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Prognose
„Ungeheuerlich“ und eine „gezielte Provokation“

Ina Matthes / 04.12.2018, 11:08 Uhr - Aktualisiert 04.12.2018, 11:17
Schwedt (MOZ) Wie wollen wir Wirtschaft fördern? Soll das Geld bevorzugt in die Ballungszentren fließen? Ist es zu teuer, Industrie in ländlichen Regionen erhalten zu wollen? Ein Hallenser Forscher hatte sich dazu in dieser Zeitung geäußert  – mit streitbaren Thesen.Brandenburger reagieren jetzt.

Firmen im Osten sind noch immer deutlich weniger produktiv als vergleichbare Unternehmen im Westen, sagt der Wissenschaftler Reint E. Gropp. Das hat eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle IWH ergeben, dessen Präsident Gropp ist. Die Förderung der Städte werde vernachlässigt, zu viel Geld gehe in ländliche Regionen und dort in teure Arbeitsplätze in klassischen Industrien, kritisierte der Professor im Interview mit dieser Zeitung.

Als Beispiel für eine dieser stark geförderten Regionen nennt das IWH die Uckermark. Petrolchemie und Papierfabriken, deren Zukunftsfähigkeit Gropp kritisch sieht,  sind hier die wichtigen Industrien.  Ländliche Regionen müssten nach alternativen Konzepten suchen, findet der Forscher.

Widerspruch zu Gropps Thesen kommt nun von Politikern und Wirtschaftsexperten aus der Uckermark. „Ungeheuerlich“ findet Silvio Moritz, Geschäftsführer des Investor Center Uckermark ICU, die Thesen Gropps. Die großen Industriebetriebe in Schwedt seien das Rückgrat der Uckermark und sicherten Arbeitsplätze auch in vielen mittelständischen Unternehmen. „Gerade die größeren uckermärkischen Unternehmen wie Leipa oder PCK sind hochinnovativ und gehören zu den besten Unternehmen Deutschlands und Europas in ihrer Branche.“  Wirtschaftsförderer Moritz sieht in den Industriebetrieben Treiber von Wachstum und Innovation.  Zudem kauften sie ein erhebliches Volumen an Dienstleistungen. „Ohne diesen Industrie-Dienstleistungsverbund hätte Deutschland ein größeres Wohlstandsgefälle zwischen den Regionen, das zu mehr Verteilungskämpfen führen würde.“

Dass Arbeitsplätze in Papierfabriken zu teuer und nicht unbedingt zukunftsfähig sind, dem widerspricht die Landrätin der Uckermark, Karina Dörk (CDU): „Die Papierindustrie hat aufgrund des enorm gestiegenen Onlinehandels zur richtigen Zeit richtig investiert, um auf dem Markt bestehen zu können!“ Der Landkreis habe sich in den zurückliegenden Jahren gut entwickelt, meint sie.

Auf die volkswirtschaftliche Bedeutung der Uckermark als Region zwischen den Metropolen Berlin und Stettin verweist der Bundestagsabgeordnete Stefan Zierke (SPD). Die Uckermark versorge Millionen Menschen: „Woher kommen das Benzin und das Kerosin für die gesamte Hauptstadtregion Berlin–Brandenburg? Woher kommt die saubere Energie, das regionale und biologische Essen, der Natur- und Umweltschutz? Genau, all das kommt aus der Uckermark.“ Zierke findet, dass die Debatte um die Förderung ländlicher Räume, die  Gropps Thesen angestoßen haben, spalte und „von Unkenntnis zeugt.“

Scharfe Worte findet auch Jens Koeppen (CDU), der wie Zierke für die Uckermark und den Barnim im Bundestag sitzt.  Koeppen spricht von einer „gezielten Provokation“ und meint: „Angesichts der Anstrengungen in den letzten Jahrzehnten und auch der Erfolge, sind solche Aussagen absolut unverständlich und übermitteln ein starkes Desinteresse für den peripheren Raum. Diese Regionen von der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland und von der notwendigen Infrastruktur abzukoppeln, ist völlig indiskutabel.“

Zu Wort gemeldet hat sich auch der IT-Unternehmer Waldemar Wegner, der in die Uckermark gezogen ist. Auch er verteidigt die Unterstützung für  Industrie in ländlichen Regionen.  Sie – und die Wirtschaft insgesamt – ermögliche „ein soziales und kulturelles Leben, von dem die gesamte Region profitiert.“

Politiker und Unternehmer sprechen aber auch die Schwierigkeiten in der Uckermark an: Löcher im Funknetz, unzureichende Verkehrsverbindungen, teils zu geringe Produktivität, fehlende Jobs und Abwanderung. „Heute fehlt uns hier eine Kindergeneration der Frauen und Männer, die nach der Wende die westlichen Regionen gestärkt haben und weiter stärken“, sagt Landrätin Dörk. „Das hat Auswirkungen auf alle Bereiche, auch auf die Unternehmensstruktur unserer Region.“ Einig sind sich alle Uckermärker, die sich geäußert haben, dass es gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land geben muss. „Wir wollen die ländlichen Regionen infrastrukturell stärker mit den Zentren vernetzen, damit der Wohlstand in Deutschland alle Regionen gleichermaßen erreicht“, erklärt Koeppen. Es müsse noch viel mehr investiert werden in der Uckermark, findet Stefan Zierke.

Moritz, Koeppen und Wegner sehen die Digitalisierung als Chance für die ländliche Region. Unternehmen könnten Kunden weltweit erreichen, Arbeiten von zu Hause aus wird möglich. Die Uckermark als „naturräumliches Kleinod“ werde interessant für Gründer mit digitalen Geschäftsmodellen, meint Moritz. Wegner hofft, dass junge Leute aus den „überteuerten Fabriketagen in der Hauptstadt“ aufs Land ziehen.  Dafür aber brauchen Gründer in der Uckermark schnelles Internet und Mobilfunk, fordert Wegner. „Gut angelegt ist jeder Euro, der ökologisch und sozial verantwortungsbewusstes Wirtschaften unterstützt.“

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