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Früherer Börnicker Lehrer Ulrich Ewert gibt für interessierte Erwachsene Nachhilfeunterricht

Historie
Gebotene Strenge mit Sütterlin

Schreiben lernen: Sütterlin ist fast ausgestorben. Roland und Gabriele Frischbier sowie Marlies Waschkau (v.l.) haben gut aufgepasst. Sie wollen Feldpostbriefe und Postkarten lesen.
Schreiben lernen: Sütterlin ist fast ausgestorben. Roland und Gabriele Frischbier sowie Marlies Waschkau (v.l.) haben gut aufgepasst. Sie wollen Feldpostbriefe und Postkarten lesen. © Foto: Micha Winkler
Andrea Linne / 12.08.2018, 22:30 Uhr
Börnicke (MOZ) Der eine oder andere kleine Fehler unterläuft selbst Ulrich Ewert. Der 93-Jährige, der bis 1990 noch als Lehrer gearbeitet hat und nun im Schulmuseum Börnicke Nachhilfe in der Sütterlin-Schrift erteilt, lacht darüber. Streng geht er mit sich und auch den 23 Schülern ins Gericht, die sich am Samstagmorgen in die alten Schulbänke gequetscht haben.

Wie Gabriele und Roland Frischbier aus Ahrensfelde. Deren Motivation liegt im Nachlass begründet, den der Vater der 66-Jährigen hinterließ. Dessen Vater hatte am 29. September 1944 aus Litauen einen Brief per Feldpost an seinen anderen Sohn geschrieben. Der erhielt diesen Brief nicht mehr, weil er in Frankreich elf Tage zuvor gefallen war. „Wir möchten den Brief lesen können“, sagt die Ahrensfelderin. Feine kleine Haken sitzen eng aneinander, säuberlich aufbewahrt in Folie harrt das Schriftstück der Übersetzung.

Auch Marlies Waschkau aus Zepernick hat einen Stapel Postkarten mitgebracht. „Ich möchte wissen, was darauf zu lesen ist“, sagt sie und übt fleißig die spitzen Haken und Striche. Der gestrenge Herr Lehrer indes lobt seine Schüler. Sie machen fleißig mit und stellen kluge Fragen.

„Eigentlich sollte das der letzte Sütterlin-Kurs sein, den ich gebe“, erklärt Ulrich Ewert. „Aber dass so großes Interesse besteht, damit konnten wir nicht rechnen.“ Nun überlegt der Senior doch, ob er nach dem 25. August, wenn der Samstag-Kurs in die Fortsetzung geht, noch weiter Sütterlin unterrichtet. Es gibt zu jedem Buchstaben eine Geschichte, manchmal einen Witz. Erinnerungen aus dem Schulalltag in Börnicke werden wach, von einem Kater ist die Rede, der lesen lernte. Wogen und Tüffel springen über die Spitzen. Auch Hausaufgaben müssen sein, befindet der 93-Jährige. Schließlich sei das Üben kein Spaß, sondern harte Arbeit.

Sütterlin, erzählt der Börnicker Lehrer, der ganze Generationen von Schülern beim Aufwachsen begleitete, wurde 1911 im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums von Ludwig Sütterlin entwickelt. Mit einem Hitler-Erlass 1941 wurde die sogenannte deutsche Normalschrift eingeführt. Hitler bezeichnete Sütterlin als „Judenletternschrift“, erzählt Ewert. Er selbst habe noch nach einer alten Fibel, rot in Leinen gebunden, Sütterlin erlernt. Gern gebe er noch heute sein Wissen weiter. Geduldig schreibt er die Vokale und Konsonanten in die drei Hilfslinien an der Tafel, wischt mit dem feuchten Schwamm darüber. Olaf Grüner hilft ihm, holt Schreibblätter und betreut die Schüler. Spaß haben alle - und am Ende gibt es Applaus für den ganz besonderen Lehrer. (li)

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