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Frankfurter Singakademie
Mit Skalpell und Taktstock

Stephanie Lubasch / 18.12.2018, 13:26 Uhr - Aktualisiert 18.12.2018, 13:40
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die Frankfurter Konzerthalle an einem Montagnachmittag. Hintereingang. Statt der Damen und Herren des Brandenburgischen Staatsorchesters mit ihren Instrumentenkästen geben sich Jungen aller Altersklassen die Klinke in die Hand. Der Lautstärkepegel ist enorm. Auf dem Flur zwischen den Probenräumen fliegen Späße hin und her, es wird gelacht, herumgealbert. Nicht viel anders als im Umkleideraum eines Fußballvereins. Warum auch?  Ob einer singt oder dem runden Leder hinterher rennt, da sieht Jürgen Hintze, Leiter des Knabenchores der Frankfurter Singakademie, keinen Unterschied. Viele seiner Schützlinge, sagt er trocken, machen beides.

Mehr als 60 Mitglieder hat der Chor, nicht nur Schüler, auch junge, schon im Berufsleben stehende Männer. Weitere sieben singen beim Nachwuchs. Mit etwa einem Dutzend, sagt Hintze, habe er 1981 angefangen, zwischenzeitlich waren es mehr als 100. Das sei aber noch vor der Wende gewesen. „Damals“, glaubt der Chorleiter, „ist einfach mehr gesungen worden.“

An diesem Montagnachmittag gibt er Einzelunterricht für seine Solisten. Zwei sind es noch, früher waren es mehr. Während das Gros der Sänger nebenan mit Hintzes Assistentin Doris Blenck übt, steht er selbst in einem kleinen Probenraum am Klavier, spitzt die Lippen, holt Luft. „Noch mal auf ,lü‘“, fordert er von seinem Schüler und stimmt die Tonleiter an. „Guck mal in den Spiegel – schau meinen Mund an und deinen!“

Drei Lieder liegen in der Notenmappe. Sie alle gehören zum Adventsprogramm, mit dem der Chor derzeit in der Region unterwegs ist. Die Vorweihnachtszeit ist Hochsaison für die jungen Sänger – kein Wochenende, an dem sie keinen Auftritt haben. Was gesungen wird, ist zur Hälfte festes Repertoire, zum Teil neues Material. So wie sonst auch. „Wir geben Mendelssohn Bartholdy ebenso wie die Beatles“, sagt Hintze.

Das Singen, das hat den gebürtigen Berliner schon während seines Medizinstudiums gepackt; die Berliner Singakademie, erzählt er, habe damals um Mitglieder geworben. Hintze meldete sich an, aus Spaß an der Freude. Und machte an der Musikschule gleich noch eine Stimmausbildung.

Von diesem Moment an ist er infiziert. Und bleibt es auch, als er nach seinem Studienabschluss 1973 nach Frankfurt wechselt, um in der Kinderchirurgie zu arbeiten. In der Oderstadt gründet sich Mitte der 70er-Jahre gerade die Singakademie neu – und hat bald Not an Chorleitern. Da kommt Hintze, der schon über die Kirche Erfahrungen in der Organisation von Proben und Chortagen gesammelt hat, wie gerufen: 1979 übernimmt er den Spatzenchor, zwei Jahre später auch noch die Knaben.

Generationen von ihnen hat er seitdem betreut. Fast eine zweite Familie. „Nicht nur für mich“, sagt Hintze mit einem Lächeln. „Die Männer im Chor kennen sich, seitdem sie acht sind, da ist viel Zusammenhalt untereinander.“ Gewachsen nicht nur bei Proben und Konzerten in der Region, auch bei vielen Chorfahrten. „Wir sind schon fast überall in Europa gewesen“, schwärmt Hintze. Und – „das absolute Highlight“ – zweimal in den USA.

Der 73-Jährige hat all das immer organisiert. Ehrenamtlich und neben den Proben, der Planung der Konzerte, dem Suchen nach Noten und Sponsoren. Zu DDR-Zeiten, sagt er, sei das trotz des Jobs ganz gut gegangen. „Als ich Oberarzt war und die Dienstpläne gemacht habe, konnte ich mir das organisieren. Zumal die Klinik immer hinter mir gestanden hat.“ Nach der Wende sei das dann etwas schwieriger geworden; wohl auch ein Grund, warum er den damals ebenfalls noch mitgliederstarken Spatzenchor schließlich abgegeben hat.

Dass sich die Zeiten ändern, sieht Hintze. Immer weniger junge Sänger kommen nach. Zum einen, glaubt er, weil es immer mehr Freizeitmöglichkeiten gebe. Zum anderen hätten viele Kinder auch weniger Zeit. Und nicht zuletzt: Wo werde heute schon noch gesungen? „Viele können, wenn sie bei uns anfangen, nicht einen Ton nachsingen.“ Der Chor, sagt sein Leiter, sei mittlerweile nur noch zu einer Hälfte ein musikalisches Projekt – zur anderen ein soziales. „Wir haben ausländische Sänger, die wir integrieren, und Kinder, die psychisch labil sind und sonst nirgends klar kommen.“

Wie stark die Bindung zwischen ihnen allen und Hintze ist, kann man nicht nur bei den etwa 30 Konzerten im Jahr spüren. Auch wenn er wie heute nur mit den Solisten probt, klopft es ständig an seine Tür. Kaum einer, der geht, ohne sich bei ihm zu verabschieden oder noch schnell ein paar Worte zu wechseln. Geduldig hört er zu, fragt nach, klärt ein Problem, muntert auf.

Vor vier Jahren erst hat Hintze seinen Job als Kinderchirurg aufgegeben. Eine Arbeit, die er immer gern gemacht habe, wie er sagt. Die Entscheidung, nun, wo er endlich Zeit dafür hat, auch seinen Posten als Chorleiter zu räumen, ist schwer zu glauben, kommt für ihn aber nicht von ungefähr. Vor einem Jahr, bei einer Konzertreise nach Wien, hat er einen kleinen Schlaganfall gehabt. Und das, gesteht Hintze, habe ihn zum Nachdenken gebracht. Nicht etwa, dass es ihm um seine Gesundheit geht. Ihn treibt die Sorge um seinen Chor. „Nach der Sache in Wien dachte ich, ich muss mich mal nach einem Nachfolger umsehen“, sagt er. „Das Wichtigste für mich ist, dass es weitergeht.“

Und das wird es. Ein Nachfolger ist mit dem Berliner Chorleiter und Organisten Martin Kondziella gefunden, Hintze kann in die zweite Reihe zurücktreten. Denn ganz aufhören, das will der mit dem Bundesverdienstkreuz und der Leopold-Medaille ausgezeichnete singende Mediziner dann doch nicht. Eine der drei wöchentlichen Proben wird er weiterhin leiten, hin und wieder mal am Dirigentenpult stehen – und auch die Organisation bleibt in seinen Händen. „Es ist also kein abrupter Abschied“, verspricht er – und tröstet sich damit wohl auch selbst ein bisschen: „Ich denke, so werde ich es ganz gut verkraften.“

Adventssingen, Sonntag,  15 Uhr, Konzerthalle, Bad Freienwalde; Weihnachtssingen, 22. Dezember, 19.30 Uhr, Konzerthalle „C. Ph. E. Bach“, Frankfurt (Oder),

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