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Vor 50 Jahren
Musikgrößen gaben sich in Rathenow die Klinke in die Hand

Die ungarische Gruppe „Illés“ mit Sängerin Zsuzsa Koncz bei einem Jugendkonzert am 10. April 1973 im Rathenower Kreiskulturhaus.
Die ungarische Gruppe „Illés“ mit Sängerin Zsuzsa Koncz bei einem Jugendkonzert am 10. April 1973 im Rathenower Kreiskulturhaus. © Foto: Archiv Wodtke
Hans-Jürgen Wodtke / 29.07.2018, 08:45 Uhr
Rathenow In den frühen 1970 Jahren begann im Rathenower Kulturzentrum eine weit über die Kreisgrenzen geschätzte Konzertreihe für die Jugend der Region. Die als Jugendkonzerte bezeichnete Reihe führte über Jahre zu einem zumeist ausverkauften Haus. Hier traten damals nahezu alle namhaften ostdeutschen Größen aus der Beat-, Rock und Jazz-Szene sowie einige Rockmusiker aus Polen und Ungarn auf. Die Idee dazu hatten einst die Rathenower Michael Hübner, Peter Giese und Werner Knake. Organisatorisch und finanziell getragen wurde die Veranstaltungsreihe gemeinsam vom KKH (Kreiskulturhaus), heute Kulturzentrum und dem VEB ROW (Rathenower Optische Werke).

Ende der 1960er Jahre hatte im Ostberliner Politbüro ein Umdenken in Sachen Jugendpolitik stattgefunden. Zähneknirschend hatten nun auch die politischen Hardliner und kategorischen Widersacher der Beatmusik und -kultur erkennen müssen, dass Verbote in diesem Bereich nichts bringen. Die Jugend der DDR ließ sich nicht mehr ernsthaft von ihrer Beat- und Rockmusik westlicher Prägung abbringen. Also entschlossen sich die zu jener Zeit für Jugendpolitik im Politbüro Verantwortlichen, diesem Trend etwas Eigenes, Besseres entgegen zu setzen. „Wenn schon Beatmusik“, so hieß es, „dann aber unter politischer Kontrolle und möglichst umfassender ideologischer Einflussnahme“. Dennoch wollte man, so hieß es weiter, „im konzentrierten Zusammenwirken aller Beteiligten zu neuen, jugendgemäßen und massenwirksamen Formen von Tanzmusik kommen.“

In Rahmen dieser politischen Kampagne erhielten ausgewählte DDR-Beat- und Rockbands nicht nur den Berufsmusikerstatus verliehen, sondern durften beim DDR-Musiklabel „Amiga“ und beim DDR-Rundfunk eigene Musikstücke einspielen. Beispielhaft sei an die „Puhdys“ und „Türen öffnen sich zur Stadt“ oder die „Klaus Renft Combo“ und „Wer die Rose ehrt“ erinnert. In der Folge entstanden zahlreiche musikalisch zeitgemäße Songs, die bei der DDR-Jugend auch recht bald auf das erhoffte Interesse fielen und damit den eingeschlagenen neuen Weg in der Jugendtanzpolitik fundamentierten.

Über den Zentralrat der FDJ wurden fortan die FDJ-Leitungen in den Betrieben angehalten, in ihrem Einflussbereich mit Unterstützung der Betriebsleitungen für mehr und vor allem niveauvollere jugendgemäße Freizeitveranstaltungen wie Konzerte und Jugendtanz zu sorgen. In meinem Beitrag „Parteipolitik contra Jugendtanz“ habe ich bereits über die Jugendtanzentwicklung in Premnitz berichtet, die genau auf Basis dieser Empfehlungen äußerst erfolgreich umgesetzt wurde.

Wenn auch zu jener Zeit für Außenstehende die ständigen Veränderungen in der Jugend- und Kulturpolitik in der Gesamtheit wohl kaum zu erkennen gewesen sein können, gab es zum Glück immer jemanden, der mehr, der anderes wollte und damit die Sache weiter vorantrieb und dabei auslotete, wie weit Partei und Staatsmacht bereit waren sich zu bewegen.

In Rathenow entstand um 1970 die Idee, die nun offiziell tolerierten, ja zum Teil sogar geförderten, DDR-Beat- und Rockmusiker im städtischen KKH auftreten zu lassen. Dieses Wagnis wollten drei junge Angestellte aus dem VEB ROW mit Elan angehen. Zu ihnen gehörte neben den beiden Amateurtanzmusikern Peter Giese und Werner Knake noch Michael Hübner, zuständig für den Betriebsfunk im größten optischen Betrieb in der Stadt. Doch den Dreien war von Anfang an klar, dass sich die Konzertidee nur mit potenter Unterstützung in die Tat umsetzen ließ. „Am naheliegendsten war es da, den eigenen Betrieb mit seinem stets gut gefüllten KuS-Fond (Kultur- und Sozialfonds) zu gewinnen“, erinnert sich Werner Knake, „und bei der Abteilung Kultur fanden wir für unser Anliegen erfreulicherweise recht schnell das nötige Gehör“.

