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Selbstbewussteres Frankfurt

Die Stimmung hat sich gedreht:  René Wilke sieht viele positive Signale für seine Stadt.
Die Stimmung hat sich gedreht:  René Wilke sieht viele positive Signale für seine Stadt. © Foto: Michael Benk
Dietrich Schröder / 06.12.2018, 07:15 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Als der 34-jährige Linke-Politiker René Wilke im Frühjahr zum Frankfurter Stadtoberhaupt gewählt wurde, sorgte das für Aufsehen. Seit er kriminelle Flüchtlinge ausweisen will, ist ein deutschland-weiter Medienhype um ihn entstanden. Jetzt erläuterte er, wie er diese Aufmerksamkeit für seine Stadt nutzen will.

Vor ein paar Tagen sprach er im ARD-Morgenmagazin darüber, wie er es als Oberbürgermeister erreichen konnte, dass sieben Araber, die im Sommer einen Club an der Oder überfallen hatten, jetzt kurz vor der Abschiebung aus Deutschland stehen. Die größten deutschen Tageszeitungen haben auch breit über das ungewöhnliche Vorgehen des Linken informiert. „Und es gibt noch viel mehr Medienanfragen, als wir beantworten können“, kokettiert René Wilke etwas mit seiner neuen Bekanntheit.

Gleich darauf wird er wieder sachlich: „Vielleicht haben wir ja genau den Weg gefunden, den sich die Mitte unserer Gesellschaft wünscht“, beschreibt er. Einerseits Weltoffenheit bewahren und jenen Flüchtlingen helfen, die diese Hilfe brauchen. Andererseits konsequent gegen Straftäter vorgehen und durch mehr Polizeieinsatz für Ordnung zu sorgen. Schon vor seiner Amtszeit habe die Frankfurter Stadtgesellschaft einen offenen Umgang mit Ausländern entwickelt, räumt Wilke ein.

Im Gegensatz zu früher, als die Zustände in der Grenzstadt von außen negativer betrachtet wurde, als sie tatsächlich waren, sei es heute aber fast umgekehrt. „Wir werden inzwischen positiver bewertet, als wir das selbst betrachten.“ Dabei habe sich an den fast 200 Millionen Euro Schulden und Reparaturrückstau, die über Jahre aufgrund wirtschaftlicher Schwäche und sozialer Probleme entstanden, noch nicht viel geändert. Doch der Wille, diese Probleme anzugehen, sei in der von ihm aus Vertretern von SPD, Grünen, der CDU und einer Parteilosen geschaffenen Rathausspitze ein anderer. „Auch die Mehrheit der Stadtverordneten unterstützt unseren Kurs“, sagt der OB, „weil wir die Risiken und Probleme der Stadt nicht schön reden“.

Auch im Umgang mit der Landesregierung und den umliegenden Landkreisen habe man eine andere Tonalität gefunden. Um der Gefahr zu begegnen, dass sich der Fokus der Landespolitik künftig zu einseitig auf die Probleme der Lausitz konzentriere, werde man mit eigenen Vorhaben in Potsdam vorstellig. Ein ganz wichtiger Punkt für Frankfurt sei, dass sich der soziale Wohnungsbau künftig nicht mehr nur auf neue Häuser konzentriert, sondern auch auf den Erhalt bestehender Wohnungen.

Den Abriss von Wohnblocks konnte die Stadt inzwischen bereits stoppen, da ihre Einwohnerzahl erstmals seit Jahrzehnten wieder wächst. „Und zwar nicht nur durch die Flüchtlinge, sondern auch dadurch, dass mehr Kinder geboren werden“, was den OB sehr erfreut. Zum Signal für den Aufbruch soll auch der Rückkauf des Alten Kinos im Stadtzentrum werden, dessen Zerfall jahrzehntelang ein Symbol für den Stillstand in der City war.

Selbst im Umgang mit Investoren – das japanische Elektronikunternehmen Yamaichi will die Zahl seiner Arbeitsplätze an der Oder deutlich erhöhen, ein großer Logistiker denkt über eine Ansiedlung nach – hat Wilke die Erfahrung gemacht, wie wichtig die vor Ort herrschende Stimmung ist. Dies gelte auch für die Anwerbung von Fachkräften. Deshalb soll im kommenden Jahr auch ein ganz neues Stadtmarketing starten.

Gerät er erstmal in Fahrt, fallen dem pragmatischen Linken immer neue Dinge ein, die für das neue Selbstbewusstsein an der Oder stehen. Zu Beginn dieser Woche trafen sich engagierte Frankfurter und Slubicer, um über die Zukunft der „Europäischen Doppelstadt“ zu reden. Das habe es vor seiner Zeit zwar auch schon gegeben, sagt Wilke. „Aber diesmal waren viel mehr Polen dabei.“

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