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Der Potsdamer Fotograf Frank Gaudlitz zeigt in Cottbus, wie er seit 30 Jahren die russische Seele porträtiert

Ausstellung
Erdenschwere Melancholie

Thomas Klatt / 05.02.2019, 09:30 Uhr
Cottbus (MOZ) „Ich bin in jeden Hinterhof gekrochen, ich habe die Petersburger Boulevards gesehen genauso wie die Schächte der früheren Gulags am Polarkreis“, sagt Frank Gaudlitz. „Russian Times“ nennt der Potsdamer Fotograf seine Ausstellung im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus.

30 Jahre lang reist er immer wieder nach Russland – zu Beginn seiner Unternehmungen ist es noch die Sowjetunion – um die Menschen dort zu fotografieren und die Welten zu offenbaren, in denen sie leben und arbeiten. Anfangs in schwarz-weiß und analog – ohne die übliche digitale Nachbearbeitung. Als er 1988 damit beginnt, ist er noch Student der Fotografie im 1. Studienjahr in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er bald in die Fotografie-Fachklasse von Arno Fischer aufgenommen wird.

Dutzende Male ist Gaudlitz in Russland, fast wie ein Besessener stellt er sich diesem Land, und will dessen Menschen verstehen. Er fährt zunächst an die Erdgastrasse, die FDJler und Russen gemeinsam bauen. In dieser tagelangen Zugreise versteht er zum ersten Mal diese erdenschwere Melancholie der russischen Literatur – Tschechow’sche Sehnsüchte ebenso wie die dunklen Abgründe bei Dostojewski – und fragt sich, ob man das auch mit der Kamera ausdrücken könnte. Gaudlitz kann es.

Er hält zunächst die Jahre der Perestroika und Glasnost fest, eine Zeit, in der anfangs auch die Russen große Hoffnung hatten. Bald jedoch macht sich der Optimismus rar; denn die verkündeten Umbrüche in der Sowjetunion funktionieren nicht, das Land ist zu groß und zu schwerfällig für Veränderungen und geht letzten Endes unter. Gaudlitz zeigt die Veränderungen in den Gesichtern der Menschen – aus Hoffnung wird in wenigen Jahren Resignation, die später in der Putin-Ära in einen selbstgerechten Nationalstolz übergehen wird.

Die Motive der fast 150 Bilder sind vielfältig. Er hält die Kamera in eine öffentliche Sauna, klettert selbst in Bergwerksstollen, um die Männer bei der Arbeit zu sehen. Er zeigt Straßensituationen, Alltagsbegebenheiten und das unspektakuläre Tagwerk einfacher Menschen. Und dennoch sind es Ausnahmesituationen des Lebens. Das ist das Außergewöhnliche an Gaudlitz’ Fotos: Er sieht im Alltäglichen das Besondere.

Wie macht man das, ohne sich anzubiedern? „Ich gehe so nah ran wie möglich und ahne den Moment, in dem sich ein Bild formiert, oft schon im Voraus“, sagt Gaudlitz. Abstand hält er trotzdem, auch emotional. Das gibt den Bildern dokumentarische Kraft, aber auch große Authentizität.

Eines der beeindruckenden Motive zeigt, wie sich ein Straßenjunge in einer Ruinenlandschaft mit einer Spielzeugpistole zornig gegen Gaudlitz wendet. Er weicht zurück und verwackelt das Foto, was die Aussage allerdings nur verstärkt. Im deutsch-nationalen Rajon Asowo an der kasachischen Grenze zeigt er deutschstämmige Christen, die in einer Kirche beten. Sie besteht aus einfachsten Holzbänken und hastig zusammengezimmerten Tischen. Die Menschen nehmen es als ihr Schicksal.

Beim Betrachten der Bilder von der Halbinsel Taimyr, über dem Polarkreis gelegen, glaubt man noch immer, den Gestank von Schwefel zu riechen. Einst war dort, wo heute noch die Bergwerke Nickel fördern, Stalins Gulag. Später geht Gaudlitz zur Farbfotografie über. Er setzt sie als ironisches Stilmittel ein. Die Fahnen und Transparente sind wirklich, ernst nimmt sie kaum noch jemand.

Und immer wieder Brüche: Als die Sowjetarmee in den 90er-Jahren zurückkehrte aus Deutschland, verspürten auch die Russen in St. Petersburg eine große Zuversicht, wenige Jahre später war sie aus den Gesichtern gewichen. Alles vergebens. Die Gesellschaft hatte sich erneut gewandelt.

Wer diese Bilder sieht, wird aufgefordert, russische Geschichte mitzudenken: Ein Riesenland, in dem erst 1861 die Leibeigenschaft abgeschafft wird, das sich von der blutigen Oktoberrevolution 1917 nicht erholen würde und fast nahtlos in den Stalinismus übergeht. Ein Land, das im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Menschen verliert. Und das 1990, mit der deutschen Wiedervereinigung, aus diesem Krieg als später Verlierer hervorgehen würde. Bis hin zum neuen russischen Selbstbewusstsein dieser Tage, das Nationalismus und Konsum auf eigene Art verbindet.

Für Gaudlitz, der das Russland-Thema vorerst beendet hat, schließt sich in Cottbus der Kreis. „Die vergehende Zeit wertet die Fotos auf“, sagt er beim Betrachten seiner Bilder, als sie schließlich alle im Museum hängen. Nachvollziehbares Verstehen aus der Geschichte heraus ist Gaudlitz wichtiger als ein flüchtiges Urteil. Man bekommt eine leise Ahnung davon, welche Seelenwelten er mit seiner Kamera durchschritten – und vielleicht auch durchlitten – hat.

Am 14. Februar um 18 Uhr steht eine Künstlerführung mit Vorstellung eines Katlogbuches im Programm des Museums.

Bis 31. März: Frank Gaudlitz: „Russian Times. 1988–2018“, Fotografie, Landesmuseum für moderne Kunst, Kunstmusuem Dieselkraftwerk, Uferstraße/ Am Amtsteich 15, Cottbus, Di–So 11–17 Uhr, Tel. 0355 4949404

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