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Plage
Waschbär-Alarm in Flatow

Jana Reimann-Grohs / 16.09.2018, 13:00 Uhr
Flatow (MOZ) Ganz putzig und harmlos sehen die Tierchen aus – ihren Lebensraum erobern sie sich aber rücksichtslos und hinterlassen Spuren von Zerstörung. Der allesfressende Waschbär hat hierzulande keine natürlichen Feinde und breitet sich fast ungehindert aus. Eine Lebendfalle und verstärkte Jagd auf Waschbären könnten das Problem in Flatow lösen.

Irina Möller lebt seit 18 Jahren in Flatow. Ihre Sorgen wegen der Waschbären teilt sie mit anderen Grundstücksbesitzern in der Umgebung. Sie besitzt ein eigenes Wohnhaus mit Wiese, Obstbäumen und Sträuchern – jede Menge Birnen, Äpfel, Walnüsse, Süßkirschen oder auch Beeren gibt es hier. Dahinter erstreckt sich ein 700 Meter entferntes wasserreiches Landschaftsschutzgebiet in Ortslage.

Seit Jahren schauen bei der 77-Jährigen ganze Waschbär-Familien mit zehn bis zwölf Angehörigen vorbei und hinterlassen ihre Spuren. Dabei graben die Tiere den Boden auf der Suche nach Futter um. Die Rückseite des Hauses und der Garten dienen als Toilette, die große Linde vorm Schlafzimmer ist Treffpunkt und Versammlungsort, wenn die Rentnerin nachts schlafen möchte. An der Hauswand  müssen regelmäßig entstandene Schäden beseitigt werden. „Ich bewältige das doch alles nicht mehr!“, sagt sie.

Waschbären kommen durch kleinste Löcher, öffnen mit ihren fünf Fingern geschickt Mülltonnen und erklimmen als sehr gute Kletterer Bäume und Gebäude. An ihrem Wintergarten fänden die Waschbären einen besonderen Schutz, erzählt die Rentnerin. Sie habe dort zur Abwehr Laub und Holzstöcke ausgelegt, Essig gesprüht sowie Pfeffer gestreut. Die aggressiven und wehrhaften Tiere mit dem Besen zu verscheuchen, mache wenig Sinn – „wenn man die anfaucht, fauchen die zurück“.

Seit die tierischen Räuber da sind, bekommen Möllers Eichhörnchen nichts mehr über die Futterbox. Das Vogelfutter musste ebenfalls entfernt werden, um die Waschbären nicht mit zu versorgen. Mittlerweile hält Irina Möller ihre Küchen- und Gartenabfalltonne mit schweren Steinplatten bedeckt. Seit 2014 versucht sie nun schon, dem fortschreitenden Waschbär-Problem beizukommen. Diesen Sommer seien sie aber verstärkt unterwegs. „Die kommen immer wieder, weil sie hier im Feuchtgebiet leben“ – nun seien härtere Mittel angebracht. Sie stelle den Waschbären jetzt eine Falle.

Auf Möllers Antrag hin gestattete die untere Jagdbehörde ihr im Juli den bis 15. Oktober befristeten Lebendfang. Verirrt sich eines der Tiere in die mit Futter präparierte Holzkons-truktion, ruft Möller den zuständigen Jäger herbei. Dieser begutachtet den Waschbären und erschießt ihn im Anschluss. Innerhalb von 14 Tagen hat Detlef Koch auf diese Weise sechs Waschbären erlegt. Ein siebter ist kürzlich vom Jagdkollegen Gerhardt Bohm erlegt worden.

Der dämmerungs- und nachtaktive Waschbär macht anderen Wildtieren Konkurrenz mit dem Räubern von Abfällen oder Töten von Kleintieren in Wohnanlagen. „Sie richten sogar mehr Schaden an als Füchse oder Marder“, sagt Malte Voigts als zuständiger Jagdpächter für das umliegende Flatower Waldgebiet. „Für mich ist der Waschbär gerade besonders furchtbar, weil er sich zur Brutzeit von Singvogeleiern ernährt.“ Voigts schießt gewöhnlich allerlei Raubwild, auch Waschbären.

Naturschutzgebiete wie das eingebettete Flatower Feuchtbiotop sind für Waschbären ideale Rückzugsgebiete: schlecht zugänglich, mit vielen Versteckmöglichkeiten und ruhig gelegen. Selbst Naturschützer kommen in Not, wenn Waschbären die Gelege von Kranichen plündern. Gleich nebenan liegt mit den Gartenanlagen das Waschbär-Schlaraffenland, wo nicht gejagt werden darf und sich stets ausreichend Nahrung oder Platz finden lässt.

