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Der Bibliothekswissenschaftler Michael Seadle zum Fall Giffey

Plagiatsverdacht
Experte warnt vor schnellem Urteil über Giffey

Mathias Puddig / 12.02.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 12.02.2019, 08:11
Berlin (MOZ) Wie umgehen mit den Plagiatsvorwürfen gegen Familienministerin Franziska Giffey? Der Bibliothekswissenschaftler Michael Seadle von der Humboldt-Universität in Berlin warnt vor einem zu schnellen Urteil. Außerdem seien Plagiate gar nicht das größte Problem, sagt der Vorsitzende der Kommission, die sich mit der Überprüfung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens beschäftigt, im Gespräch mit Mathias Puddig.

Herr Seadle, was wissen Sie über die Plagiatsvorwürfe gegen Ministerin Giffey?

Nicht viel, denn es wurde ja noch nichts Eindeutiges veröffentlicht. Ich weiß allerdings, dass ich mit den Standards von VroniPlag nicht einverstanden bin. Deren Erwartungen sind meiner Meinung nach extrem hoch. Besonders wenn es darum geht, Texte zu paraphrasieren. Das ist ja gar nicht möglich, ohne ähnliche Worte und ähnliche Konzepte zu benutzen.

Im Fall Giffey sind die Vorwürfe sehr schnell an die Öffentlichkeit geraten. Wie gefährlich ist das?

Es ist einfach, solche Vorwürfe zu machen, denn es kostet nichts. Aber es kann eine Karriere zerstören, auch wenn noch keine handfesten Ergebnisse vorliegen. Man sollte zumindest konkrete Vorwürfe machen können. Das kommt zwar wahrscheinlich noch. Aber schon vorher den Verdacht zu äußern, das kann den Ruf einer Politikerin zerstören.

Es hat in den vergangenen Jahren mehrere Fälle von Politikern gegeben, denen Plagiate nachgewiesen wurden ...

Nein, es hat mehrere Vorwürfe gegeben, denen die Universitäten nachgegeben haben, indem sie den Betroffenen die Titel entzogen. Ich bin nicht überzeugt, dass diese Fälle berechtigt waren.

Wen meinen Sie?

Ich bezweifle, dass die damalige Bildungsministerin Annette Schavan fair behandelt wurde.

Wieso?

Es gibt einen Unterschied zwischen Fahrlässigkeit und grober Fahrlässigkeit. Grobe Fahrlässigkeit ist ein Plagiat, das ist klar. Aber Fahrlässigkeit allein? Das kann jedem passieren. Das ist keine Basis, auf der die Zukunft zerstört werden sollte. Es ist einfach, Politiker anzugreifen. Aber ist das auch berechtigt? Die Universitäten sind zu oft und zu schnell bereit, die Titel abzuerkennen. Und die Wissenschaftler, die diese Entscheidungen treffen, haben in der Regel nicht viel Erfahrung, wie man eine Plagiatsentscheidung treffen sollte. Die haben selbst Angst.

Ist das der Grund, warum in den vergangenen Jahren mehrere Politiker ihre Titel abgeben mussten?

Soweit ich weiß, suchen die Aktivisten von VroniPlag Inhalte, die frei zugänglich sind. Und sie benutzen verschiedene Systeme, um das zu erkennen, was sie dann Plagiat nennen. Es gibt gute digitale Werkzeuge, um Textüberschneidungen zu entdecken. Was aber oft vergessen wird: Plagiat untergräbt die Wissenschaft nicht. Das ist ein ethisches und ein urheberrechtliches Problem. Aber die eigentlichen Integritätsprobleme sind Datenverfälschung und Bildmanipulation. Das untergräbt die Fakten, auf denen wir die Wissenschaft errichten.

Das nachzuweisen, ist aber viel schwieriger.

Genau, und deshalb liegt der Fokus nicht auf diesen Themen, sondern auf dem, was einfach zu beweisen ist.

Sollten bei der Bewertung auch persönliche Umstände eine Rolle spielen? Ministerin Giffey hat ihre Doktorarbeit kurz nach der Geburt ihres Sohnes abgeschlossen.

Rein wissenschaftlich sollte natürlich das keine Rolle spielen. Aber menschlich kann man das verstehen: Wenn man ein Kind betreuen muss und gleichzeitig mitten in der Arbeit steckt, dann schreibt man vielleicht etwas schneller und sucht nicht jedes Detail raus. Das kann ich mir vorstellen, auch wenn ich das in diesem Fall nicht konkret weiß.

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Ralf H. Janetschek 12.02.2019 - 10:42:13

Standards für Doktorarbeiten sind zu niedrig

Ich nehme Herrn Prof. Michael Seadle, PhD als US-amerikanischen Wissenschaftler gerne ab, dass er mit den dortigen Gepflogenheiten in der amerikanischen Wissenschaftswelt sehr gut vertraut ist. In Deutschland gibt es jedoch im Allgemeinen für das Abschreiben (plagitieren, paraphrasieren) keinen Doktortitel. Eine Doktorarbeit sollte eine eigenständige wissenschaftliche Leitung sein, was beim Abschreiben gerade nicht der Fall ist. Seine Aussage in Bezug auf Doktorarbeiten. „Außerdem seien Plagiate gar nicht das größte Problem ...“ ist strikt zurückzuweisen. Wenn eine Doktorarbeit Abschreibungen enthält oder Zitate, welche nicht korrekt als solche gekennzeichnet sind, der Vorwurf steht bei der hier kritisierten Arbeit auch im Raum, erübrigt sich die Prüfung der restlichen Arbeit, sie ist dann schlicht durchgefallen. Eine Umschreibung oder Neufassung (paraphrasieren) eines vorhandenen Textes leistet jede gute Sekretärin, dazu braucht es keine Hochschulausbildung. Des weiteren ist auszuführen, daß in Deutschland wohl nicht der Standard für Promotionen (gemeint sind Doktorarbeiten) zu hoch, sondern im Gegenteil zu niedrig ist. Ralf H. Janetschek

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