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Gedichte als bildende Kunst: Herta Müller zeigt ihre Collagen in Neuhardenberg und kommt zur Lesung

Herta Müller
Schmeichelstoff auf Kofferfahrt

Uwe Stiehler / 14.09.2018, 23:04 Uhr
Neuhardenberg (MOZ) Allein was Herta Müller in diesem einen Absatz für Wortkunstwerke aneinanderfädelt, in dem sie über Siebenbürger Sachsen schreibt, die zusammengeknäult in einem Rumpelzug nach Russland deportiert werden.

Aus Arroganz und Dummheit verheizen sie eine Trockenfleischziege, statt dieses „Schreckensgeknöch“ zu essen. Sie singen den „Viehwaggonblues“, der sie als „Kilometerlied“ auf der Fahrt in den Tod begleitet. Diese Episode kann man in ihrem Roman „Die Atemschaukel“ nachlesen, den man immer wieder zu Hand nehmen möchte, um den Klang der von Herta Müller erfundenen Ausdrücke auf den Sprachknospen der Zunge nachzuschmecken. Das sind zum Beispiel: die Bitterkeit des „Hungerengels“, die Mühsal der „Herzschaufel“, der bleierne Geschmack des „Appellkrautes“ und der fraulichen Pfirsichduft umhüllende „Glockenschnittmantel“.

Kurz nachdem dieser Roman erschienen war, wurde Herta Müller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, der beidem galt: ihrem kritischen, engagierten, politischen Geist und ihrer Sprachkunst. Seitdem hat Herta Müller keinen Roman mehr, aber zahlreiche Essays und etliche Gedichte veröffentlicht. Wobei sie selbst nicht von Gedichten spricht. Sie nennt es Collagen und sagt, sie wisse nicht was sie seien, Literatur, bildende Kunst, irgendwas dazwischen?

Eine große Auswahl dieser Collagen zeigt sie ab Sonntag auf Schloss Neuhardenberg. „Zeit ist ein spitzer Kreis“ ist die Ausstellung überschrieben, in der man sich leicht im Meer der Worte verlieren, sich leicht festlesen und darüber die Zeit vergessen kann.

Seit 30 Jahren schneidet Herta Müller aus Zeitschriften, Katalogen und Werbeprospekten Worte aus, die sie auf kleine Pappen fixiert, die sie dann zu Gedichten zusammenbaut, um diese Lyrik aufzukleben. Sodass die Worte wie winzige Plaketten ein bisschen in der Luft zu schweben scheinen. Sie nennt diese Sprachpuzzlearbeit Dichten mit der Schere. Dabei achtet sie streng auf die Form und die Typografie. Sie fügt Bilder ein. Schiebt den Text bei dem einen Gedicht in kurzatmiger Gedrängtheit zusammen und lässt ihm bei einem anderen viel Luft zum Atmen und Pausieren.

Sie könnte es natürlich wie alle Dichter machen, und die Verse einfach aufschreiben. „Warum sollte ich?“, fragt sie zurück, wo sie doch auf diesem Schatz von Hunderttausenden ausgeschnittenen Worten sitze, sortiert und in Schubkästen verstaut. Dieser Wortvorrat wird sich sobald nicht erschöpfen, weil sie ihre Wortjagd nicht einstellen kann und bestimmte Begriffe auf Vorrat sammelt, auch wenn sie sie schon 100 Mal hat, so wie Dorf, Stadt, Bahnhof, Koffer.

Als collagierte „Kofferfahrt“ taucht das Gepäckstück auf einer der Karten wieder auf: „...die Kofferfahrt in die Obhut einer/ grenzdebilen Gegenwart hierfür zahlten wir jedoch/ eine Menge Schmeichelstoff dem Marineoffizier“.

Schmeichelstoff, was für ein hübsches Wörtchen. Könnte aus einem der Modemagazine stammen, aus denen sich Herta Müller zu gern bedient. Sie sagt, die Modesprache sei eine besonders kreative, erfindungsfreudige. Und sie lieferte Herta Müller auch das Rohmaterial für folgendes Gedicht: „dass Gefühle Röcke/ aus Glas mit Rüschen/ aus Eisen tragen/ rührt beides nicht/ an Grundsatzfragen.“ Diese ist eine der besonders luftig geklebten und mit dem Bildchen einer „greiffähigen Hand“ verzierten Collagen.

Auch wenn sich die Collagen in Textmenge und Wortgröße unterscheiden, ist ihr Format immer das gleiche. Herta Müller dichtet ausschließlich in Postkartengröße. Und das kam so: Als sie vor 31 Jahren aus politischen Gründen von Rumänien nach Deutschland emigrierte und als Exilantin Grüße hier- und dorthin schicken wollte, habe sie keine passenden Postkarten gefunden. Also habe sie damit angefangen, selbst welche zu gestalten.

Daraus wurde Literatur, die sich damit auseinandersetzt, wie wir auf die Zartheit und Grobheit der Welt reagieren. Macht das was mit uns, wenn wir in Herta Müllers Collagen lesen: „Schon im Frühsommer/ hüpfte den Birnen der/ Zucker im Hals...“, und wenn wir bei ihr auf poetische Perlen stoßen wie „Silberzimmer“, „Lockwort“, „Zirkusschnur“ und „Glasleib“?

Rhetorischen Feinsinn und ein Deutschsein, dass sich nicht satt trinken kann an der Poesie, der Schönheit und dem Witz unserer Sprache, setzt sie einfältigen Parolen, der Sprachverdummung und verbalen Entgleisungen im Gauland’schen Stil entgegen. Dass sie von ihm und seiner AfD nichts und sein Vokabular für „schäbig“ hält, sagte sie unverblümt, als sie ihre Ausstellung der Presse vorstellte.

So deutlich, wie sie in ihren Essays über die Korruption in Rumänien und das legalisierte Weiterleben der Securitate in einem zur EU gehörenden Land schrieb, so deutlich äußerte sie in Neuhardenberg ihre Kritik an den neuen Populisten und Autokraten. Früher, sagte sie, habe sie das Wort gemieden, „aber inzwischen schneide ich jeden Diktator aus“.

In der Ausstellung hat sie eine Wand der chinesischen, acht Jahre unter Hausarrest stehenden Künstlerin Liu Xia gewidmet, der Frau des in China lange inhaftierten Schriftstellers und Regimekritikers Liu  Xiaobo. Er ist im vergangenen Jahr gestorben, seine schwer kranke  Frau durfte dieses Jahr endlich zur Behandlung nach Deutschland ausreisen. Für Herta Müller ist das Schicksal dieser beiden kein Einzelfall, sondern systemimmanent. Alle, die mit China Geschäfte machen, erinnert sie daran, dass dieses Land eine Diktatur ist. Und dessen Diktatoren könnten mit ihrem Geld „inzwischen die ganze Welt kaufen“, sagt sie. Eine Anklage, in der mitklingt, dass sich der Westen inzwischen von jenen Leuten kaufen lässt, die der Autorin Angst machen.

Weil er diese sonderbare Nachsichtigkeit gegenüber den Menschenrechtsverletzungen in China entwickelt hat, sieht sich Herta Müller an der Liu-Xia-Wand zur Deutlichkeit herausgefordert: „Die Geschichte vom/ seidenen Faden in 4/ Worten: der Präsident/ lässt morden.“

Ausstellungseröffnung mit einer Lesung von Herta Müller am Sonntag, 15 Uhr, dann bis 2.12., Di–So 10–18 Uhr, Schloss Neuhardenberg

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