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Martin Schulz von der Arzneimittelkommission

Arzneimittel
„Die Importquote gefährdet Patienten“

Vertritt die Apotheker: Martin Schulz möchte die Importquote für Medikamente am liebsten abschaffen.
Vertritt die Apotheker: Martin Schulz möchte die Importquote für Medikamente am liebsten abschaffen. © Foto: Steffen Roth
Hajo Zenker / 28.11.2018, 08:30 Uhr
Berlin (MOZ) Professor Martin Schulz ist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Mit ihm sprach Hajo Zenker über die Importquote und das geplante Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung.

Herr Schulz, Sie setzen sich dafür ein, dass die Importquote für Medikamente abgeschafft wird. Warum?

In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass Importe als Zugangsweg für qualitativ minderwertige, gestohlene oder gefälschte Arzneimittel genutzt werden. Die Erfüllung der Importquote verursacht nicht nur erheblichen bürokratischen Aufwand, sondern gefährdet vor allem die Patientensicherheit. Rückrufe sind bei Importarzneimitteln keine Einzelfälle. Lange, grenzüberschreitende und intransparente Lieferketten erhöhen das Risiko für das Einschleusen von qualitativ minderwertigen, gestohlenen oder gefälschten Medikamenten erheblich. Der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker liegen zudem viele Fallberichte vor, die aufgrund des veränderten Packungsdesigns oder Arzneimittelnamens zu massiven Irritationen des Patienten führten. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Importarzneimittel nicht per se preisgünstige Arzneimittel sind. Das sehen im Übrigen auch einige Krankenkassen so.

Mit Regressansprüchen der Krankenkassen gegenüber Herstellern, die Rückrufe machen müssen, will Gesundheitsminister Jens Spahn die Unternehmen bewegen, stärker auf sichere Produkte zu achten. Kann das funktionieren?

Nicht zuletzt hat der Preisdruck der Krankenkassen das Preisdumping im Generikabereich mit allen bekannten Folgen gefördert. Es ist aber keine Frage, dass der Hersteller für ein qualitativ minderwertiges Arzneimittel verantwortlich ist. Ob durch Regressansprüche allein die Arzneimittelsicherheit steigt, darf bezweifelt werden. Im Sinne aller Beteiligten sollte die Sicherheit und natürlich auch die finanzielle Entlastung der Patienten an erster Stelle stehen. Wir benötigen also eine Neuordnung des Prozedere für Arzneimittelrückrufe und der Abgabe von Ersatzmedikamenten, das unbürokratisch gestaltet ist und das die Patienten und das Gesundheitssystem insgesamt entlastet.

Mit dem neuen Gesetz plant der Minister auch größere Kompetenzen für den Bund bei der Überwachung der Arzneimittelsicherheit, weil die Länder häufig überfordert seien. Ist das der richtige Weg?

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass die föderale Struktur nur bedingt dazu geeignet ist, koordinierte Aktionen, wie zum Beispiel Rückrufe zu Valsartan-haltigen Arzneimitteln, bundesweit abzustimmen und unverzüglich umzusetzen. Ich befürworte einen bei den Bundesoberbehörden verorteten Krisenstab als zentrale koordinierende Stelle mit weitreichenden operativen Befugnissen, um die derzeitigen kommunikativen und strukturellen Hürden in der Umsetzung bundesweit greifender risikominimierender Maßnahmen zu überwinden.

Es soll zudem verstärkte Kontrollen von Bund und Ländern bei Herstellern in China und Indien geben, woher viele Wirkstoffe unserer Medikamente stammen. Ist das eine gute Idee? Sollten wir nicht lieber die Produktion zurückholen?

Die verstärkte Überwachung ist eine von vielen möglichen Maßnahmen, die Qualitätssicherung von Arzneimitteln zu verbessern. Die Bereitstellung entsprechender finanzieller und personeller Ressourcen vorausgesetzt, kann diese Option kurz- bis mittelfristig greifen. Die Rückholung der Produktionsstätten kann, wenn überhaupt, nur ein sehr langfristiges Ziel sein.

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