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Ausstellung
Die Opfer des NSU

Initiatorin Birgit Mair vor den Plakaten der Ausstellung.
Initiatorin Birgit Mair vor den Plakaten der Ausstellung. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 28.09.2018, 15:25 Uhr
Falkensee Mit der Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ begann am Freitag vergangener Woche auch die Veranstaltungsreihe „Leben in Vielfalt“, einer Projektreihe der „Partnerschaft für Demokratie Falkensee.“ Die Ausstellung, den Opfern gewidmet, wurde 2012 von Birgit Mair erstellt und seitdem immer wieder bearbeitet und aktualisiert. Bundesweit wurde sie bereits über 160 Mal gezeigt, Die Ausstellung kann bis zum 4. November ohne Voranmeldung im Haus am Anger in Falkensee, Falkenhagener Straße 16, besucht werden.

Birgit Mair (51) hat die Ausstellung erstellt und war zur Eröffnung aus Nürnberg nach Falkensee angereist. Rund dreißig interessierte Besucher hatten sich im Haus am Anger eingefunden, zur Eröffnung kamen auch Manuela Dörnenburg vom Falkenseer Büro für Vielfalt und Stefan Settels, Koordinator der Partnerschaft für Demokratie Falkensee. Dörnenburg sagt zur Eröffnung: „Wir sind mit dieser Ausstellung ganz aktuell in diesem Land. Ich hoffe, dass es doch noch eine Lehre wäre. Ich spreche hier ganz bewusst im Konjunktiv.“ Settels verweist auf rechtspopulistische Gruppen in Falkensee und im Havelland. Der Brandanschlag auf eine Asylunterkunft in Nauen 2015, der in Falkensee ansässige Jürgen Elsässer, Herausgeber des Monatsmagazins Compact mit rechtspopulistischen Inhalten. „Die Macher des Magazins Compact sitzen in Waldheim. Wie wollen wir uns inhaltlich damit auseinandersetzen?“

Wie schwierig solche Auseinandersetzungen sein können, zeigt der Weg durch die Ausstellung. Noch immer viele Unklarheiten, mangelhafte Aufklärung der Taten, der Hintermänner, die Angehörigen der Opfer, die mit vielen offenen Fragen zurückbleiben. Auf zwölf Plakaten wird nicht nur ihr Schicksal deutlich, gewaltsam und nicht aufgrund persönlicher Umstände ermordet, sondern einzig ihres Aussehens, ihrer Herkunft wegen, wurden sie zum Opfer von rassistisch motivierter Gewalt. Doch bevor sie gewaltsam ihres Lebens beraubt wurden und Lücken im Leben ihrer Angehörigen hinterließen, waren sie Menschen mit Träumen, mit Vorlieben, einem Leben. Der gewaltsame Tod dieser Menschen ist das Thema und doch bleibt Raum für Leben, ein gelebtes Leben. Allerdings ohne Hoffnung auf ein Morgen, viele Erinnerungen der Angehörigen, die bereit sind, nach all den Jahren diese Erinnerungen zu teilen. Endlich dürfen sie Opfer sein, keine Verdächtigen, sondern trauernde Angehörige.

Denn ohne diese Mithilfe der Angehörigen sagt Mair, wäre diese Ausstellung nicht möglich geworden. Ohne ihre Berichte, zur Verfügung gestellten Fotos, ihre Bereitschaft sehr persönliches öffentlich zu machen. Neun Migranten und die Polizistin Michèle Kiesewetter hat der NSU, nach bisheriger Kenntnis, ermordet. Ihnen allen, den zahlreichen Verletzten und ihren Angehörigen, will Mair hier eine Stimme geben. „Über die Täter, ihre sexuelle Beziehung, selbst über Zschäpes Katze, wurde mehr berichtet als über die Opfer“, sagt Mair.

Weitere, wenn auch mühsam dahin tröpfelnde Erkenntnisse im NSU-Prozess und die wachsende Anzahl der Angehörigen, welche sich im Laufe der Zeit an Mair gewandt haben, tragen zum Wandel der Ausstellung bei. Seit 2012 kam Mair, zunächst über Anwälte, dann zunehmend auch persönlichen Kontakt zu den Angehörigen. Die späte Anerkennung als Opfer war für manche Impuls genug, sich an der Ausstellung zu beteiligen, selbst verarbeiten, in Textbeiträgen für die Ausstellung, einige begleiten Mair auch auf Vortragsreisen. Für Andere brauchte es Jahre, bis sie wieder Vertrauen fassen konnten, denen ist die Mitarbeit an der Ausstellung nicht weniger wichtig. Und Mair selbst? Was treibt sie an?

Die in Österreich geborene Mair erzählt, wie es ihr seltsam vorkam, dass die Großeltern nie etwas über die Jahre im Nationalsozialismus erzählten. Mair, die schon früh beruflich mit Migranten arbeitete, die Diplom-Sozialwirtin gilt als Rechtsextremismus-Expertin, bemerkte schnell, dass es solche Barrieren für Menschen mit anderer geografischer Herkunft nicht gab. „Die Leute wusste ganz selbstverständlich über das Leben ihrer Verwandten Bescheid.“ Sie selbst erhielt von ihrer Familie keine Antworten. Zwölf Jahre, wie weggeblasen, sie musste sich selbst auf die Suche begeben. Über die Großeltern fand sie nicht viel heraus, allerdings waren sie mit einem SS-Mann befreundet. „Seine Frau war mein Kindermädchen“, sagt Mair, die inzwischen in Nürnberg lebt, die Stadt der Nürnberger Prozesse.

Das erste Opfer, der Blumenhändler Enver Simsek, wurde mit acht Schüssen, in Nürnberg getötet. Auf dem Gelände des ehemaligen Reichsparteitages. Es war der 9. September 2000, an diesem Tag fand in Nürnberg auch eine NPD-Tagung statt. Für Mair sind das allein genug Indizien, die auch einen anderen Hintergrund, als den der vermuteten Döner-Morde, schließen ließ. Die Familie Simsek erhielt bis 2011 regelmäßig Besuch von der Polizei, erzählt Mair und bei diesen Besuchen wurde auch immer wieder nach Drogen gefragt. Der Blumenhändler Simsek war regelmäßig nach Holland gefahren, zum Blumen kaufen. Für die Ermittler war diese Erklärung nicht schlüssig. Statt Tulpen aus Amsterdam vermuteten sie Drogen. Das Wort Döner-Morde wurde in der Presse tatsächlich auch noch verwendet, als bereits klar war, dass es sich hier um die Taten rassistisch und fremdenfeindlich motivierter Täter handelte. 2012 wurde es zum Unwort des Jahres gekürt.

Leben in Vielfalt

Die Veranstaltungsreihe „Leben in Vielfalt“ der Partnerschaft für Demokratie wird fortgesetzt mit Vortrag und Diskussion zur Frage „Vielfalt in der Defensive? Warum der Rechtspopulismus an Zulauf gewinnt und was wir dagegen tun können“. Am Donnerstag, 4. Oktober, 18.30 Uhr findet diese Veranstaltung Im Weltladen Falkensee, Bahnhofstraße 61, statt. Nach einer Begrüßung mit Imbiss wird Nico Scuteri, seit 2002 Mitarbeiter im Mobilen Beratungsteam Brandenburg einen Vortrag zum Thema halten, als Einstieg für eine Diskussionsrunde. Scuteri will unter anderem der Frage nachgehen, wie sich die Verrohung der Sprache auswirkt und sich der Antworten aus der Politik annehmen.

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