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Einig-Uneins
Marmor, Stein und Eisen bricht

Silvia Passow / 16.09.2018, 06:00 Uhr
Groß Behnitz von Silvia Passow

Es ist ein idyllischer Ort. Romantische Dichter könnten auf der Wiese sitzend, im Schatten der Bäume, dem Gesang der Vögel und dem Brummen der Bienen lauschend, die schönsten Gedichte schreiben. Ein Ort, der Geschichte atmet, der Geruch der Vergangenheit, alter Stein und morsches Holz, mischt sich mit dem Duft der satten Gräser.

Die Kirche von Groß Behnitz wurde von der Familie Borsig seinerzeit in Auftrag gegeben. Repräsentativer Sakralbau aber keineswegs klotzig. Ein Kleinod, stilvoll aber nicht aufdringlich. Etwas abseits steht das Mausoleum der Familie Borsig. Von den Restaurierungsarbeiten, welche hier vor einigen Jahren stattfanden, ist nicht mehr viel zu sehen, seit ein Baum auf das monomentale Grabmal fiel und es beinahe zerstörte. Dicke Holzbalken geben seitdem den nachgiebigen Wänden halt. Ein Versuch, den drohenden Verfall aufzuhalten.

Etwas 125 Mitglieder zählt die Kirchengemeinde von Groß Behnitz, nur wenige sind dauerhaft aktiv. Die Gottesdienste locken mal 15, mal 20 Gemeindemitglieder zum gemeinsamen Gebet in die Kirche. Nachwuchssorgen bestehen. Immer weniger ausgebildete Priester sind da, um ihre Gemeinden zusammenzuhalten, von der Kanzel zu predigen, Seelsorge auch unter der Woche leisten zu können,  schlichten oder vermitteln zu können; die als Vertrauensperson für alle Dorfbewohner, ob nun Kirchensteuern Zahlende oder nicht, als Instanz angesehen werden. Pfarrer müssen sich aufteilen zwischen den Gemeinden. Die „Schäfchen“ sind für den Hirten weit verstreut. Zurzeit betreut Pfarrer Jurk aus Paulinenaue die Gemeinde mit. Dessen Arbeit wird von allen Beteiligten gewürdigt und doch wünschen sich die Mitglieder von Gemeindekirchenrat und Förderverein einen „eigenen“ Pfarrer.

Der Gemeindekirchenrat aus Groß Behnitz besteht aus vier Mitgliedern. Karola Labitzke hat den Vorsitz. Der Gemeindekirchenrat ist mit beinahe sämtlichen Angelegenheiten rund um die Groß Behnitzer Kirche betraut. Auch mit der Instandhaltung des geschichtsträchtigen Ensembles, Fördermittel beantragen, um eine Finanzierung zu ermöglichen. Ein Förderverein für die Kirche wurde 2016 gegründet. Zwölf Mitgliedern hat dieser heute. Vorstand ist Angela Raband. Raband ist auch Mitglied im Gemeindekirchenrat. Der Verein hat sich mit anderen Fördervereinen vernetzt, führte bereits diverse Veranstaltungen durch, natürlich auch, um Unterstützer zu gewinnen und Spenden zu sammeln. Mit weiteren Veranstaltungen soll die Aufmerksamkeit auf die Kirche gelenkt werden. Fördermittel wurden beantragt. Die ersten Fördermittel für Bauarbeiten und Instandhaltung wurden bereits zugesichert, so Labitzke, eine Ausschreibung soll nun erfolgen. Läuft, könnte man meinen. Läuft eben nicht so ganz, oder?

Einigkeit darüber, dass man sich nicht einig ist, oder vielleicht auch nur ein bisschen?

