Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Historiker Andreas Wirsching über die Attacke auf den AfD-Politiker Frank Magnitz

Nach AfD-Attacke
Drohende Gewaltspirale

Hält den Vergleich mit Weimarer Verhältnissen für übertrieben: Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin.
Hält den Vergleich mit Weimarer Verhältnissen für übertrieben: Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin. © Foto: dpa/Matthias Balk
André Bochow / 09.01.2019, 09:00 Uhr
Berlin (MOZ) In Bremen wurde der AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz zusammengeschlagen und schwer verletzt. Politiker aller Parteien haben den Anschlag verurteilt. Gleichzeitig wächst die Verunsicherung. Manche erinnern  an die Weimarer Republik. André Bochow sprach darüber mit dem Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, Andreas Wirsching.

Herr Professor Wirsching, spiegeln der brutale Angriff auf einen AfD-Bundestagsabgeordneten und der Anschlag auf ein AfD-Büro in Döbeln eine neue Qualität in der politischen Auseinandersetzung wider?

Ich denke ja. Wir erleben seit geraumer Zeit, wie sich Hass gegen Politiker entlädt. Bislang handelte es sich aber vor allem um verbale Attacken. Die physische Gewalttat in Bremen ist offensichtlich das Ergebnis einer sich aufschaukelnden Stimmung oder Stimmungsmache. Das betrifft besonders die politische Sprache. Diese Entwicklung ist durchaus besorgniserregend.

Worauf führen Sie die Radikalisierung zurück?

Es gibt zunehmend größere Gruppen, die vor allem in den sozialen Medien die politischen Problemlagen auf Freund-Feind-Konstellationen reduzieren. Diese Gruppen lehnen eine analytische Betrachtung ab und versteifen sich auf rein moralische Gegensätze.Gut gegen Böse. Das sogenannte Volk gegen das Establishment. Dahinter verbergen sich eine veränderte politische Kultur und eine Legitimationskrise. Die, die wählen sollen, vertrauen den Gewählten nicht. In der verrohten Sprache findet diese Krise ihren Ausdruck.

Mit anderen Worten: Die Welt wird vielen zu komplex und darauf regieren sie mit verbaler oder eben mit physischer Gewalt?

Die Überforderung oder auch der Unwillen sich mit Komplexität auseinanderzusetzen oder wenigstens die Komplexität auszuhalten, ist ein altes Problem von Massendemokratien. Die Welt war nie wirklich überschaubar. Aber die Globalisierung wird von vielen Menschen als besonders undurchdringlich und bedrohlich empfunden. Da ist die Versuchung groß, einfache Antworten zu geben. Beispielsweise wird ein homogenes Volk herbeigeredet. Probleme kommen dann nur noch von außen. Wenn sie von innen kommen, waren „Volksverräter“ am Werk.

Das klingt eher nach einem rechten Weltbild.

Ja. Aber wie gesagt, die Radikalisierungen von rechts und links können sich aufschaukeln und zur Gefahr werden.

Seit einigenJahren ist vom „Gespenst der Weimarer Verhältnisse“ die Rede. Berechtigterweise?

Wir leben heute in einer viel gefestigteren Demokratie. Es gibt auch deutlich mehr Verteidiger der Demokratie und des Parlamentarismus als es sie in den Zeiten zwischen den Weltkriegen gab. Die Gewalt hatte in der Weimarer Republik eine völlig andere Dimension. Andererseits gibt es Analogien. Die Fähigkeit des Staates, Recht und Ordnung zu garantieren, wird zunehmend angezweifelt.Das ist gefährlich. Vor allem, wenn sich die Tendenz verstärkt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Andererseits haben Politiker aller Parteien den Anschlag von Bremen entschieden verurteilt. Und Geschichte wiederholt sich nicht Eins zu Eins. Wie gefährdet ist unsere Demokratie wirklich?

Ich sehe das größte Problem darin, dass die Funktionsfähigkeit der Parteiendemokratie durch eine Wählerwanderung an die Ränder gefährdet wird. Regierungsbildungen werden immer schwerer und der Eindruck von Unfähigkeit verstärkt sich. Im Moment ist die Gefahr, die von der Gewalt auf der Straße ausgeht, vergleichsweise gering. Schließlich funktionieren Polizei und Justiz nach wie vor. Aber die Möglichkeit weiterer Radikalisierung besteht.

Und wenn es zu physischerGewalt von Links kommt, legitimiert es die Demokratiefeinde von Rechts?

Die machen daraus eine Selbstlegitimation. Grundsätzlich gilt von einem demokratischen Standpunkt aus: Politische Gewalt ist niemals legitim. Sie muss in einer Demokratie bekämpft werden. Auch und nicht zuletzt mit staatlichen Mitteln. Wenn das nicht energisch genug geschieht, fühlt sich in der politischen Auseinandersetzung die jeweils andere Seite ebenfalls berechtig, Gewalt auszuüben. Diese Selbstermächtigung muss blockiert werden. Sonst erleben wir eine Gewaltspirale.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG