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Boxen
Das Naturtalent aus Afghanistan

Das Box-Talent und sein Mentor: Mashal Marefat (links) und sein Trainer Profi René Hübner
Das Box-Talent und sein Mentor: Mashal Marefat (links) und sein Trainer Profi René Hübner © Foto: Hagen Bernard
Hagen Bernard / 14.01.2019, 02:15 Uhr - Aktualisiert 14.01.2019, 09:14
Fürstenwalde (MOZ) Noch bis zum 12. Februar läuft die Umfrage nach den populärsten Sportlern des Jahres 2018 im Kreis Oder-Spree. Drei Tage später werden die Sieger im Atrium des Landratsamtes in Beeskow geehrt. Bis dahin stellen wir in loser Folge alle 36 Kandidaten vor. Heute: Boxer Mashal Marefat von der SG AufbauEisenhüttenstadt.

Der 19-jährige Mashal Marefat hat bisher lediglich 21 Kämpfe aufzuweisen, von denen er 18 gewonnen hat. Dennoch kennen ihn laut Frank von Mersewsky, Abteilungsleiter Boxen bei der SG Aufbau Eisenhüttenstadt, alle maßgeblichen Trainer in Deutschland. Schließlich ist der Aufstieg des Flüchtlings aus Afghanistan seit seiner Ankunft vor drei Jahren furios.

Im vergangenen Jahr war der in Eisenhüttenstadt wohnende Athlet im Rahmen der Landesmeisterschaften der Elite zum besten Boxen seiner Altersklasse gekürt worden – bei den Männern. Im Finale hatte er den am Frankfurter Olympiastützpunkt trainierenden Deutschen U-21-Meister im Limit bis 81 Kilogramm Erik Kauliski nach Punkten besiegt. Der Aufbau-Kämpfer agierte schneller und beweglicher. „Der Gegner war sicherlich technisch einen Tick besser, doch Mashal ist wie eine Walze gegangen. Mit seiner Physis und seinem Kampfgeist kann er viel erreichen“, erklärt sein Trainer René Hübner. Der 58. der unabhängigen Weltrangliste bei den Profis im Cruisergewicht stellt sich ihm regelmäßig als Sparringspartner zur Verfügung. „Ein lieber Junge. Man denkt gar nicht, dass er boxt. Er hat als einer von wenigen Flüchtlingen seinen Schulabschluss gemacht und ist seit Oktober Auszubildender als Fitnesskaufmann bei ABASA-Gesundheitssport. Mit seiner freundlichen Art wird er hier von allen gut aufgenommen“, sagt Hübner.

Voll des Lobes über den jungen Boxer und vor allem ob seiner sportlichen Qualitäten ist auch Frank von Mersewsky, der ein Video vom Kampf im Dezember gegen den kenianischen WM-Teilnehmer John Kyalo Nzioka zeigt. „Hier, der Schlag kommt völlig unverhofft, der Fürstenwalder wusste gar nicht woher. Der Kampf dauerte nur 90 Sekunden.“ Den dunkelhäutigen Spreestädter hatte Marefat bereits ein halbes Jahr zuvor im Halbfinale der Landesmeisterschaften besiegt. „Eine wilde Keilerei. Da haben beide nur ausgeteilt. Mashal hat dabei große Nehmerqualitäten bewiesen“, hat von Mersewsky zuletzt eine große boxerische Entwicklung ausgemacht. Eine Woche zuvor hatte Marefat bei einem Turnier den zweifachen Jugend-Europameister Fabian Thieme aus Berlin besiegt, der im Frühjahr Profi wurde.

Profi will auch Mashal Marefat werden. „Ich kann ihm das nicht ausreden“, sagt René Hübner mit einem Lächeln. „Wenn er weiter so durchzieht, wird er auch als Profi Erfolg haben und die Hallen füllen.“ Vor allem die in Eisenhüttenstadt, da der 43-jährige Hübner in diesem Jahr als Aktiver abtreten wird. Sein Profi-Debüt soll Marefat im Sommer in Berlin geben. Zuvor wird er noch einmal bei den Landesmeisterschaften als Amateur auftreten. „Er ist in Deutschland der Beste. Allerdings muss er vor allem im technisch-taktischen Bereich einiges aufholen. Boxen muss man verstehen, dass will ich ihm beibringen. Im Jugendbereich hat er aufgrund seiner überragenden Physis die Gegner beeindruckt, bei den Männern muss man darüber hinaus auch taktisch boxen können“, erklärt der Trainer, der laut Mersewski gleich bei der ersten Übungseinheit in der Sporthalle am Trockendock das Potenzial des Afghanen erkannt habe.

Da Mashal keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, sind Auswahlkämpfe kein Thema. In seiner Heimat hatte er übrigens nicht geboxt. Dass seine Eltern in Afghanistan geblieben sind, sei für ihn ein mentales Problem. „Er muss einiges durchgemacht haben. Nun gilt es zu lernen, dass bei den Kämpfen auszublenden“, erklärt Hübner. So sei Marefat bei den Deutschen U-21-Meisterschaften nicht mental auf der Höhe gewesen, war als Favorit im ersten Vergleich ausgeschieden. „Ein Dämpfer zur rechten Zeit. Nach den Erfolgen im Frühjahr hat er es doch ein bisschen schleifen lassen.“

Obwohl Hübner mit Marefats Vorbereitung auf die nationalen Titelkämpfe unzufrieden war, attestiert er ihm dennoch einen soliden Lebenswandel und einen hervorragenden Charakter. „Er ist konditionell immer top, raucht und trinkt nicht, hat nie die Schule geschwänzt, hat sich hinsichtlich der deutschen Sprache toll entwickelt.“ Marefat ist voll auf den Sport fokussiert. Befragt zu seinen Hobbies, entgegnet er nur „Fitness“. Kein Handy, keinen Computer, keine Bücher, keine Freundin ...

Hübner setzt auf ihn als sein Profi-Nachfolger in Eisenhüttenstadt. „Er muss auch das lockere Boxen lernen. Dieser Prozess dauert. Auch ich habe einige Zeit dafür benötigt. Nur wird das hier den Nachwuchsathleten über Jahre beigebracht – Mashal boxt aber erst seit drei Jahren.“

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