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Gedenkstättenstiftung reagiert auf Relativierung und Umdeutung von Geschichte / Digitalisierung wird weiterer Arbeitsschwerpunkt

Geschichte
Neue Herausforderung Rechtspopulismus

„Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Arbeit der Gedenkstätten unmittelbar“, sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll am Mittwoch auf der Jahrespressekonferenz in Potsdam.
„Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Arbeit der Gedenkstätten unmittelbar“, sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll am Mittwoch auf der Jahrespressekonferenz in Potsdam. © Foto: dpa-Zentralbild/Ralf Hirschberger
Klaus D. Grote / 13.02.2019, 18:30 Uhr - Aktualisiert 13.02.2019, 18:32
Potsdam (MOZ) Brandenburgs NS-Gedenkstätten sehen politische Entwicklungen und Rechtspopulismus als neue Herausforderung. „Darauf müssen wir eine adäquate Antwort finden“, sagte der Direktor der Brandenburgischen Gedenkstättenstiftung Axel Drecoll am Mittwoch in Potsdam.

Der Historiker Drecoll, der im vergangenen Juni seinen langjährigen Vorgänger Günter Morsch abgelöst hatte, musste gleich zu Beginn seiner Amtszeit mit einem Eklat in der Gedenkstätte Sachsenhausen umgehen. Dort hatte eine AfD-Besuchergruppe eine Führung gestört und mit Relativierungen des Holocaust immer wieder unterbrochen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Zu solchen Vorfällen komme es an den Gedenkorten vergleichsweise selten, sagte Drecoll. Viel stärker betonte er die Zunahme von Antisemitismus und rassistischen Begrifflichkeiten. „Verfolgung beginnt mit der Sprache“, zitierte er den Romanisten und Politiker Victor Klemprer.  Er wolle keine einfachen Parallelen ziehen, es falle aber auf, dass zunehmend Gift verstreut werde, sagte Drecoll und sprach von Verharmlosungen und „Umdeutungen im nationalsozialistischen Sinne“. Dass der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar für fremdenfeindliche Parolen genutzt worden sei, empfinde er als „besonders perfide“.

Kulturministerin Martina Münch  (SPD) betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Erinnerungskultur und Bildung. „Gerade junge Menschen sollen für die Mechanismen eines Unrechtssystems sensibilisiert werden und damit auch für die Notwendigkeit, rechtsradikalen, rassistischen und antisemitischen Stimmungen bereits früh entschlossen entgegenzutreten“, sagte Münch und zeigte sich erfreut über die weiter steigenden Besucherzahlen. Das zeige, dass sich auch die Nachfolgegenerationen in gleichem Maße für die NS-Historie interessierten. Etwa 850 000 Besucher kommen  jährlich in die Brandenburgischen Gedenkstätten, davon mehr als 700 000 nach Oranienburg. Gemessen an den Besucherzahlen ist Sachsenhausen damit nach Dachau die zweitwichtigste Gedenkstätte Deutschlands.

Der zunehmende Nationalismus hat auch polnische Opferverbände erreicht. Das hatte zu Störungen am Jahrestag der Befreiung in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück im April 2018 gesorgt. Für den 22. Februar seien daher unterschiedliche Verbände, Vereine und die polnische Botschaft zu einem Vorbereitungstreffen eingeladen, sagte Gedenkstättenleiterin Insa Eschebach. Sie hoffe auf eine Vereinbarung für einen würdigen Gedenktag.

Zum 74. Jahrestag der Befreiung, der vom 12. bis 14. April begangen wird, werde der israelische Arzt Richard Fagot erwartet, der als Kind Insasse des Frauenkonzentrationslagers war. Am 12.September feiert Ravensbrück den 60. Gründungstag der Mahn- und Gedenkstätte. Insa Eschebach kündigte die Fertigstellung drei großer Baumaßnahmen an. Erstmals werde das historische Häftlingslager zugänglich. Das sanierte Wasserwerk werde für Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt. Und mit dem Abschluss der Sanierung des Zellenbaus könne das wichtigste Originalgebäude wieder besichtigt werden.

Axel Drecoll nannte mit der Digitalisierung einen weiteren Themenschwerpunkt der Stiftung. Dies betreffe die Erfassung der Bestände, aber auch neue Angebote für Besucher. Während einer Fachtagung sollen Chancen und Grenzen neuer Formen medialer Vermittlungen erörtert werden. Einen besonderen Besucherzugang gibt es in der Euthanasiegedenkstätte in Brandenburg/Havel. Dort wurden Menschen mit Lernschwierigkeiten zu Guides ausgebildet. Sie seien diejenigen, die einst unter die Euthanasie gefallen wären, sagte Martina Münch. Auch so wird NS-Geschichte vermittelt.

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Ralf H. Janetschek 13.02.2019 - 16:33:45

Zitat: Leopold von Ranke

"Die glücklichen Zeiten der Menschheit sind die leeren Blätter im Buch der Geschichte.." Leopold von Ranke (1795 - 1886), Berliner Historiker

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