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Institut für ärztliche Mission
„Im Kongo sind Vergewaltigungen eine Kriegswaffe“

Dr. Gisela Schneider – Direktorin des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (DIfäM)
Dr. Gisela Schneider – Direktorin des Deutschen Instituts für ärztliche Mission (DIfäM) © Foto: SWP/Stefan Bentele
André Bochow / 06.10.2018, 08:30 Uhr - Aktualisiert 06.10.2018, 16:36
Berlin (Freier Autor) Gisela Schneider kennt den Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege seit vielen Jahren. Das Deutsche Institut für Ärztliche Mission e. V. (DIFÄM) mit Sitz in Tübingen engagiert sich in vielen Teilen der Welt. Schwerpunkt ist Afrika. Im Ostkongo, in der Provinz Süd-Kivu arbeitet dieOrganisation für weltweite christliche Gesundheitsarbeit mit Denis Mukwege zusammen. André Bochow sprach mit Gisela Schneider.

Frau Schneider, was empfanden Sie, als Sie davon hörten, dass Denis Mukwege den Friedensnobelpreis bekommt?

Ich konnte es zunächst gar nicht glauben. Es ist auch für uns eine ganz große Freude. Denn Denis Mukwege bekommt den Preis zu einem Zeitpunkt, zu dem er schon fast die Hoffnung aufgegeben hat, dass sich die Weltöffentlichkeit um die Opfer sexueller Gewalt im Kongo und anderswo kümmert.

Wenn hierzulandevom Kongo die Rede ist, dann wird schnell über die Bodenschätze, wie Coltan oder Kupfer geredet. Seltener über die Opfer sexueller Gewalt. Zu selten?

Viel zu selten. Im Kongo sind Vergewaltigungen eine Kriegswaffe. Die vielen bewaffneten Gruppen, die vor allem den Ostkongo terrorisieren, überfallen die Dörfer, ermorden die Männer, brennen die Häuser nieder und vergewaltigen die Frauen. Ich habe gerade in der Stadt Bunia, in der Provinz Ituri, die vielen Binnenflüchtlinge gesehen. Denn darum geht es letztlich: Menschen zu vertreiben, um an die Bodenschätze zu gelangen.

Was kann Mukwege dagegen ausrichten?

Er kann vielen Frauen helfen. Er kann ihr physisches Leid lindern. Die Traumata zu behandeln, dauert viel länger. Denis Mukwege setzt sich aber auch dafür ein, dass die vergewaltigten Frauen mehr Rechte bekommen und dass sexuelle Gewalt geahndet wird.

Würden Sie sagen, Denis Mukwege ist ein Einzelkämpfer im Kongo. Oder hat sein Beispiel auf andere gewirkt?

Sein Beispiel wirkt. Besonders lokal. Mich hat sehr beeindruckt, wie viele junge Ärzte mittlerweile bereit sind, im Kongo zu bleibenund sich hinter das Anliegen Mukweges zu stellen.Das ist oft lebensgefährlich. Im April vergangenen Jahres ist ein junger Gynäkologe erschossen worden, weil er sich für die Frauen eingesetzt hat.

Das heißt Mukweges Beispiel macht Schule, aber an der Situation ändert sich nichts?

Jedenfalls nicht viel. Deswegen ist es so wichtig, dass international Druck ausgeübt wird, damit im Kongo Strukturen entstehen, die die Sicherheit der Frauen gewährleisten.

Wie soll das gehen? Weite Teile des Landes unterliegenkeiner staatlichen Kontrolle.

Natürlich ist es schwierig. Da wird sich auch nichts über Nacht ändern. Aber wenn es gelingt,eine wirklich stabile Regierung zu bilden, die sich um die Interessen der Menschen kümmert und vor allem, wenn es gelingt in den Provinzen die staatliche Ordnung zu stärken, dann kann sich etwas bewegen.Man könnte zum Beispiel damit beginnen, die lokalen Sicherheitskräfte regulär zu bezahlen.

Sie arbeiten mit Mukwege zusammen. Was heiß das konkret?

Wir unterstützen seit über zehn Jahren den Aufbau oder Wiederaufbau von Gesundheitseinrichtungen, die Aus- und Weiterbildung von Fachärzten und auch die Verbesserung der Medikamentenversorgung. Das Terrain ist schwierig. Aber es wurde viel erreicht in Bukavu. Es gibt mittlerweile eine medizinische Fakultät.Denis Mukwege bildet dortals Professor der Gynäkologie Fachärzte aus.

Wird er vom kongolesischen Staat unterstützt?

Nein.DenPolizeischutz, den er rund um die Uhr braucht, haben die Soldaten von der UNO-Mission MONUSCO übernommen.Weil sich Mukwege sehr lautstark für die Rechte der Frauen einsetzt, fühlen sich die unterschiedlichsten militanten Gruppen, die für die sexuelle Gewalt verantwortlich sind, provoziert.

Was kannder Friedensnobelpreis bewirken?

Er wird vor allem für Mukwege eine große Ermutigung sein. Als ich ihn im November vergangenen Jahres getroffen habe, war er sehr niedergeschlagen. Er sagte mir, er hätte doch nun mit allen gesprochen.Mit den EU Vertretern, mit den Leuten von der UNO, mit Obama mit Angela Merkel – und trotzdem hat sich niemand für den Kongo interessiert.Jetzt bleibt zu hoffen, dass der Friedensnobelpreis nicht als Alibi für weiteres Wegschauen missbraucht wird.

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