Nachdem die Enthusiasten in einem Konzept ihre Idee zu Papier gebracht und als Ansprechpartner die betriebliche AG (Arbeitsgemeinschaft) Jugendkonzert gegründet hatten, gab es „grünes“ Licht von der Betriebsleitung. In einer Vereinbarung zwischen der AG, KKH und VEB ROW wurde festgelegt, dass der Optikbetrieb für die ökonomische und juristische Seite des Vorhabens verantwortlich war. Die organisatorischen Aufgaben übernahm die AG Jugendkonzert, während das Kulturhaus die Räumlichkeiten und Technik des Hauses für einen Festbetrag zur Verfügung stellte. „Wenn es auch nie um eine Wirtschaftlichkeit der Konzertreihe ging, so waren wir Mitglieder der AG doch stets bemüht, die finanziellen Zuwendungen so klein wie möglich zu halten. Jedoch war das bei einem Eintrittspreis von 5 DDR-Mark und maximal 800 verkauften Karten nicht immer möglich, denn auch zu jener Zeit kosteten gute Musiker schon richtig Geld“, so Werner Knake in seinen Erinnerungen. „Wann genau das erste Jugendkonzert im Kulturhaus in Regie unser AG lief, vermag ich heute nicht mehr genau zu sagen. Zu den ersten Bands, die damals auftraten, gehörten die seit November 1969 existierenden Puhdys. Sie erhielten für ihren Auftritt im Kulturhaus eine Gage von 1.500 DDR-Mark. So billig waren die Fünf später nie wieder zu bekommen. Wesentlich tiefer mussten wir etwas später beim Auftritt der niederländischen Dutch Swing College Band in die Tasche greifen. Dafür war das Konzert auch eine Riesensensation für Rathenow.“Einigen dürfte noch das Konzert der Gruppe SOK in Erinnerung sein. Diese zählte einst zu den wichtigsten Jazz-Rock-Formationen der DDR. Passend zu diesem Musikgenre gehörten noch zwei Auftritte von Manfred Krug mit und ohne Uschi Brünig und ein Konzert der „Klaus Lenz Band“. Ich selbst kann mich noch an die Konzerte mit „Karat“, „City“, „Silly“, „Czerwone Gitary“ (Rote Gitarren) aus Polen und die ungarische Formation „Illés“ mit der beeindruckenden  Zsuzsa Koncz recht gut erinnern. Doch auch Nina Hagen und die „Gruppe Automobil“, die Formationen „Stern Combo Meißen“, „Scirocco“, die Disco- und Popband „Kreis“ mit dem Ex-Rathenower Helmut Sickel, die Rockband Panta Rhei und zahlreiche andere ostdeutsche Bands gaben sich im Rathenower Kulturhaus gern die Klinke in die Hand. Auch die einheimischen „Gravens“ haben seinerzeit ein viel beachtetes Konzert gegeben. Des Weiteren gab es eine Bühnenshow mit Tänzern, Musikern und einem Chor aus der Region. Das wohl spektakulärste und im Nachgang folgenreichste Konzert war der Auftritt der „Klaus Renft Combo“ mit dem systemkritischen Liedermacher Gerulf Pannach am 6. Februar 1973. Wie wir heute wissen, standen Band und Liedermacher quasi ständig unter Kontrolle der Staatssicherheit. So ranken sich noch heute besonders um den Rathenower Auftritt dahingehend zahlreiche Geschichten. Fakt ist, dass das Renft-Konzert in der Optikstadt zu den letzten der Band gehörte, bevor sie 1975 endgültig verboten wurde.

„Wir waren zu der Zeit ein recht beliebter Konzertspielort, mit einer guten Spielstätte sowie dazugehörigem, vielfältigem technischen Equipment, einem tollen Publikum und für die damalige Zeit stets außergewöhnlicher Bühnengestaltung“, so Konzertmitorganisator Knake, „kreativer Kopf für die viel beachteten, wechselnden Bühnenbilder war der in der Grafikabteilung der ROW tätige Peter Schönbach. Peter hatte nicht nur tolle Ideen, sondern wusste auch, wie man sie umsetzt und vor allem, woher man das benötigte Material dafür bekam“.

Hinter der Bühne ging es zumeist zünftig her. Und nach den Konzerten trafen sich Musiker und Organisatoren gern zu einem feuchtfröhlichen, aber auch konstruktiven Gedankenaustausch. Viele, die mit der Organisation und Betreuung der Jugendkonzerte zu tun hatten, waren selbst Amateurmusiker, hatten beruflich mit Musik zu tun, oder waren Anhänger der aktuellen Pop- und Rockmusik. Bei so vielen Gemeinsamkeiten ging der Gesprächsstoff nie aus. „Doch fast noch wichtiger waren der Aufbau und die Pflege von Kontakten in die Profimusikszene“, so Amateurmusiker Knake, „denn auf diesem Wege bekamen wir Zugang zu begehrter hochwertiger Tontechnik und guten Musikinstrumenten. Denn in den frühen 1970er Jahren mangelte es an diesen, für Rockmusiker wichtigen Komponenten überall. Die Profibands hatten da schon andere Zugänge und wurden auch von speziellen staatlichen Stellen mit Technik aus dem Westen ausgestattet, die sie zu günstigen Konditionen in DDR-Währung kaufen konnten. Diese Möglichkeit hatten wir Amateurbands im Prinzip nicht und waren erfreut, wenn uns die `Großen´ etwas abgeben konnten.“

Die von der ROW-AG Jugendkonzert organisierte Konzertreihe lief über mehrere Jahre sehr erfolgreich und hatte eine große Fangemeinde, weit über die Kreisgrenzen hinaus. Doch die Querelen um das Renft-Konzert wirkten sich längerfristig auch hier negativ aus. Als sich der VEB ROW schließlich aus der Konzertreihe zurückzog, übernahm das Kulturhaus in Eigenregie. Damit war das Ende der Jugendkonzerte in Rathenow erst noch nicht besiegelt, aber die große Glanzzeit war damit zwangsläufig vorbei.

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