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Neues Obdachlosen-Projekt
Erst Wohnung, dann das Leben sortieren

Obdachlose zelten am Spreebogen nahe dem Reichstag.
Obdachlose zelten am Spreebogen nahe dem Reichstag. © Foto: dpa/Christophe Gateau
dpa / 08.10.2018, 15:04 Uhr
Berlin (dpa) Sie sollen zur Suchtberatung gehen, möglichst keinen Alkohol mehr trinken oder ihre Schulden in den Griff bekommen: Um endlich eine eigene Wohnung mieten zu können, müssen Obdachlose bislang oft viele Schritte gehen. Doch Viele erreichen ihr Ziel nie, weil sie an den Hürden scheitern. Die Berliner Sozialverwaltung will diesen Zustand jetzt ändern. Obdachlose sollen einfach und unkompliziert zunächst eine Wohnung bekommen und sich dann entscheiden, wie sie sich auf ihrem Weg in ein neues Leben helfen lassen. Bis zu 80 Betroffene sollen dabei sein.

„Housing first“ (Zuerst ein Zuhause) heißt das Modell, dass es in anderen Ländern bereits gibt und jetzt auch in Berlin erprobt werden soll. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sagt, sie sei ein großer Fan davon: „Die Menschen haben einen Rückzugspunkt, sie können erst einmal Luft holen und sich auf sich selbst besinnen“. Erst in einem nächsten Schritt gehe es dann darum, zu überlegen, welche Hilfsangebote man annehmen wolle. Sozialarbeiter, Hauswirtschafter, aber auch ehemalige Obdachlose sollen den Neu-Mietern künftig zur Seite stehen. Die Wohnungen sollen über Wartelisten oder Auswahlgespräche verteilt werden.

Das Projekt richtet sich laut Breitenbach an Menschen, die am bisherigen Hilfssystem gescheitert sind, aber einen Anspruch auf staatliche Transferleistungen haben. Mit diesem Geld sollen sie auch die Miete zahlen. Noch gibt es allerdings keine freien Wohnungen. Die beiden Projektpartner - der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) sowie die Neue Chance gGmbH in Zusammenarbeit mit der Berliner Stadtmission - haben die Suche jetzt gestartet.

Angesichts des angespannten Berliner Wohnungsmarktes kein leichtes Unterfangen, schon gar nicht für diese Zielgruppe. „Die Vermieter stehen nicht Schlange“, gibt Breitenbach zu. Doch Ingo Bullermann, Geschäftsführer der Neue Chance gGmbH, die seit Jahren mit Wohnungslosen arbeitet, zeigt sich zuversichtlich. „Wir werden den Vermietern signalisieren: Ihr werdet wenig Ärger haben“.

Neben der regelmäßigen Mietzahlung, einer Kaution sowie einer Haftpflicht- und Hausratsversicherung für die Mieter wolle man den Vermietern auch einen Fonds zusichern, aus dem notfalls nicht abgedeckte Schäden bezahlt werden können. „In den vergangenen acht Jahren haben wir 600 Wohnungen für Wohnungslose angemietet. Wir sind gut vernetzt“, ergänzt Mitarbeiter Sebastian Böwe, der auch für das neue Projekt Wohnungen sucht.

Während die Neue Chance gGmbH obdachlose Männer und Frauen anspricht, richtet sich die Arbeit des SkF ausschließlich an Frauen. Mitarbeiterin Elke Ihrlich kündigte an, auch unkonventionelle Wege gehen zu wollen: „Wir werden in allen Pfarreien rundklingeln und schauen, ob Privatanbieter eine Dachgeschosswohnung oder ein Souterrain haben, das sie für Frauen freisetzen können“, so die Bereichsleiterin für offene Sozialarbeit. Sie setze auch auf die Solidarität unter Frauen und wolle Vereine oder auch Vermieterinnen von Ferienwohnungen ansprechen.

In Berlin gibt es geschätzt 4000 bis 6000 Menschen, die auf der Straße leben - Tendenz steigend. Die Verelendung nimmt zu. Der Senat hat die Mittel für Wohnungslose 2018 auf 8,1 Millionen Euro verdoppelt. Für das aktuelle Projekt stehen ab Anfang Oktober bis Ende 2019 zunächst 775 000 Euro bereit. Drei Jahre soll es insgesamt dauern. Ihre Wohnungen sollen die Mieter aber auch nach Projektende behalten. „Wir wollen keine befristeten Verträge“, verspricht Böwe.

Die Idee von „Housing first“ kommt aus Nordamerika und zeigt bereits auch in einigen europäischen Staaten Erfolge. Polen, Finnland, Belgien, Norwegen, Dänemark, Österreich und Frankreich gehören zu den Ländern, in denen die Idee praktiziert wird. In Deutschland sollen Obdachlose auch in Nordrhein-Westfalen schneller an Wohnungen kommen. Dort könnte die Suche etwas einfacher laufen als in Berlin: Der weltberühmte Künstler Gerhard Richter hat einige seiner Werke gestiftet. Mit dem Verkaufserlös sollen Wohnungen für Obdachlose gebaut werden.

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