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Neuer Chefdirigent
Gefühlsstark, klar und ausdruckstief

Das  Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt spielt Beethovens 9. Sinfonie in der Pfarrkirche Neuruppin
Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt spielt Beethovens 9. Sinfonie in der Pfarrkirche Neuruppin © Foto: Veranstalter
Peter Buske / 27.09.2018, 08:16 Uhr
Frankfurt (Oder) Neue Besen kehren gut, heißt es. Neue Chefs, so erlebt man es oft, stellen gern Bewährtes infrage. Und neue Chefdirigenten? Sorgen entweder für Veränderungen mit der Brechstange oder bauen auf Überliefertes und setzen, wohldosiert, neue und weiterführende Akzente. Zu diesen will Generalmusikdirektor Jörg-Peter Weigle, neuer Chefdirigent des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt, gehören. Ohne Inthronisationsrituale vollzog sich am Freitagabend sein philharmonischer Arbeitsbeginn und damit zugleich des Orchesters Start in die neue Saison, die erstmals unter einem Motto steht:„SeineOderMoskwa“. Was sich sogleich in klingender Weise mit Werken von Claude Debussy, Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky auszahlt.

Weiterhin neu: Die bisherigen referierenden Konzerteinführungen weichen ab sofort aufgelockerten Gesprächen („Auf ein Wort mit …“) zwischen Dirigenten und/oder Solisten mit dem Dramaturgen. Zur Norm werden soll auch, was bisweilen schon praktiziert wurde: die deutsche Sitzordnung des Orchesters, bei der erste und zweite Geigen gegenüber, die Kontrabässe linksseitig und die Hörner mitterechts platziert sind. Das alles wird den Klang nicht unerheblich verändern. Auch deshalb herrscht erwartungsvolle Stimmung im Publikum: Wie wird der Neue reüssieren? Zielstrebig eilt er aufs Podium, erheischt sich per Blickkontakt die Spielbereitschaft der Musiker – und los geht’s.

Poetische Stimmungsbilder, die sich in ihrem harmonischen und rhythmischen Reichtum unaufhörlich wandeln, halten die „Nocturnes“ von Debussy bereit. „Nuages“ imaginiert einen Himmel, über den langsam und melancholisch graue Wolken ziehen. Tatsächlich wolkig, aber nicht wabernd, dafür fließend und watteweich entsteht ein duftiges Klanggewebe, dessen Strukturen durch der Musiker klangklares Spiel deutlich erkennbar werden. Präzise gibt Weigle die Einsätze, fordert sehr differenzierte Dynamik bis zur Pianissimo-Schwelgerei. Der folgt in „Fétes“ ein temperamentvolles Fest fantastischer Gestalten, die in einem herannahenden Umzug für geradezu orgiastische Stimmung sorgen. Danach erwecken wiegender Wellenschlag des Meeres, flimmerndes Mondlicht und der lockende Gesang von „Sirènes“ (Sirenen) geheimnisvolle Gefühle.

Als vokale Verführerinnen erweisen sich dabei die Frauen des Kammerchores Adoramus aus Słubice. In Brahms’ „Schicksalslied“ für Chor und Orchester op. 54 verstärken sie den Großen Chor der Frankfurter Singakademie, um die emotionsgeladene Vertonung der Friedrich-Hölderlin-Verse bis zur aufwühlenden Unerbittlichkeit mitzugestalten. Den dennoch stets geschmeidigen chorischen Gesamtklang unterstützen weich getönte Streicher und sanft pochende Pauken.

Voller innerer Leidenschaft loten Weigle und die Musiker Tschaikowskys 4. Sinfonie f-Moll op. 35 in ihrem Widerstreit von elegischen Erinnerungen und den Schmerzensschreien einer verwundeten Seele sehr tiefgründig aus. Abrupte Wechsel sorgen für unaufhörliche Spannung, die frivole Fröhlichkeit genauso einschließt wie den effektvollen Finaltaumel. Der Jubel des Publikums beweist: Der Neue ist angekommen und angenommen!

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