Jäger Detlef Koch kennt den Waschbären als „unruhigen Typen“. Er empfiehlt dennoch zwischen Juli und September Rücksicht beim Jagen. „Solange sie noch Junge aufziehen, sollten Elterntiere nicht geschossen werden.“ Am liebsten wäre es Irina Möller, wenn sie das ganze Jahr über „waschbärfrei“ hätte. Es müsse eine Dauerlösung her, betont sie. „Es sind viel mehr als meine zwölf, das ganze Waldgebiet ist voller Waschbären.“

Das um sich greifende Waschbär-Problem in Flatow könne nur durch Bejagung gelöst werden, meint Malte Voigts. Er und andere Jäger rings um Kremmen seien deshalb verstärkt auf Waschbären aus. Da sich die Tiere aber hauptsächlich in Wohnanlagen aufhalten, wo nicht gejagt werden dürfe, sei es trotzdem schwierig, die Vermehrung der Waschbären einzudämmen.

„Weiterreichende jagdrechtliche Möglichkeiten zur Reduzierung der örtlichen Waschbärenpopulation“ als die eine genehmigte Lebendfalle von Frau Möller gibt es im Ort bislang nicht, bestätigt Pressesprecherin Constanze Gatzke. Die untere Jagdbehörde gehe davon aus, dass „beschränkte Jagdhandlungen in sogenannten befriedeten Bezirken nur eine zeitweilige Entlastung schaffen könnten“. Vielmehr seien eigentliche Ursachen wie „die offenbar ausreichende Deckung und das Vorfinden von genügend Fraß im urbanen Raum“ anzugehen.

Auf einer Liste hält Malte Voigts innerhalb seines Verantwortungsbereiches die Anzahl seiner Waschbärbeute fest. Solange Irina Möllers Lebendfalle regelmäßig von Waschbären aufgesucht werde und es sich damit weiterhin lohne, die Population einzuschränken, plädiert er für eine Aufstellung in Möllers Garten über Mitte Oktober hinaus. Letztendlich entscheide darüber aber die untere Jagdbehörde.

Die Ausnahmeregelung ist derweil bis zum 30. November verlängert worden, teilte Constanze Gatzke auf Nachfrage mit. Die Aufstellung der Lebendfalle bliebe begrenzt: „Der Waschbär hält im Winter eine Winterruhe, sodass davon ausgegangen werden kann, dass die Tiere ihre Aktivitäten stark reduzieren“.

Irina Möller freut sich indes, dass sie weitermachen darf: „Man muss sich auch mit kleinen Erfolgen zufriedengeben“. Tagsüber habe sich noch nie ein Waschbär bei ihr blicken lassen, erzählt die 77-Jährige. Sie höre sie dafür nachts um so lauter und entdecke am Morgen die Spuren.

Die schlauen Tiere stellen sich schnell auf neue Lebensbedingungen ein, weiß auch Irina Möller: „Das, was ich als kleines Lockfutter vor die Falle gestellt habe, fressen sie – es geht aber seit Tagen keiner mehr rein“, berichtet sie im Nachgang. Die Falle habe sie daraufhin umgestellt. Statt Salami, Käse, Nüssen und Schokolade liegen jetzt Weintrauben und Katzenfutter als Henkersmahlzeit bereit. Das sollen die Waschbären besonders mögen – Donnerstagnacht ist erst wieder einer in die Falle getappt.

Waschbären bloß nicht füttern!

Der Waschbär kam Mitte des 20. Jahrhunderts aus Nordamerika nach Europa und lebt hier bevorzugt in gewässerreichen Laub- und Mischwäldern.

Er frisst gerne Speisereste und Obst, holt sich aber auch Kleintiere wie Vögel, Hühner oder Kaninchen als Nahrung.

Tagsüber versteckt sich der nachtaktive Räuber in Scheunen, Ställen, Kellern und auf Dachböden. Lose Dachziegel, offene Traufen und Giebel sollten sicher verschlossen gehalten werden. Einstiegshilfen wie Fallrohre an Gebäuden sind zu sichern. Glatte Rohre als Kletterschutz an Bäumen verhindern den Nestraub – sie lassen Waschbären eher daran abrutschen.

Zum Schutz vor Waschbären weist der Landkreis Oberhavel auf sorgsamen Umgang mit Küchenabfällen, Speiseresten, Obst, Fallobst und der Kompostierung von organischen Stoffen hin. Die Informationsschrift „Wenn Waschbär, Fuchs & Co. in die Stadt kommen“ warnt davor, Wildtiere zu füttern. Im Internet ist sie unter www.hohen-neuendorf.de/de/buergerservice/was-erledige-ich-wo/info/wilde-tiere abrufbar.⇥(jrg)

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