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Porträt
Strittmatter-Kenner und Märchenerzähler

Tritt gern in Lieberose auf: Beim Wandertag war er nicht nur dabei, sondern trat als Märchenerzähler auf, der die Wanderer an den einzelnen Stationen begrüßte. Dafür gab es von Wanderleiterin Christina Schmidt eine Teilnehmerurkunde.
Tritt gern in Lieberose auf: Beim Wandertag war er nicht nur dabei, sondern trat als Märchenerzähler auf, der die Wanderer an den einzelnen Stationen begrüßte. Dafür gab es von Wanderleiterin Christina Schmidt eine Teilnehmerurkunde. © Foto: Ingrid Hoberg
Ingrid Hoberg / 18.12.2018, 08:00 Uhr
Lieberose (MOZ) Ein Land, eine Stadt und selbst ein Dorf wären nichts ohne Menschen. Viele haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig. Alle haben etwas zu erzählen. Das Oder-Spree Journal stellt in einer Serie Gesichter vor. Heute Michael Becker.

„Ich bin nicht ohne Arbeit zu definieren“, hat Michael Becker zu seinem 65. Geburtstag gesagt, als er sich von der Bühne des Staatstheaters Cottbus verabschiedete. Wenn jetzt in der Adventszeit ein Nachbar mal um die Ecke schaut, dann wundert er sich vielleicht, dass es sich der Schauspieler in seinem Lieberoser Domizil gern auf dem Sofa bequem macht. Vorweihnachtliche Geschäftigkeit und Hast gehen anscheinend an ihm vorbei.

Tatsächlich ist Michael Becker (67) an vielen Orten ein gern gesehener Gast gewesen. Von Cottbus über Lieberose bis Spremberg hat er Zuhörer mit weihnachtlichen Programmen kurzweilig unterhalten. Doch in seinen Gedanken ist er schon weiter. Gerade erst hat er mit den beiden Musikern Mario Heß und Philipp Standera das Programm „Erst kommt das Fressen – wann kommt die Moral“ überarbeitet, das sie im September gemeinsam auf die Bühne des Cottbuser Piccolo-Theaters gebracht hatten. „Es wird nicht nur Brecht eine Rolle spielen. ,Lieder und Texte gegen Krieg und Faschismus‘ wird das Programm nun heißen“, erklärt Michael Becker. Zitiert werden beispielsweise auch Persönlichkeiten wie Egon Bahr und Jürgen Todenhöfer. Und er werde die Namensliste von Mitgliedern der Widerstandsorganisation „Roten Kapelle“ verlesen. 19 Männer und Frauen wurden am 5. August 1943 in Plötzensee im Drei-Minuten-Takt durch das Fallbeil ermordet. „Wir zeigen, was Faschismus bedeutet“, betont er. Ein Demo-Mitschnitt von diesem Programm wurde bereits aufgezeichnet.

Am Herzen liegt Michael Becker auch die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde in Cottbus. Zum 20. Jahrestag des Bestehens moderierte er die Festveranstaltung in der Neuen Synagoge mitten in der Stadt. „Jüdischer Humor, die letzte Waffe der Wehrlosen“ heißt eines seiner literarischen Programme. Und Becker ist ein großartiger Kenner von Eva und Erwin Strittmatter. Mehrere Programme hat er rund um das Paar, das sich liebte und zoffte, zusammengestellt. Der literarische Nachlass bringt immer wieder interessante Facetten zu Tage. Anklang fand erst im November eine Lesung in der Lieberoser Darre. Auf Einladung des Fördervereins gestaltete Michael Becker mit dem Akkordeonisten Mitko Robev einen literarischen Nachmittag. Mit dem Förderverein will der Schauspieler weiter zusammenarbeiten. „In einer Planungsrunde habe ich kürzlich Vorschläge für das kommende Jahr gemacht. Ich hatte vorab schon mit Künstlern gesprochen, die mit ihren Programmen nach Lieberose kommen würden“, erzählt er. „Nun müssen nur noch Termine gemacht werden.“

Auch die Verbindungen zur Burg Beeskow will er intensivieren. Und in Frankfurt (Oder) hat er eine Schar von treuen Besuchern bei seinen Strittmatter-Lesungen und  bei Literatur & Debatte. In dieser Reihe stellte er gemeinsam mit seiner Schauspieler-Kollegin Ariadne Pabst vom Staatstheater Cottbus Auszüge aus „Die Unterwerfung“ von Michel Houellebecq  vor. Der Kreis der Literaturfreunde, die zu seinen Programmen kommen, dürfe gern noch größer werden, so Becker.

Jetzt genießt der Schauspieler erst einmal die Zeit auf seinem Lieberoser Diwan – ehe er ins Winterquartier nach Cottbus zurückkehrt. „So lange wie in diesem Jahr mit dem heißen Sommer war ich noch nie am Stück in Lieberose“, stellt er fest und fühlt sich wohl in seinem Reich mit Teich, einem Baum, an dem an kahlen Ästen noch Äpfel überwintern und Katzen, die über die Terrasse streichen. An den Futterhäuschen drängen sich Meisen, Spatzen, Kleiber. In der Küche köchelt gerade etwas Köstliches.

Während er es da so bequem hat und nachdenkt, entsteht vielleicht eine Geschichte für ein neues Anekdotenbuch. Die Lieberoser warten darauf, denn sie hängen geradezu an seinen Lippen, wenn er in Lesungen Episoden aus ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend oder Theaterschnurren erzählt. „Eine Geschichte habe ich sogar schon geschrieben – über den Schwanensee“, verrät er und lächelt verschmitzt.

Auf der Seite www.beckergeschichten.de sind seine Programme, Lesungen und Bücher im Überblick zu finden.

Vier Fragen an Michael Becker

Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten beeinflusst?

Meine Großmütter Oma Friedel und Oma Mutter, so nannte ich sie als Kind,  haben mich dadurch beeinflusst, wie sie gelebt haben. Später waren es Lehrer wie Eduard Pfeffer in Lieberose und Ingeburg Gesche an der Erweiterten Oberschule in Beeskow.

Was würden Sie als Erstes veranlassen, wenn Sie Bürgermeister Ihres Ortes wären?

Das steckt im Namen drin: Liebe-Rose. Pflastersteine raus und Rosen rein! Ich würde per Dekret dafür sorgen, dass jeder an seinem Haus Rosenstöcke pflanzt. Einige Lieberoser haben das ja schon gemacht. Wer durchfährt, müsste sagen können, das ist der Ort voller Rosen.

Was wünschen Sie sich seit Jahren?

Ich möchte gesund und meinem Publikum treu bleiben.

Träumen Sie gern?

Ja, ich träume davon, dass Sahra Wagenknecht Bundeskanzlerin ist – endlich mal eine schöne Frau an der Spitze!

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