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Junge Tier- und Landwirte aus den Kreisen Uckermark und Barnim haben am Oberstufenzentrum Prenzlau feierlich die Zeugnisse bekommen.

Landwirtschaft
Multitalente ohne Heidi-Romantik

Oliver Schwers / 16.09.2018, 13:15 Uhr
Prenzlau (MOZ) Sie können teure Trecker fahren, Computer bedienen, Kühe melken und Tiere pflegen. Sie können rechnen und wissen, wann das Getreide reif ist. Drei Jahre haben junge Tier- und Landwirte aus den Kreisen Uckermark und Barnim gelernt. Jetzt halten sie ihre Zeugnisse in den Händen.

Als Kind saß sie im Busfenster und schaute auf die Traktoren. „Die haben es gut“, dachte das Mädchen. Jetzt kann sie selbst solche Maschinen steuern, die locker 100 000 Euro oder das Dreifache kosten. Karolin Giese hat auf Gut Wilmersdorf gelernt. Doch bevor sie ihre Liebe zur Landwirtschaft entdeckte, wurde sie erst Köchin, ging in andere Länder, kam nach Australien. Da plötzlich machte es Klick. Und so bereitete sie ihre Rückkehr übers Internet vor und schaute in der Uckermark bei Stefan Palme vorbei. Der Landwirt gewährte ihr ein Praktikum und unterstützte ihre Umschulung. Jetzt hält sie ihren Abschluss in den Händen. Damit eine Anstellung zu finden, ist kein Problem. Karolin Giese arbeitet jetzt in einem Milchbetrieb in Serwest und denkt schon wieder an die Schulbank für eine Meisterausbildung.

„Ihnen wird Stehvermögen, Ausdauer und Beharrlichkeit abverlangt“, sagt Jörg Schubert, Landwirtschaftsamtsleiter der uckermärkischen Kreisverwaltung bei der feierlichen Zeugnisausgabe am Oberstufenzentrum in Prenzlau. „Landwirt sein, das heißt Mulitalent sein.“ Kein Tag sei wie der andere. Dafür ist der Beruf mit einem täglichen Kampf um Preise verbunden. Ein Bauer betreibe aktiven Tierschutz und müsse den Boden als kostbarstes Gut und Grundlage für 95 Prozent aller Lebensmittel den nachfolgenden Enkelgenerationen bewahren. Und mit Bezug auf aktuelle Käufe von Großindustriellen: „Bodenerwerb als Kapitalanlage muss ausgeschlossen werden.“

Doch die jungen Land- und Tierwirte haben schon in der Ausbildung bemerkt, dass ein Bauer schnell von der öffentlichen Meinung, von unwissenden Großstädtern oder Kritikern aller Art in die Schmuddelecke gedrängt werden kann. Es sei die Folge davon, dass große Teile der Bevölkerung keinen direkten Bezug mehr zur Landwirtschaft hätten. Eine Heidi-Alm-Bauernhof-Romantik sei nicht die Zukunft, so Schubert. Heute würde ein Landwirt 145 Menschen ernähren. Vor hundert Jahren ernährte ein Bauer gerade mal vier Menschen.

Bauernverband, Oberstufenzentrum, Volkshochschule, Betriebe und Prüfungskommission hüten ihren landwirtschaftlichen Nachwuchs. Denn davon gibt es nicht mehr viel. Für die generell in der Uckermark stattfindenden Abschlussprüfungen darf zwei Tage lang die Welsetal Agrargesellschaft in Welsow umgekrempelt werden. Da müssen die Jungbauern zeigen, was sie draufhaben.

Mit ihren Leistungen sind die Prüfer in diesem Jahr zufrieden. Sarah Marschner vom Stadtgut Berlin und Lukas Bender vom Gut Peetzig bei Greiffenberg gehören sogar zu den Besten in ganz Brandenburg. Ernteprinzessin Johanna Mandelkow hat sich an diesem Tag ins Kostüm geworfen, die Haare geflochten und vergibt feierlich die Zeugnisse an alle Absolventen.

Ab jetzt arbeiten die meisten von ihnen 365 Tage an der frischen Luft im „wichtigsten Beruf der Zukunft“, sagt Manfred Mesecke, Chef des Bauernverbands Uckermark. Er gibt den frisch gestandenen Land- und Tierwirten mit auf den Weg: Ideen umsetzen, Mut zum Experimentieren und auch den Nachbarn beobachten, um Erfahrungen zu sammeln. „Landwirtschaft wird gebraucht: Gestern, heute und morgen. Deshalb machen sie das, was sie anfassen, mit Herz.“

Karolin Giese ist schon mit Herz dabei. Angesichts des feierlichen Moments kommen dann doch die Freudentränen.

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