitrone versehen und mit stillem Wasser aufgefüllt

Einmal durch den Garten gehen. Das erspart der Hobbygärtnerin viele Wege zum Supermarkt. Während ihr Mann „gerade so zwischen Kohl und Unkraut unterscheiden kann“, hatte sie sich vor drei Jahren vorgenommen: „Wenn ich den Nutzgarten richtig plane, können wir uns selbst versorgen.“ Es gehörte einiger Mut zu einem solchen Gedanken, als sie mit Mann und Tochter vor drei Jahren die 450 Quadratmeter Land übernahm: „Das war eine riesige Unkrautwüste.“ Zwar hatte die gebürtige Oranienburgerin als Kind Blumenfrau werden wollen. Bevor die Familie aber vor drei Jahren nach Nieder Neuendorf zog, hatte sie in den zehn Hamburger Jahren nicht einmal einen Balkon besessen.

Das Problem anzupacken, dabei hat ihr eine Tante geholfen. Die Kleingärtnerin nennt sie Tante Google: „Da findet man alles. Auf YouTube wird bis ins kleinste gezeigt, wie man Spinat oder Möhren sät.“ Die Unkrautwüste musste also verschwinden. Wobei; manches davon kann von Nutzen sein. Schachtelhalm wird – in einer Tonne mit Wasser aufgegossen und täglich umgerührt – „zu einer wunderbaren Jauche“. Eins zu zehn gemischt sei das der beste Dünger.

Wer durch das mittlerweile um 100 Quadratmeter gewachsene Paradies streicht, dem fällt die herrliche Unordnung auf. Abgezirkelte Beete – hier Gemüse, dort Blumen – sind kaum zu finden. Alles wächst kunterbunt und doch genau durchdacht. Der Kohlweißling mag zum Beispiel die gelb blühenden Tagetes nicht und lässt deshalb den Kohl in Ruhe. Der Meerrettich besitzt ein natürliches Antibiotikum, das den Pfirsichbaum vor der Kräuselkrankheit schützt.

Die Dahlienknollen wandern übrigens in die Pfanne. „Die werden geschält, geschnippelt und wie Bratkartoffeln zubereitet. Das hat einen leicht süßlichen Geschmack und erinnert an Topinambur“, erzählt die Bio-Gärtnerin. Schmeckt das der Familie? „Das jubele ich meinem Mann unter. Der isst, was auf den Teller kommt.“ Stimmt. Von allein wäre der wohl nicht auf die Idee gekommen, sich Dahlienpuffer oder Rosenbutter auf den Tisch zu wünschen. Apropos Rose: Die ist in Garten Nummer 7 nicht nur eine Augenweide, sondern verschwindet fein gehackt im Körperpeeling oder in Badeperlen.

Mit ihrem Wissen geht die Hobbygärtnerin gern hausieren. Vor zwei Jahren hat sie sich zur Gartenfachberaterin qualifiziert. Seither gibt sie Ratschläge übern Gartenzaun oder liefert mal einen Tipp, wie Garten-Neulinge schnell zu dem Drittel Fläche kommen, das in Gartenvereinen für Nutzpflanzen reserviert werden muss: „Kohl kann man weit auseinander pflanzen, Kartoffeln brauchen viel Platz. Und mit Kräutern, die so wunderschön blühen, kann man auch viel machen.“ Dann ist da noch das mit der Fruchtfolge. „Ein Jahr Kreuz-, ein Jahr Lippenblütler“, rät die Fachfrau, die zu DDR-Zeiten als Verkäuferin im Centrum-Warenhaus mehr von Meterware als von der Pflanzerei verstand. Auf Kohl folgen also Bohnen. Erdbeeren verjagen im Jahr darauf die Kartoffeln.

Hat so ein Naturtalent auch mal Niederlagen zu verkraften? „An Auberginen bin ich gescheitert. Und meine Pflaumen sind so gruselig, die kann ich keinem anbieten“, gesteht sie. Dazu kommt: Der Nachbar hat die besseren Tomaten. Von knallgelb bis violett-schwarz leuchten die.

Obwohl ihr Garten noch kräftig in Blüte steht, meint deren Besitzerin: „In diesem Jahr ging alles sehr schnell. Die Beete leeren sich schon.“ Angst vorm Winter? Aber nein! Nicht, wenn man ein Naturmensch ist. Mit einem Grog an der Feuertonne kann es auch gemütlich werden. Im Januar nimmt sie an der Zählung der Gartenvögel teil. Zu der Zeit müssen auch schon die Süßkartoffeln gezogen werden. Bleibt Zeit, wird getöpfert. Die Ergebnisse verstecken sich unter Büschen und hohen Stauden.

Der vor drei Jahren gefasste Plan ist aufgegangen: ein Hobby für das letzte Lebensdrittel zu finden. Manuela Schülke-Güldemeister wirkt mehr als zufrieden und ausgeglichen: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal so mit den Jahreszeiten leben darf.“

Kleiner Nachtrag: Wer denkt, dass die Naturfreundin Vegetarierin ist, täuscht sich. Beim Abschied schenkt sie dem Gast eine Zucchini: „Die schmeckt am besten in der Pfanne angebraten mit Hackfleisch.“

Rezepte

■ Rosenbutter: Eine Rosenblüte (wegen des besseren Dufts am besten mittags abgeschnitten)  ganz fein hacken. Die gehackte Blüte mit einigen Rosmarinnadeln zur Aromaverstärkung und je einer Prise Salz und Zitrone ordentlich durchkneten. Danach eine Stunde ziehen lassen. Die leicht süßliche Rosenbutter schmeckt auf frischem Brot oder auf Brötchen.

■ Körperpeeling: Blätter von Rosen und Ringelblumen mörsern und mit Meersalz sowie Mandelöl vermischen.

■ Seife mit Kaffeesatz: Ein Stücke Seife klein raspeln, im Wasserbad erwärmen, bis die Seife anfängt zu schmelzen, dann den Kaffeesatz von zwei Tassen hinzuzufügen, quirlen und in eine Silikonform gießen.⇥(rol)

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG