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Die HTW Berlin rückt die Revolutionskämpferin Tamara Bunke (1937–1967) neu in den Blick

Revolutionärin
Gesichter einer Guerillera

Spiel mit den Identitäten: Mehrere Darstellerinnen stehen in dem Stück „Tania la Guerillera“ für unterschiedliche Deutungen des Lebensweges von Tamara Bunke. In diesem Bild sind es die Schauspielerinnen Astrid Kohlhoff (l.) und Laura Mitzkus.
Spiel mit den Identitäten: Mehrere Darstellerinnen stehen in dem Stück „Tania la Guerillera“ für unterschiedliche Deutungen des Lebensweges von Tamara Bunke. In diesem Bild sind es die Schauspielerinnen Astrid Kohlhoff (l.) und Laura Mitzkus. © Foto: Vajswerk/Silvio Beck
Boris Kruse / 06.12.2018, 08:15 Uhr
Berlin (MOZ) Ihr Ende ist einsam und kläglich. Am 31. August 1967 wird Tamara Bunke in den bolivianischen Anden erschossen. Der Plan Ernesto Che Guevaras, das lateinamerikanische Land in die Revolution zu führen wie zuvor Kuba, ist gescheitert. Denn die Revolutionäre haben kaum Rückhalt in der Bevölkerung.

In der DDR wurden zahlreiche Kindergärten und Jugendorganisationen nach der jungen Frau benannt, die ihr Abitur an der Erweiterten Oberschule „Clara Zetkin“ im heutigen Eisenhüttenstadt abgelegt hat. Sie wurde als aufopferungsvolle Kommunistin verehrt. Der Mensch Tamara Bunke ist hinter diesem Bild fast zwangsläufig verblasst.

Ihr kurzes Leben ist, in anderen Worten, idealer Stoff für Romane, für Verfilmungen oder für die Bühne. Franka Potente hat ihre Rolle in dem Film „Che – Guerilla“ von 2008 gespielt, das ZDF hat 2017 eine Doku über sie produziert. Und jetzt gibt es in Berlin eine Theatergruppe, die die Dramatisierung mit ernsthafter Faktenrecherche verbindet. Aber dazu später mehr.

Tamara Bunke wird 1937 in Buenos Aires als Haydée Tamara Bunke Bider geboren. Ihre Eltern, beide Kommunisten, fliehen vor den Nazis nach Argentinien. 1952 kehrt die Familie nach Deutschland zurück, und zwar nach Stalinstadt, ins heutige Eisenhüttenstadt. Tamara engagiert sich in der FDJ und lernt bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST)  das Schießen.

Nach der Schule studiert sie in Berlin Romanistik. Sie entdeckt das junge Kuba der Revolution als ihren Sehnsuchtsort und lässt sich vom Ministerium für Staatssicherheit als potenzielle Agentin für den Auslandsgeheimdienst anwerben. Im Frühjahr 1961 bekommt sie die Chance, nach Kuba zu reisen. Neben einer Arbeit als Dolmetscherin beginnt sie dort, sich Identitäten als Agentin aufzubauen.

Der kubanische Geheimdienst entsendet sie 1964 als Agentin nach Bolivien. Das Ziel: Informationen aus dem Umfeld des bolivianischen Präsidenten René Barrientos Ortuño zu beschaffen, der als ehemaliger Militär hart gegen Gewerkschaften vorgeht. Doch Tamara Bunke – Kampfname Tania – wird im März 1967 enttarnt. Daraufhin schließt sie sich den kämpfenden Truppen Che Guevaras an. In ihren letzten Lebensmonaten irrt sie mit einer Gruppe versprengter Freiheitskämpfer durch die Anden, von der Haupttruppe des „Comandante“ getrennt. Am 31. August 1967 gerät sie in einen Hinterhalt und wird erschossen.

Wahrlich: Stoff für eine Legende. An der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin wird seit einigen Semestern eine neue Beschäftigung mit Leben und Wirken Tamara Bunkes angeregt. Professor Oliver Rump, Experte für Museumskunde und Museumsmanagement, hat dort gemeinsam mit Studierenden den Nachlass gesichtet und konserviert. Es handelt sich unter anderem um Briefe an ihre Familie, in denen Bunke oft nur in Andeutungen schreibt. Auf Anregung der Arbeitsgemeinschaft Cuba Sí der Partei Die Linke ist Rump nach Kuba gereist. Dort hat er unter anderem mit dem Geheimdienstausbilder von Tamara Bunke gesprochen. Ferner hat er mit den Studierenden eine Ausstellung konzipiert, die bereits an zehn Orten gezeigt wurde.

Auch nach der Sichtung und fachgerechten Konservierung des Nachlasses bleibt die Person Tamara Bunke, bleiben viele ihrer Lebensstationen ein Mysterium. War sie am Ende ihres Lebens krank? War sie schwanger? Vielleicht gar von Che Guevara? Eine ihr häufig nachgesagte Liebschaft mit dem Revolutionsführer ist nicht belegt. Das vorliegende Material und die Erzählungen von Zeitgenossen lassen in diesen Fragen viel Interpretationsspielraum, sagt Oliver Rump. Der Museumskundler bilanziert seinen Rechercheerfolg ganz offen: „Wir haben nichts gefunden, was nicht schon gesagt wurde. Aber: Wir können nun einordnen, was klar belegbar ist, was eher wahrscheinlich ist und was ihr – in der Regel von Männern – nur angedichtet wurde“.

Die Quellenlage ist auch deshalb problematisch, weil der Nachlass eben nicht von Tamara Bunke selbst stammt, sondern aus den Händen ihrer 2003 verstorbenen Mutter Nadja Bunke. Und die könnte die Auswahl der Archivstücke geglättet haben, um das Tamara-Bild in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der Ruf, der dem Mythos Tamara Bunke vorauseilt, ist ambivalent. „Was dem einen sein Freiheitskämpfer, ist dem anderen sein Terrorist“, sagt Rump. Doch spüre er im Zuge der Ausstellung auch ein neu aufkeimendes Interesse.

Die Gruppe Vajswerk hat ein Theaterstück über diese schillernde Gestalt erarbeitet, das noch bis zum Wochenende an der HTW zu sehen ist. Das Ensemble, das sich selbst als Recherchekollektiv begreift und mit biografischen Forschungen einen Dialog von Wissenschaft und Kultur anregen will, macht dabei aus der Not der unsicheren Quellenlage und der schwer zu fassenden Wendungen in Bunkes Leben eine Tugend: Die Darsteller schildern den Werdegang der jungen Revolutionärin aus fünf Perspektiven.

„Tania la Guillera“, 6.–8.12., 19.30 Uhr, HTW Campus Oberschöneweide, Wilhelminenhofstr. 75a, Berlin; www.vajswerk.de

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