Der Förderverein kann ohne die Zustimmung des Gemeindekirchenrats keine Entscheidungen treffen. „Die wollen die gesamte Kirche umbauen“, sagt Labitzke und meint damit die Mitglieder des Fördervereins. „Wenn es nach deren Vorstellungen ginge, müssten die Bänke raus, zumindest einige, eine Teeküche rein, ein WC und eine Abstellkammer. Damit die Kirche für Veranstaltungen besser nutzbar sei. Nur wir haben das alles, hier im Gemeindehaus.“ Tatsächlich im Gemeindehaus, nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt, gibt es eine Toilette. „Die müsste mal renoviert werden, aber da sind wir dran“, sagt Kerstin Dawid, auch Mitglied im Gemeindekirchenrat. „Wir wollen einen neuen Anstrich für die Kirche, die Fenster besser dichthalten, vielleicht eine Heizung. Die Bänke möchten wir erhalten, allerdings müsste mal geprüft werden, in wie weit der Holzwurm schon tätig war.“ Beide sind sich einig, Instandhaltung ja, Veränderung nein. „Der Architekt hat sich ja was dabei gedacht. Es ist ein schönes Haus und das soll es auch bleiben.“  Beide Frauen sagen, sie haben einen starken Bezug zu der Kirche. Labitzke wurde hier getauft, Dawid lebt seit 1952 in Groß Behnitz. Beide waren sie auch während der DDR- Zeit in der Kirche aktiv, erzählen sie. Sie weisen darauf hin, dass die Kirche bereits jetzt für Konzerte und Lesungen genutzt wird, viele Hochzeiten finden hier statt, nur die wenigsten der Paare stammen aus dem Dorf. „Ein Mehraufwand für uns“, sagt Labitzke. „Die Leute kommen zum Heiraten her, weil die Kirche so schön ist, so wie sie ist“, sagt Dawid. Der Förderverein will die Kirche nicht nur umbauen, er will sie auch für weitere Veranstaltungen und damit auch für „Nicht-Kirchenmitglieder“ öffnen, sagt sie. Ihre Zustimmung findet das nicht.

Und was sagen die Mitglieder des Fördervereins dazu? „Unsere Motivation ist die Situation in der Kirche zu verbessern“, sagt die Vorsitzende Raband. „Wir wollen renovieren, der Putz müsste erneuert werden, da ist Feuchtigkeit drin.“ Die Bänke würde sie gern erst einmal prüfen lassen, was den Holzwurmbefall angeht. „Wir hatten hier tatsächlich die Idee, einige der Bänke zu entfernen, haben aber von den Groß Behnitzern signalisiert bekommen, dass sie die Bänke erhalten möchten.“ Daran wollen sich die Vereinsmitglieder orientieren. Und die erweiterte Nutzung, wie könnte die aussehen?

Thomas Raband, Ehemann der Vorsitzenden, ist auch Mitglied im Förderverein und kein Mitglied der Amtskirche. „Ich bin getauft“, sagt er. Und weiter: „Die Kirche ist Zentrum des Dorfes und als Institution erhaltungswürdig, sie gehört zum dörflichen Leben dazu. Der Förderverein kann viel zu ihrer Erhaltung beitragen.“ Unter einer erweiterten Nutzung verstehen sie: Lesungen, Konzerte, Ausstellungen und Seminare. „Das Angebot muss natürlich zur Einrichtung Kirche passen. Hier soll keine Entweihung stattfinden“, sagt Ilse Gerlach, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit im Förderverein. „Wir sind angetreten um eine Gemeinschaft zu stiften, zu stärken, wieder hervorzubringen. Da sind dann auch dicke Bretter zu bohren. Das heißt auch, man muss sich nach Finanzierungsmöglichkeiten umschauen.“ Gerlach verweist auf die Zahlen der Kirchenaustritte. „Wir haben eine deutliche Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen. Wir brauchen eine langfristige Nutzung.“ Sie erklärt weiter, wer Fördermittel beantragt muss auch immer die Frage beantworten, wie viele Menschen eigentlich einen Nutzen aus der Förderung ziehen.

Auch Gerlach weist auf ihre lebenslange Verbundenheit zur Kirche hin. „Viele Mitglieder des Fördervereins wurden hier getauft oder konfirmiert“, sagt sie. „Wir haben unsere Arbeit erst so richtig im Lutherjahr aufgenommen. Reformation, dass steht für Erneuerung.“ „Kirche soll Kirche bleiben“, sagen Karola Labitzke und Kerstin Dawid vom Gemeindekirchenrat.

Beide, die Akteure im Gemeindekirchenrat und des Fördervereins sagen, sie hätten viele Dorfbewohner hinter sich. Beide hätten gern einen Pfarrer für die Gemeinde. Und alle Beteiligten sagen, sie würden gern mit dem anderen kooperativ zusammenarbeiten. Bleibt zu hoffen, dass die dicken Stützpfeiler am Mausoleum noch eine Weile halten.

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