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Blick in die 140-jährige Geschichte des Grundstückes Pfeil-/Gerichtsstraße, das jetzt für Wohnhaus und Kita-Neubau weicht

Geschichte
Gericht, Gefängnis, VPKA

Eine Postkarte aus der historischen Sammlung des Museums: das Köngliche Amtsgericht von Eberswalde um 1900. Jetzt sollen dort ein Wohnhaus, eine neue Kindertagesstätte sowie Praxen und eine Tagespflege-Einrichtung entstehen.
Eine Postkarte aus der historischen Sammlung des Museums: das Köngliche Amtsgericht von Eberswalde um 1900. Jetzt sollen dort ein Wohnhaus, eine neue Kindertagesstätte sowie Praxen und eine Tagespflege-Einrichtung entstehen. © Foto: Repro Museum
Viola Petersson / 14.02.2019, 07:15 Uhr
Eberswalde (MOZ) Eberswalde. Viel erinnert nicht mehr an die ursprüngliche Nutzung als Justizeinrichtung. Allein der Name „Gerichtsstraße“ verweist auf die Anfänge. Bevor der Abrissbagger über das Grundstück hinweggeht, tauchen Museum und MOZ in die Geschichte der Immobilie ein.

Nicht nur der neue Eigentümer, die Johanniter-Unfallhilfe, auch etliche Leser interessieren sich für die Geschichte der zuletzt als Polizeiwache genutzten Immobilie an der Pfeil-/Gerichtsstraße. „Ja, auch bei uns gibt es immer wieder Nachfragen“, bestätigt Museumsleiterin Birgit Klitzke, die deshalb mit ihrem kleinen Team noch mal auf Spurensuche gegangen ist. Wolfgang Stohr, der seinen Bundesfreiwilligendienst in der Adler-Apotheke absolviert, hat in Archiven recherchiert.

Demnach hat Eberswalde 1879 vom Justizministerium in Berlin den Auftrag zur Erbauung eines Amtsgerichtsgebäudes erhalten.  Dazu erwarb die Stadt ein Baugrundstück von Schlächtermeister Christian Friedrich Wilhelm Lüdecke und Johann Karl Friedrich Thomarth. In einer historische Akte unter dem Titel „Herlegung eines Gerichts und einer Strafkammer sowie die Erbauung des Amtsgerichtsgebäudes“ finden sich Grundrisszeichnungen mit dem Vermerk „Entworfen in der Abteilung für Bauwesen im Ministerium der öffentlichen Arbeiten“ von 1879. Es sei davon auszugehen, dass das Gebäude nach diesen Entwürfen errichtet wurde, hießt es aus dem Museum. Nach der Fertigstellung habe es die Stadt ans Justizministerium vermietet, wobei es in der Folge zu Streitigkeiten um die Höhe des Mietzinses und über Handwerkerrechnungen gekommen sein soll.

Mit der Geschichte der Immobilie nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich wiederum der Eberswalder Hobby-Historiker Eberhard Wühle befasst. Im Jahrbuch 2006/07 beschäftigte er sich intensiv mit den sowjetischen Besatzungstruppen in Eberswalde. Und in diesem Zusammenhang auch mit dem sogenannten Russenviertel. Das umfasste nach seinen Recherchen das Quartier zwischen Pfeil- und Ossietzky-Straße, westlich der Goethestraße. Die komplette Gerichtsstraße lag in diesem eingezäunten Areal. Das frühere Amtsgericht an der Pfeilstraße sei ein „zentrales Gebäude“ in dem Quartier gewesen. „Das angrenzende Gefängnis in der Gerichtsstraße nutzten die Russen für straffällig gewordene Angehörige der Roten Armee“, heißt es in dem Beitrag. Wie auch das Amtsgericht selbst zum Teil als Gefängnis diente, so Wühle heute. 1974/75 habe Eberswalde das Areal zurückbekommen. Der Rückbau des Zaunes hatte bereits 1973 begonnen und wurde 1974 beendet. Nach der Rückgabe habe die Stadt sofort die  Sanierung der Immobilie gestartet. Danach sei die Polizeiverwaltung, vormals im Alten Rathaus untergebracht, dort eingezogen. Es entstand das Volkspolizeikreisamt, den Eberswaldern kurz als VPKA bekannt. Nach der Wende wurde die Pfeilstraße 3 dann Sitz des Polizeipräsidiums.

Von der einst schmuckvollen Fassade war schon zur Wende nichts mehr übrig. „Anfang der 1980er-Jahre wurde der letzte Zierrat  beseitigt und Grauputz aufgetragen“, so Eberhard Wühle.  Gleichwohl stand das Gebäude unter Denkmalschutz. Dieser Status wurde vor dem Beginn der Abrissarbeiten aufgehoben. Der neue Eigentümer hat aber alles dokumentiert und im Bild festgehalten. Nach dem Beginn des Abbruchs im Januar ist bereits ein Teil des Nebengelasses verschwunden. Etwa das einstige Kampfgruppenlager. Die frühere Judohalle steht noch, doch auch ihre Tage sind gezählt. Bis Ende April soll der Rückbau des gesamten Areals abgeschlossen und der Bauschutt entsorgt sein.

Auch wenn die Zeiten der juristischen Nutzung seit Jahrzehnten vorbei sind, Arrestzellen gab es im Gebäude bis zum Schluss. Im Polizeijargon Gewahrsam genannt, verbrachten dort Delinquenten, Randalierer und Betrunkene die Nacht.

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