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Nach unendlicher Reparatur ist bei der „Gorch Fock“ die Grundsatzfrage nicht mehr fern

Bundeswehr
Die unendliche Reparatur der „Gorch Fock“

Ellen Hasenkamp / 18.12.2018, 10:30 Uhr
Berlin (MOZ) 60 Jahre ist sie alt, 90 Meter lang und eigentlich der ganze Stolz der deutschen Marine. Doch statt hart am Wind liegt die „Gorch Fock“ nun schon seit Jahren trocken. Die Kosten für die Reparatur explodieren. Ist der Dreimaster noch zu retten?

Zivilisten dürfen normalerweise nicht an Bord des Schulschiffs „Gorch Fock“. Doch für Olaf Rahardt machte die Bundeswehr eine Ausnahme; der Künstler ist schließlich ein leidenschaftlicher Porträtmaler der Marine im Allgemeinen und der „Gorch Fock“ im Besonderen. Ein von ihm geschaffenes Bild des Dreimasters sollte am Montag in der Marineschule Mürwik in Flensburg feierlich enthüllt werden. Doch dieser Programmpunkt fiel nun ebenso flach wie die geplanten Ansprachen und Musikdarbietungen. Der Festakt zum 60. Jubiläum der Indienststellung von „Deutschlands Botschafterin unter Segeln“ wurde Ende vergangener Woche kurzfristig abgesagt. Denn zu feiern gibt es in Sachen „Gorch Fock“ derzeit nicht viel.

Auslöser der Ausladung war der Korruptionsverdacht gegen einen Mitarbeiter des Marinearsenals Wilhelmshaven. Er hatte sich Medienberichten zufolge finanziell übernommen und soll sich ausgerechnet bei Firmen, die mit der laufenden Sanierung des Schiffs beauftragt sind, Geld geliehen haben. Das Problem: Der Mann war eigentlich damit beauftragt, den Kostenrahmen für das Sanierungsvorhaben zu überwachen. Hätte Maler Rahardt seine Bildvorgaben allerdings im selben Maße gesprengt wie die Sanierung der „Gorch Fock“ die ursprüngliche Kalkulation – hätte er statt einer Leinwand wohl gleich die gesamte Marineschule auspinseln können. Kein Wunder also, dass der aufwändig geplante Festakt inklusive Staatssekretärs-Rede und Bild-Präsentation kurzerhand gestrichen wurde, nachdem der Mitarbeiter sich selbst angezeigt hat. Die Probleme der „Gorch Fock“ reichen tief.

Es läuft schon länger nicht gut für das einst so stolze Segelschulschiff. Zur See gefahren ist die „Gorch Fock“ schon seit Jahren nicht. Sie wird seit Januar 2016 „in der umfangreichsten Instandsetzung ihrer Geschichte von Grund auf überholt“, so schreibt es die Marine. Von „Instandsetzen“ kann aber offenbar längst noch keine Rede sein, vielmehr befinden sich die Arbeiten weiterhin im Stadium des „von Grund auf“: Der NDR berichtete mit Verweis auf aktuelle Filmaufnahmen aus der Werft, dass sich das Schiff derzeit „in einem fast rohbauartigen Zustand“ befinde.

Ursprünglich waren die anstehenden Reparaturen auf Kosten von zehn Millionen Euro und eine Dauer von 17 Wochen geschätzt worden. Doch je tiefer sich die Fachleute in die hölzernen Strukturen des Seglers vorarbeiteten, desto desolater stellte sich offenbar dessen Zustand dar. Masten, Maschinen, Motorraum – alles erneuerungsbedürftig. Ende 2016, nachdem bereits 35 Millionen Euro verplant waren, wurde ein vorläufiger Baustopp verhängt. Erwogen wurde, die Sanierung und damit das Schulschiff komplett aufzugeben. Doch Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) entschied sich ein paar Monate später für Deutschlands „Botschafterin in Weiß“, verwies auf die Rolle des Segelschiffs bei der „Identitätsbildung im Führungsnachwuchs der Marine“ und gab 75 Millionen Euro als neue Kostenobergrenze aus.

Anfang dieses Jahres war dann erstmals von mehr als 100 Millionen Euro die Rede, inzwischen ist auch die Zahl 135 Millionen zu hören. Ausgegeben wurden davon angeblich bereits 80 Millionen.

Bestätigt werden die Zahlen vom Verteidigungsministerium bislang nicht. Doch es geht offenbar mal wieder um alles; für Donnerstag ist ein Krisentreffen angesetzt. Die Spitzen von Ministerium und Marine – einschließlich Ressortchefin von der Leyen und Teilstreitkräftechef Andreas Krause - wollen sich einen Überblick verschaffen. Droht also erneut das Aus? „Am Donnerstag fällt dazu keine Entscheidung“, sagte der Ministeriumssprecher dazu am Montag. Auch ob die Stilllegung der „Gorch Fock“ inzwischen zumindest grundsätzlich wieder eine Option sei, könne er „zum gegenwärtigen Zeitpunkt überhaupt nicht sagen“, fügte er hinzu.

Der grüne Haushaltsexperte Tobias Lindner forderte in der „Bild am Sonntag“ eine schnelle Entscheidung: „Das Ministerium muss nun schleunigst klären, was wirtschaftlicher ist: Die ‚Gorch Fock‘ zu sanieren oder gleich ein neues Segelschulschiff zu kaufen oder zu bauen.“

Für den FDP-Verteidigungspolitiker Marcus Faber ist die Antwort klar: „Das Schiff hat seinen festen Platz in der Marine und der Ausbildung der künftigen Marineoffiziere“, sagte er dieser Zeitung. Die außer Kontrolle geratene Reparatur zeige allerdings „einmal mehr die Unfähigkeit des Bundesministeriums und Ursula von der Leyens, Sanierungsprojekte zu steuern“. Statt Abbruch und Stilllegung erwartet Faber von dem Treffen am Donnerstag „Aufklärung“ und „Lern­erfolg“; keinesfalls aber dürfe „das Ansehen der ‚Gorch Fock’ beschädigt“ werden. Nicht auszuschließen aber ist, dass das Schiff künftig allenfalls auf den Bildern von Maler Rahardt Kurs auf die hohe See nimmt.

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