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Konzert
Berührende Klänge voller Mahnungen

Peter Buske / 20.11.2018, 17:57 Uhr
Frankfurt (Oder) Inmitten des Lebens lauert der Tod. Das haben auch die Komponisten erfahren, die am Sonntagabend beim Konzert der Frankfurter Singakademie zum Volkstrauertag in der Konzerthalle „C. Ph. E. Bach“ zu Wort kamen. Dafür hatte Chordirektor Rudolf Tiersch „Meisterwerke französischer Chormusik“ ausgewählt, die im Gedenken an die Opfer beider Weltkriege ein berührendes Zeugnis ablegten.

Zu Beginn der musikalischen Erinnerungsarbeit erklangen „Drei Stücke für große Orgel“ des 1911 geborenen Jehan Alain, der 1939 zum Kriegsdienst einberufen wurde. Ein Jahr später, in einem Gefecht bei Saumur, fand der 29-Jährige den Tod, zwei Tage bevor in Compiègne der Waffenstillstand zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich geschlossen wurde.

An der Sauer-Orgel nahm sich Lutz M. Müller, einstiger Singakademist und jetziger Stadtkirchenkantor im Eisenhüttenstädter Stadtteil  Fürstenberg/Oder, mit großem stilistischem Einfühlungsvermögen der drei Orgelstücke an. Die Variationen über ein Renaissance-Thema breitete er in zart tönenden Diskantstimmen in großer Ruhe und Innigkeit aus. Als ein Ort voller klanglicher Magie ließ Müller durch sein filigranes, gleichsam ätherisch-zerbrechliches Spiel den „Hängenden Garten“ als ein Hort der Heiterkeit und des Friedens auferstehen. Schließlich die litaneiartigen Gottesanrufungen einer verzweiflungsvollen Seele, die nicht klagt, sondern als ein alles hinwegfegender Tornado göttliche Barmherzigkeit einfordert.

Der gewaltsame Tod suchte auch den Organisten und Komponisten Louis Vierne (1870–1937) heim – als sein Sohn Jacques, der gegen den Horror des Ersten Weltkrieges protestiert hatte, 1917 standrechtlich erschossen wurde. Ein Schicksalsschlag genauso wie zuvor auch die Lebensfolgen durch einen angeborenen Grünen Star, der ihn später total erblinden ließ. Davon ist in der 1901 in der Pariser Kirche Saint-Sulpice uraufgeführten Messe solennelle cis-Moll op. 16 für gemischten Chor und zwei Orgeln allerdings nichts zu spüren.

Um Aufführungen in kleineren Räumen zu ermöglichen, hatte der 1939 geborene ungarische Organist, Pianist, Komponist und Dirigent Zsigmond Szathmáry eine Fassung für nur eine Orgel geschaffen. Dem Hörgenuss der romantisch vertonten Komposition tat es keinen Abbruch. Zumal das Sauer-Instrument von Alex Ilienko so raffiniert gespielt wurde, dass man ein ganzes Orchester zu hören glaubte. Vom elektrischen Spieltisch aus ließ er bereits zu Beginn die Orgel mächtig aufbrausen. Kraftvoll geriet auch des Chores „Kyrie“-Anrufung, voller Wärme und eindringlicher Innigkeit. Und selbst bei den leidenschaftlichen Ausbrüchen blieb der Klang der prächtig einstudierten Sangesgemeinschaft geschmeidig und homogen, intonationssicher und textverständlich.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 war Gabriel Fauré (1845–1924) als Kurier eines Infanterie-Regiments beteiligt. Jahre danach schrieb er sein Requiem op. 48, wobei es 1889 eine Aufführung „für die im Dienste Frankreichs gefallenen Soldaten und Matrosen“ gab. Doch anders als seine Zeitgenossen komponierte er eine friedvolle Totenmesse, die kammermusikalisch gehalten ist. So verzichtete er auf eine dramatisierende Darstellung des „Dies irae“, er fand dagegen zu fast impressionistischen Klangfarben. Mitglieder der Pommerschen Philharmonie Bydgoszcz unterstützten die Intentionen von Dirigent Rudolf Tiersch nach einem gefühlsstarken Singen und Musizieren, an dem sich auch die Sopranlyrikerin Victoria Kaminskaite und der kraftvolle Bassbariton Matthias Henneberg beteiligten.

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