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Konfliktmanagement
„Mediation heißt schöner streiten“

Professor Ulla Gläßer veranstaltete die Konferenz.
Professor Ulla Gläßer veranstaltete die Konferenz. © Foto: privat
Lisa Mahlke / 08.10.2018, 06:30 Uhr - Aktualisiert 08.10.2018, 11:20
Frankfurt (Oder) (MOZ) Ulla Gläßer ist Professorin für Mediation, Konfliktmanagement und Verfahrenslehre an der Viadrina und leitete am Sonnabend die internationale Mediationskonferenz „mediation moves“ an der Europa-Uni. sprach mit ihr über Konfliktmanagement in der Politik und im Privaten.

Frau Gläßer, wie kamen Sie auf die Idee, sich tagtäglich mit Konflikten zu beschäftigen?

Für mich geht es bei der Mediation um viel mehr als nur um Konflikte. Wenn in komplexen Situationen mit verschiedenen Beteiligten eine strukturierte Entscheidung getroffen werden muss, ist Mediation ein gutes Verfahren. Und Komplexität hat viele Gesichter: Sie kann durch Konflikteskalation entstehen oder aber durch viele Beteiligte mit verschiedenen Standpunkten, die aneinander vorbeireden. Das fasziniert mich einfach. Oft gehen Menschen mit viel Energie und gutem Willen in eine Situation, aber verlieren Kraft und Motivation, weil das Verfahren nicht effektiv ist.

Können Sie sich im Privaten denn überhaupt noch streiten?

Natürlich und mit Lust. Zum einen macht es einen Unterschied, ob man selbst betroffen ist oder als Außenstehender dazukommt – das ist nicht vergleichbar. Und auch Mediatoren haben Konflikte und die lösen sie nicht immer perfekt (lacht). Aber sie kommen schneller wieder aus Streitsituationen heraus, weil sie ein bisschen mehr Außenperspektive auf sich selbst haben, die Perspektive wechseln können. Selbstreflexion – nicht im eigenen Blickwinkel stecken bleiben – ist hilfreich. Mediation heißt nicht, nicht zu streiten, sondern schöner und produktiver zu streiten.

Am Sonnabend haben 150 Mediatoren und Fachleute aus Theorie und Praxis bei der Mediationskonferenz unter anderem über weltweite Vermittlungsansätze gesprochen. Gibt es da denn so viele Unterschiede zwischen den Ländern?

Absolut! Es gibt große Unterschiede bei den Zielen, die der Gesetzgeber in verschiedenen Ländern verfolgt, wenn er Mediation fördert – und danach richtet sich dann auch, welches Mediationsmodell angewandt wird. Hierzulande wird vor allem die moderierende Mediation praktiziert, bei der der Mediator fragt, zusammenfasst, visualisiert und die Parteien selbst Lösungen finden. Auf der anderen Seite des Spektrums ist die evaluative Mediation, bei der der Mediator wie ein Schlichter arbeitet. In Deutschland ist der Mediator grundsätzlich ein Handwerker, bei dem etwa Herkunft und Alter keine Rolle spielen, solange die Person die Methoden beherrscht. In asiatischen Ländern ist der Mediator eher der „weise Älteste“.

Sie haben gerade Schlichtung angesprochen – was ist der Unterschied zur Mediation?

Das müssen meine Studenten immer als erstes lernen (lacht). Ein Schlichter sammelt ganz viele Informationen, verarbeitet diese und macht dann einen Schlichtungsvorschlag. Der Mediator hingegen hilft den Parteien, eigene Lösungsideen zu entwickeln.

Ist die Mediation denn der letzte Ausweg vor einem Gerichtsverfahren?

Mediation ist mehr als das. Zum einen ist Mediation in allen Stadien der Konfliktentwicklung einsetzbar – von komplexen, aber noch nicht konflikthaften Entscheidungs- und Gestaltungssituationen bis noch aus laufenden Gerichtsverfahren heraus. Zum anderen sind längst nicht alle Konflikte justiziabel.

Wer studiert denn Mediation an der Viadrina?

Der Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement an der Viadrina ist interdisziplinär, darauf legen wir viel Wert. Der Durchschnitt der Studierenden ist 45 Jahre alt und steht mitten im Beruf: Richter, aber auch Opernsänger, Tierärzte, Pfarrer, Architekten, Menschen, die in Personalabteilungen oder in der internationalen Friedens- und Entwicklungsarbeit tätig sind.

Zurück zur Konferenz: Sie haben auf dieser auch über Digitalisierung gesprochen. Lassen sich Konflikte besser online oder persönlich besprechen?

Das kommt auf den Konflikt an. Viele Mediatoren sind nach wie vor der Meinung, dass physische Präsenz aller Beteiligten der Schlüssel ist. Aber es gibt auch Konfliktlagen, die nur im digitalen Raum stattfinden. Wenn man zum Beispiel online Waren kauft, gibt es Onlinetools für Beschwerde- und Konfliktmanagement. Oder wenn ein großes Unternehmen sein Team rund um die Welt verstreut hat und alle unterschiedliche Arbeitsorte und -zeiten haben, kann man sie nur online zusammenbringen.

Was wünschen Sie sich von jedem einzelnen, fernab von Uni-Alltag und Konferenzen?

Auf einer persönlichen Ebene wäre mein Wunsch, dass Menschen auch in schwierigen Situationen bereit bleiben, in die Schuhe des anderen zu treten – zumindest probeweise – und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel aufrechterhalten. Aber auch auf anderer Ebene, bezogen auf die politische Kultur und Kommunikation in ganz Europa: Man sollte sich gegenseitig zuhören, statt sich an die Wand zu diskutieren und lieber einen echten Dialog führen statt Polarisierung und Eskalation zu schaffen.

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