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Küken
Niedlich, flauschig, tot

Kurzes Leben: Männliche Küken legen später keine Eier und sind zur Hochleistungsmast ungeeignet. Sie werden meist kurz nach der Geburt getötet.
Kurzes Leben: Männliche Küken legen später keine Eier und sind zur Hochleistungsmast ungeeignet. Sie werden meist kurz nach der Geburt getötet. © Foto: dpa/Bernd Wüstneck
Michael Gabel / 04.08.2018, 11:00 Uhr
Berlin (MOZ) Was tun mit männlichen Küken? Bisher werden sie in der Regel getötet. Doch Forscher suchen nach Alternativen. Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, in der Landwirtschaft ökonomisches Denken und Tierschutz in Einklang zu bringen.

Niedlich sehen sie aus, mit ihrem flauschigen Gefieder. Doch weil männliche Küken nicht für die Mast taugen – und natürlich auch keine Eier legen können –, werden sie in den Hühnerfarmen meist bereits am ersten Tag ihres Lebens aussortiert und getötet. Vergast, genauer gesagt – insgesamt gehen allein in Deutschland jährlich rund 45 Millionen Küken diesen Weg. Zwar arbeiten Wissenschaftler an Testgeräten, die es ermöglichen sollen, dass das Geschlecht eines Embryos schon im Ei bestimmt werden kann. Dann bräuchten „nur“ die befruchteten Eier vernichtet zu werden. Doch es ist ungewiss, wann die Geräte in Serie gehen.

Auch wenn nach Angaben des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft die männlichen Küken der Legerassen nicht mehr geschreddert werden – das Kükentöten wird von vielen als besonders widerwärtig empfunden. Aber es gibt viele andere Beispiele, die zeigen, dass für Landwirte, Nahrungsmittelindustrie und Verbraucher Tierschutz und artgerechte Haltung offenbar nebensächlich sind. In erster Linie geht es darum, Lebensmittel in großen Mengen herzustellen. Denn Fleisch, Eier und Milchprodukte müssen im Supermarkt und beim Discounter vor allem eins sein: billig. Und so leben in der konventionellen Landwirtschaft viele Schweine ohne Tageslicht und liegen in ihrem eigenen Kot. Milchkühe bestehen oft nur noch aus Euter und Milchdrüsen. Hühnern werden die Schnäbel gekürzt, damit sie sich besser auf engstem Raum zusammendrängen lassen. Ein artgerechtes Leben, bevor die Kreatur der Schlachtertod ereilt? Egal. Wer sich ein Gewissen leisten will – und wer es sich leisten kann –, soll doch bitteschön zur Bioware greifen.

„Aus rein wirtschaftlichen Gründen pfuschen wir der Natur ins Handwerk“, sagt Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, dieser Zeitung. Der 65-Jährige, der im westfälischen Bergkamen in einer Landwirtsfamilie aufwuchs und später den Bauernhof übernahm, erinnert an Zeiten, „in denen es nicht selbstverständlich war, dass es täglich Fleisch gab“. Jetzt seien die Preise zum Teil unfassbar niedrig, was nur durch die industriellen Haltungsbedingungen möglich sei. „Davon müssen wir wieder weg. Ich habe nichts dagegen, Fleisch zu essen. Aber es muss nicht jeden Tag sein“, sagt er. Immerhin sieht er den positiven Trend, dass viele Supermärkte und Discounter zusätzlich zur Billigware auch Fleisch aus besserer Haltung anbieten. „Die Nachfrage scheint da zu sein, sonst hätten die Ketten die Angebote längst wieder aus dem Sortiment genommen.“

Beim Bundeslandwirtschaftsministerium setzt man auf das Verhalten der Konsumenten. Man wisse, „dass die Menschen grundsätzlich bereit sind, für mehr Tierwohl auch etwas mehr zu bezahlen“, sagt eine Ministeriumssprecherin dieser Zeitung.

Laut Agrarministerium sind knapp fünf Millionen Euro in die Erforschung von Testmethoden zur Geschlechtsbestimmung geflossen. Mit einer ersten kommerziellen Anwendung wird dort schon „im Laufe dieses Jahres“ gerechnet.

Bei der Geflügelwirtschaft heißt es, ein „gesellschaftliches Umdenken“ habe bereits vor Jahren dazu geführt, dass auch die Geflügelbranche Forschungen nach Alternativen zum Kükentöten unterstützt habe. Eine Sprecherin vermutet aber, dass es bis zur Praxistauglichkeit der erforderlichen Maschinen „noch eine gewisse Zeit dauern“ werde. Schon jetzt fordert sie staatliche Zuschüsse für die dann fälligen Investitionen. „Damit die kleineren Brütereien nicht auf der Strecke bleiben.“ Das Agrarministerium weist dagegen auf die großen Einsparpotenziale durch die künftigen Tests hin. Die Zusatzkosten für die Geräte könnten „wirtschaftsseitig getragen werden“, heißt es.

Bereits jetzt gibt es für Verbraucher die Möglichkeit, mit dem eigenen Kaufverhalten die Zahl getöteter Küken zumindest nicht zu erhöhen. „Brüderchen + Schwesterchen“ heißt beispielsweise ein Angebot der Firma Landkost-Ei aus Bestensee (Dahme-Spreewald). Bei ihm bleiben männliche und weibliche Küken am Leben, wobei die Junghähne durch höhere Verkaufspreise für Eier und Hühnerfleisch quersubventioniert werden. Wie bei dem ganz ähnlichen Programm „Spitz und Bube“ von Rewe garantieren die Erzeuger zudem, dass den Tieren der Schnabel nicht gekürzt wird.

HintergrundPläne der Koalition

■ Der Tierschutz in der Landwirtschaft ist auch Thema im Koalitionsvertrag. Mit einem staatlichen Tierwohllabel sollten Lebensmittel bedacht werden, wenn die Landwirte bei der Tierhaltung „über die gesetzlichen Vorgaben der Haltung hinausgehen“, heißt es da. Unklar ist aber, wie weit die Auflagen beim Tierwohllabel reichen sollen. Wie viel mehr Platz sollen die Tiere im Stall bekommen? Stehen in der Schweinehaltung Spaltenböden dem Tierwohl-Prinzip entgegen? Tierschützer, Bauernverband und Bundeslandwirtschaftsministerium suchen in diesen Fragen noch nach Lösungen.

■ Auch das Ende des Tötens von Eintagsküken haben Union und SPD beschlossen. „Bis zur Mitte der Legislaturperiode“ – also Anfang 2020 – solle die Praxis beendet werden. „Hierzu wollen wir die Beratung und Forschung verstärken“, heißt es im Koalitionsvertrag. ⇥(mg)

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