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Organspende
„Es bleibt eine freie Entscheidung“

Transportbox für eine Niere, aufgenommen in einem Klinikum in Bremen. In Frankfurt gab es in diesem Jahr vier Organspenden.
Transportbox für eine Niere, aufgenommen in einem Klinikum in Bremen. In Frankfurt gab es in diesem Jahr vier Organspenden. © Foto: Werner Krueper
Thomas Gutke / 14.09.2018, 21:03 Uhr - Aktualisiert 15.09.2018, 13:19
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Zahl der Organspender in Deutschland ist seit Jahren rückläufig, auch in der Region. Der Transplantationsbeauftragte am Frankfurter Klinikum, Dr. Matthias Jäger, begrüßt daher den Vorstoß von Gesundheitsminister Jens Spahn für einen Systemwechsel. Doch wie funktioniert dort eigentlich eine Organspende?

Nicht einen Organspender gab es 2017 am Rhön-Klinikum in Frankfurt – in diesem Jahr schon vier. „Fragen Sie mich nicht, warum. Vielleicht, weil öffentlich wieder mehr über das Thema gesprochen wird“, sagt Dr. Matthias Jäger, Oberarzt auf der Intensivstation. Er ist seit vielen Jahren Transplantationsbeauftragter und ständig darum bemüht, Patienten und Angehörige über das Thema zu informieren. Den Kliniken den schwarzen Peter in der Diskussion um sinkende Spenderzahlen zuzuschieben, finde er unfair, sagt er. Denn an mangelnder Aufklärung liege es nicht. „So, wie wir es jetzt praktizieren, ist es einfach kompliziert“, sagt er – in seiner 20-jährigen Berufszeit sei es ihm noch nicht einmal passiert, dass ein Patient einen Organspenderausweis mit sich führte.

Tatsächlich sind es in der Regel die Angehörigen, die über die Organspende entscheiden (müssen). Wie hätte der Lebenspartner, die Mutter oder der Vater zu Lebzeiten entschieden? So sieht es die erweiterte Zustimmungslösung vor, die in Deutschland seit 2012 Gesetz ist. Und die Gesundheitsminister Jens Spahn nun zugunsten einer Widerspruchslösung kippen möchte.

Eine Organspende setzt immer einen irreversiblen Gehirnfunktionsausfall voraus, umgangssprachlich Hirntod genannt. Nur wenige Krankheitsbilder führen überhaupt dazu, wie etwa ein geplatztes Blutgefäß im Gehirn. Läuft es auf die Diagnose hinaus, erkundigen sich Matthias Jäger oder seine Kollegen, nach dem mutmaßlichen Patientenwillen. „Wir konfrontieren sie mit der Dramatik der Situation, dass der Betroffene sterben wird, und kurz darauf mit der Frage, ob die Einwilligung zur Organspende besteht. Das ist eine absolute Extremsituation für alle Beteiligten. Aber unsere gesetzliche Aufgabe“, erklärt der Oberarzt. Er stellt klar: „Wir überreden niemanden, drängen keinen in die Ecke. Das wäre unethisch. Stattdessen stellen wir das Krankheitsbild dar, und erklären die Bedeutung eines irreversiblen Gehirnfunktionsausfalls.“ Wenn die Angehörigen erklären, dass sie dazu nichts sagen könnten, „dann gilt das als abgelehnt“.

Willigen die Angehörigen in die Organspende ein, beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Eine Kommission aus Medizinern stellt den Hirntod fest. Der Patient gilt nunmehr als juristisch verstorben, wird aber weiter behandelt, um die Organsysteme im funktionsfähigen Zustand zu halten.  Parallel dazu wird die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) über den Organspender informiert. Diese schickt einen Koordinator, der alle nötigen Schritte in die Wege leitet: von der Gewebetypisierung über die Klärung der Frage, welche Organe überhaupt in Frage kommen bis hin zur Abstimmung mit potenziellen Empfängern. „Das ist ein sehr komplexer Prozess, er dauert in der Regel zwischen 12 und 48 Stunden. Dann erfolgt die Koordinierung auf den Zeitpunkt X, zu dem die Entnahmeteams zeitnah eintreffen.“ Nach der Entnahme machen sich die Teams mit den Organen schnellstmöglich mit dem Auto und Flieger auf den Weg zu einem der Transplantationszentren – europaweit. In Brandenburg selbst gibt es keine Transplantationsmedizin.

Zugleich werden die Empfänger einbestellt. „Plötzlich klingelt das Telefon. Sie werden aus dem Nichts heraus aktiviert und müssen sich binnen weniger Stunden einfinden“, so Matthias Jäger. Von Lunge, Bauchspeicheldrüse, Herz oder Niere könnten bis zu fünf schwerkranke Patienten profitieren. Die Zuteilung erfolgt über die DSO und die Transplantationszentren. „Wir als Klinikum haben damit gar nichts zu tun, sondern kümmern uns vor allem um die Angehörigen.“

Diese bekommen, wenn sie wollen, eine anonymisierte Rückmeldung. Viele Familien gebe dies Trost in der Verarbeitung des furchtbaren persönlichen Verlustes, so Matthias Jäger. Eine direkte Kommunikation zwischen Angehörigen und Organempfängern dürfe jedoch nicht entstehen. „Das wird strikt getrennt. Um zu verhindern, dass Forderungen entstehen.“

Mit einer Widerspruchslösung, wie sie bald im Bundestag zur Abstimmung stehen könnte, hätte es auch am Klinikum mehr lebensrettende Organspenden gegeben, glaubt Matthias Jäger. Jeder, der nicht aktiv widerspricht, würde damit grundsätzlich seine Bereitschaft dazu erklären, sich dafür zur Verfügung  zu stellen. „Wir betreten hier auch nicht Neuland, zu DDR-Zeiten gab es das schon. Und in vielen anderen europäischen Ländern wie Österreich oder Spanien ist es praktiziertes Recht.“ Aus seiner Sicht handele es sich um eine ethisch saubere Lösung. „Ich sehe immer noch eine freie Entscheidung des Bürgers. Jeder hat das Recht zu sagen: ich möchte das nicht.“

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